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Mal umgekehrt

Von Feierabend-Mitglied Montag 18.12.2023, 10:31 – geändert Montag 18.12.2023, 10:35

nicht aus der Schweiz Deutschland kritisieren, sondern aus Deutschland Kritik aus der Schweiz präsentieren.

"Die Schweizer Zementindustrie feiert so manche Rekorde. So sitzt der Weltmarktführer der Branche, Holcim, im Niedrigsteuer-Kanton Zug. Rekordverdächtig ist auch der Verbrauch im eigenen Land: fast fünf Millionen Tonnen Zement, der Hauptbestandteil von Beton ist, verbaute die Schweiz im letzten Jahr laut dem Branchenverband Cemsuisse, Tendenz steigend.

Über andere Höchstleistungen spricht die Branche dagegen nicht gerne: Keine andere Industrie verpestet die Schweizer Luft mit so vielen Schadstoffen wie die Zementwerke und entlässt zugleich so viele Treibhausgase. So ist auch die Summe rekordverdächtig, die Steuerzahlerinnen und -zahler für die Folgen ausgeben.

Fast eine halbe Milliarde Franken beträgt der volkswirtschaftliche Schaden durch die Zementindustrie, wie CORRECTIV Schweiz erstmals mit konkreten Zahlen aufzeigt. Das ist beinahe die Hälfte der Kosten, die durch die Luftverschmutzung der gesamten Schweizer Industrie entstehen.

Grundlage ist eine Berechnung der Europäischen Umweltagentur (EUA) mit Zahlen von 2017, die unseren Kolleginnen von CORRECTIV.Europe exklusiv vorliegt. Diese zeigt: Rund 475 Millionen Franken kosteten die Auswirkungen der Zementwerke die Schweiz in jenem Jahr. Das entspricht etwa der jährlichen Summe der Steuern, die über 400.000 Bürgerinnen und Bürger des Kantons Zürich zahlen.

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Die Schäden sind berechnet mit den volkswirtschaftlichen Kosten, die durch frühzeitige Todesfälle, Belastungen des Gesundheits-Systems, Umweltverschmutzung und Auswirkungen auf das Klima entstehen. Wenn Schadstoffe eingeatmet werden, führen sie zu Asthma, Bronchitis, chronischem Husten und weiteren Erkrankungen der Atemwege und der Lunge bis zu Krebs. Ebenso belastet wird das Herz-Kreislauf-System. Die Folgen sind Herzrhythmus-Störungen und Infarkte.

Die Schadstoffe verbreiten sich durch die Luft und lagern sich am Boden ab. Durch Regen oder Schnee dringen sie in den Boden ein. So können die Giftstoffe für Ernteausfälle sorgen oder ins Grundwasser gelangen. Sie schaden Pflanzen, Ökosystemen und Gebäuden – auch diese Verluste lassen sich in Franken und Rappen beziffern. Und schliesslich ruinieren Treibhausgase das Klima, indem sie für die Erhöhung der Temperatur verantwortlich sind – die Bewältigung dieser Folgen wird ebenfalls berechnet.

Über 2.000 Tote pro Jahr wegen Luftverschmutzung
Dass die sechs Schweizer Zementwerke massgeblich verantwortlich sind für die industrielle Luftverschmutzung, bestätigt Nino Künzli. Der frisch emeritierte Professor für Public Health an der Uni Basel hat über 30 Jahre zu Luftverschmutzung und Gesundheit geforscht. „Neben regionalen Holzheizungen ist die Beton- und Zementindustrie die wichtigste lokale Schadstoffquelle in der Schweiz“, sagt Künzli.

Die Folgen sind tödlich: 2.000 bis 3.000 Menschen sterben wegen der Luftverschmutzung in der Schweiz frühzeitig – jedes Jahr. Das hat das Bundesamt für Raumentwicklung berechnet. Die häufigsten Todesursachen sind Lungenkrebs sowie Herz-Kreislauf- und Atemwegs-Erkrankungen.

Die Summe von Schadstoffen, die die Zementindustrie von 2007 bis 2021 ausgestossen hat, ist riesig. Allein Marktführer Holcim hat in dieser Zeit über 44 Millionen Tonnen in die Umwelt entlassen.

Zu den Stoffen, die die Zementindustrie in die Luft bläst, gehören das hochgiftige Schwermetall Quecksilber ebenso wie das Gift Arsen. Ausserdem Stickstoffoxide, die mit Krankheiten wie Diabetes, Asthma, der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD oder Schlaganfällen in Zusammenhang gebracht werden. Schwefeldioxid entsteht bei der Verbrennung von schwefelhaltigen Brennstoffen in der Zementproduktion: Das Gas reizt die Atemwege und verursacht sauren Regen. Besonders gefährlich sind Feinstaubpartikel, die zu Krebs und vorzeitigem Tod führen können, sowie das krebserregende Benzol. Der aromatische Kohlenwasserstoff ist nachweislich für die Verursachung von Blutkrebs bei Menschen verantwortlich, indem es das Knochenmark schädigt und die Erzeugung von Blutkörperchen verringert.

Die Schweizer Luftreinhalte-Verordnung lässt Unternehmen viel Spielraum. Die Emissionen krebserzeugender Stoffe seien soweit zu begrenzen, wie dies technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar sei, heisst es dort – und zwar „unabhängig vom Risiko der durch sie verursachten krebserzeugenden Belastung“. Die Grenzwerte spiegeln diese Haltung wieder. Melden müssen Unternehmen den Benzol-Ausstoss in die Luft sogar erst ab 1’000 Kilogramm pro Jahr. Dabei publiziert das Bundesamt für Umwelt, dass der krebserzeugende Stoff selbst in geringsten Mengen gesundheitsschädlich ist.

Folgen für die Zementindustrie hat diese Erkenntnis nicht. Die Schweizer Zementwerke entliessen von 2007 bis 2021 knapp 240 Tonnen Benzol in die Umwelt."


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