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Migration lässt die EU-Wirtschaft wachsen

Von Harvey11 20.10.2024, 09:58

Zwar verursacht Zuwanderung auch Kosten, wie eine Studie des IWF zeigt. Die Vorteile überwiegen demnach aber.

Die meisten Menschen haben in ihrem Privatleben mit Migration nicht viel zu tun. Als politisches Thema jedoch ist sie allgegenwärtig. Laut einer Umfrage des Eurobarometers vom Frühjahr ist Migration das zweitgrößte Sorgen-Thema in Europa, hinter dem Ukrainekrieg. Die Politik bemüht sich daher um die Abwehr unerwünschter Menschen einerseits und der Einladung von benötigten Arbeitskräften andererseits.
Aber welche ökonomischen Auswirkungen hatte die jüngste Migrationswelle überhaupt auf Europa? Das hat der Internationale Währungsfonds (IWF) nun umfassend untersucht und findet vor allem positive Aspekte. Denn „mit einer größeren Bevölkerung geht eine höhere Nachfrage einher und letztlich eine größeres Arbeitsangebot“. Hinter diesen Vorteilen blieben die Kosten der Migration in der Summe zurück.
Im Zuge der Fluchtwelle aus der Ukraine erreichte die Migration in die EU 2022 ein Rekordhoch von 6,5 Millionen Personen, rund vier Millionen davon aus der Ukraine. Das entsprach laut IWF einem Zuwachs von 1,4 Prozent der Bevölkerung, der um die Hälfte
größer war als der im Zeitraum 2015/16. Auch 2023 blieb die Zuwanderung deutlich über dem Stand vor der Corona-Pandemie.
Laut IWF wurden die Menschen aus der Ukraine schneller in den EU-Arbeitsmarkt integriert als in vorangegangenen Flüchtlingswellen. Dies lag einerseits an der hohen Arbeitsnachfrage der Unternehmen, zum anderen daran, dass den Ukrainerinnen und Ukrainern die Aufnahme von Arbeit schnell gestattet war. Nach Berechnungen der OECD lag ihre Beschäftigungsquote zwischen 60 Prozent in Polen und unter 20 Prozent in Italien.
Dies seien Werte, die sonst erst nach einer Aufenthaltsdauer von fünf Jahren und mehr erreicht würden.
Das trieb die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in die Höhe. In der EU war sie 2021 noch um 265000 gefallen, legte im Folgejahr aber um 838000 zu. „Der Rückgang der Erwerbsfähigen innerhalb der EU wurde mehr als kompensiert durch die Zuwanderung von außerhalb der EU“, erklärt der IWF. Das half bei der Befriedigung der extrem hohen
Nachfrage nach Arbeitskräften: Fast zwei Drittel der zwischen 2019 und 2023 neu geschaffenen Jobs wurde von Nicht-EU-Bürgern besetzt, gleichzeitig verharrte die Arbeitslosenrate der EU-Bürger auf historischen Tiefständen. Insgesamt, so der IWF, hat sich damit seit 2005 der Anteil der zugewanderten Menschen von innerhalb und außerhalb der EU an den gesamten Beschäftigten der EU von fünf auf zehn Prozent erhöht.
Mehr Menschen bedeutet mehr Nachfrage und mehr Beschäftigte – das wirkt auf das
Wirtschaftswachstum. Wie stark, das kann nur geschätzt werden und wird unter anderem von der Produktivität der Migranten bestimmt, erklärt der IWF. Diese Produktivität wiederum hängt nicht nur von der Qualifikation der Migranten ab – laut IWF sind eine große Anzahl von ihnen überqualifiziert, arbeiten also in Jobs unterhalb ihres Bildungsniveaus, insbesondere Frauen in der Pflege.
Doch auch wenn man davon ausgeht, dass die Zugewanderten im Durchschnitt ein Fünftel weniger produktiv seien als die Inländer, so werde die stärkere Zuwanderung der Jahre 2020 bis 2023 das Potenzialwachstum der EU bis zum Jahr 2030 doch um rund 0,5 Prozentpunkte pro Jahr erhöhen.
Mehr Wachstum bedeutet auch mehr staatliche Einnahmen. Gleichzeitig verursacht die
Migration zunächst Kosten, die der IWF auf 0,2 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung schätzt – also deutlich niedriger als das zusätzliche Wachstum. Die mittel und längerfristigen fiskalischen Auswirkungen der Migration hingen im wesentlichen von der Integration in den Arbeitsmarkt ab.
Vielfach wird kritisiert, Migrantinnen und Migranten würden als Lohndrücker eingesetzt,
was auf die inländischen Beschäftigten zurückfalle. „Laut Untersuchungen kann Migration tatsächlich Gewinner und Verlierer schaffen“, so der IWF. Längerfristig aber seien ihre Effekte im Durchschnitt eher positiv. Für eine Analyse der Wirkungen der jüngsten Migrationswelle auf das EU-Lohnniveau sei es noch zu früh, entsprechende Daten sind noch nicht verfügbar.
Eine weitere Kritik an der Migration setzt bei Ressourcenkonflikten an: Die Zugewanderten träten in Konkurrenz um Wohnungen, Schulplätze, um öffentliche
Gesundheits- und Transportdienstleistungen. Tatsächlich sei es möglich, so der IWF, dass es
hier in der EU regional zu Knappheiten gekommen ist – vor allem weil sich die Migranten sehr ungleich verteilten. So verzeichneten Regionen mit der höchsten Zuwanderung in Europa durch die hohe Netto-Zuwanderung einen Anstieg ihrer Bevölkerung von über drei Prozent bis Ende 2023.
Es fehlen laut IWF allerdings nochverlässliche Daten, um zu quantifizieren, inwiefern es tatsächlich in einzelnen EU-Regionen flächendeckend zu Ressourcenkonflikten gekommen ist. Hier sei man auf verstreute Hinweise angewiesen – die allerdings politisch ausgeschlachtet werden, um gegen Migration zu argumentieren.
Ressourcenkonflikte um öffentliche Dienstleistungen sind laut IWF allerdings kaum die Ursache für migrationskritische Einstellungen der Menschen. Untersuchungen zeigten, dass die Haltung zur Migration eher durch individuelle Merkmale bestimmt werde. So seien ältere Menschen eher gegen Zuwanderung, Menschen mit höherer Bildung eher dafür – unabhängig vom Angebot an öffentlichen Dienstleistungen.
Angesichts der positiven Wirkungen der zugewanderten Menschen auf die Wirtschaft rät der IWF der Politik daher dringend dazu, erstens ihren Zugang zum Arbeitsmarkt zu beschleunigen. Zweitens müsse sie ein ausreichendes Angebot an Schulen, Krankenhäusern und Wohnungen bereitstellen, um Ressourcenkonflikte zu vermeiden. Letztlich stellt sich damit die Frage, wohin das zusätzliche Geld fließt, das die Zuwanderung erwirtschaftet.
(Stephan Kaufmann, FR, 18.10.2024)

Es gibt Meldungen, die passen nicht in die verordnete Meinung.
Trotzdem sollte man sie nicht gleich verdammen, weil das Zwangsmittel Kürzungen der finanziellen Unterstützung der einfachere Weg scheint. Wenn da nicht die Angst vor dem rechten Gedankengut, auch in den eigenen Reihen wäre.

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