Je diffuser die Ideen, desto besser für Russland und die USA
Luitz Herden, der Freitag 17.4.2025
Von „Elektroschock“ war die Rede nach dem Wortgefecht Selenskyj-Trump im Weißen Haus am 28. Februar. Mehr als mit den Telefonaten zwischen dem Präsidenten der USA und Russlands war zu Bewusstsein gebracht, dass die neue Administration in Washington mit dem Ukraine-Beistand der Biden-Regierung bricht. Eine „Koalition der Willigen“ aus 30 vorwiegend europäischen Staaten entstand als unmittelbare Reaktion darauf. Sie war Bekenntnis und wurde Konferenzformat. Das Motto: Wir sind auch noch da, und wir sind wer. Das Motiv: Wir dürfen den Ukraine-Krieg politisch nicht verlieren – egal, wie er militärisch ausgeht.
Über das Stadium gegenseitiger Ermutigung und surrealer Rhetorik kam diese informelle Allianz seither nicht hinaus. Ihr jüngstes Treffen in Brüssel kreierte Vorstellungen, die allzu sehr im Ungefähren kreisen, als dass Entscheidungen erkennbar wären. Sollten die „Willigen“ im Blick auf die Ukraine zu Truppenstellern werden, kursieren nunmehr Label wie „Schutzkorps“, „Rückversicherungskräfte“ oder „Garantiekontingente“. Befragt, wie stark sollten diese Formationen sein, antworten Frankreich und Großbritannien: 20.000 bis 30.000 Mann. Die wo disloziert werden? Plötzlich ist weniger der Westen der Ukraine im Gespräch, was u.a. auf Polen als Stationierungsort verweist. Beim einer 535 Kilometer langen gemeinsamen Grenze nachvollziehbar, aber kaum denkbar, da Premier Donald Tusk bisher jegliche Beteiligung an europäischen Verbänden für Kiew verneint. Es wäre mit polnischem Souveränitätsverständnis überdies unvereinbar, ganze Divisionen aufzunehmen, die keinem polnischen Kommando unterstehen, aber in eine direkte Konfrontation mit der russischen Armee geraten können.
Der Wille der „Willigen“ neigt zu Ideen, denen der Praxistest besser erspart bleibt. Sie stiften gedankliches Chaos, das vor allem eines bezeugt: Hier agieren Staaten, die jahrelang daran gewöhnt waren, die Ukraine-Politik den USA zu überlassen, und nun um Fassung ringen, wenn sich deren Intentionen jäh ändern. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass Russland seinen Kriegszielen nicht abschwört, wenn die Gegenseite erodiert und die USA einer Ukraine-Koalition nur noch bedingt zur Verfügung stehen. Beim jüngsten Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe war US-Verteidigungsminister Pete Hegseth mehr Beobachter als Beteiligter.
Für Moskau entstehen damit schlichtweg günstigere Konditionen als bisher, um einen Kriegsausgang – nicht ein Kriegsende schlechthin – zu erwirken, der kein Vorstadium eines nächsten Schlagabtauschs mit der Ukraine ist. Deshalb soll nicht nur ein NAZO-Eintritt vertraglich ausgeschlossen, sondern auch deren militärisches Potenzial eingeschränkt werden. Wladimir Putin hätte diesen Krieg nicht geführt, sich internationaler Ächtung ausgesetzt und Zehntausende von Soldaten verloren, wollte er an seinen Zielen ohne Not Abstriche machen. Er könnte freilich in Not geraten, sollte seine Unbedingtheit das Verhältnis zu den USA gefährden. Aber auch Donald Trump käme nicht ungeschoren davon, würde eine Waffenruhe scheitern.
Da ist es geradezu frevelhaft, wenn die „Koalition der Willigen“ darauf verzichtet mit einer eigenen Friedensagenda in die Bresche zu springen und ihrerseits an Russland heranzutreten. Wer ständig beteuert, sich von den USA emanzipieren zu wollen, sollte es jetzt tun. Nur offenbar fehlt den „Willigen“ der Wille, Friedenshelfer zu sein.
………………..
Die Willigen, ein aufgeregter und hilfloser Hühnerhaufen. Ich stelle mir gerade die NATO ohne die USA vor.
Und die Ukraine? Gezündelt, sich verkalkuliert, jetzt die Folgen tragen. Zu mehr ist der Westen nicht fähig.
Frieden schaffen? Unfähig dazu oder tatsächlich willenlos.
Je diffuser die Ideen, desto besser für Russland und die USA
Luitz Herden, der Freitag 17.4.2025
Von „Elektroschock“ war die Rede nach dem Wortgefecht Selenskyj-Trump im Weißen Haus am 28. Februar. Mehr als mit den Telefonaten zwischen dem Präsidenten der USA und Russlands war zu Bewusstsein gebracht, dass die neue Administration in Washington mit dem Ukraine-Beistand der Biden-Regierung bricht. Eine „Koalition der Willigen“ aus 30 vorwiegend europäischen Staaten entstand als unmittelbare Reaktion darauf. Sie war Bekenntnis und wurde Konferenzformat. Das Motto: Wir sind auch noch da, und wir sind wer. Das Motiv: Wir dürfen den Ukraine-Krieg politisch nicht verlieren – egal, wie er militärisch ausgeht.
Über das Stadium gegenseitiger Ermutigung und surrealer Rhetorik kam diese informelle Allianz seither nicht hinaus. Ihr jüngstes Treffen in Brüssel kreierte Vorstellungen, die allzu sehr im Ungefähren kreisen, als dass Entscheidungen erkennbar wären. Sollten die „Willigen“ im Blick auf die Ukraine zu Truppenstellern werden, kursieren nunmehr Label wie „Schutzkorps“, „Rückversicherungskräfte“ oder „Garantiekontingente“. Befragt, wie stark sollten diese Formationen sein, antworten Frankreich und Großbritannien: 20.000 bis 30.000 Mann. Die wo disloziert werden? Plötzlich ist weniger der Westen der Ukraine im Gespräch, was u.a. auf Polen als Stationierungsort verweist. Beim einer 535 Kilometer langen gemeinsamen Grenze nachvollziehbar, aber kaum denkbar, da Premier Donald Tusk bisher jegliche Beteiligung an europäischen Verbänden für Kiew verneint. Es wäre mit polnischem Souveränitätsverständnis überdies unvereinbar, ganze Divisionen aufzunehmen, die keinem polnischen Kommando unterstehen, aber in eine direkte Konfrontation mit der russischen Armee geraten können.
Der Wille der „Willigen“ neigt zu Ideen, denen der Praxistest besser erspart bleibt. Sie stiften gedankliches Chaos, das vor allem eines bezeugt: Hier agieren Staaten, die jahrelang daran gewöhnt waren, die Ukraine-Politik den USA zu überlassen, und nun um Fassung ringen, wenn sich deren Intentionen jäh ändern. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass Russland seinen Kriegszielen nicht abschwört, wenn die Gegenseite erodiert und die USA einer Ukraine-Koalition nur noch bedingt zur Verfügung stehen. Beim jüngsten Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe war US-Verteidigungsminister Pete Hegseth mehr Beobachter als Beteiligter.
Für Moskau entstehen damit schlichtweg günstigere Konditionen als bisher, um einen Kriegsausgang – nicht ein Kriegsende schlechthin – zu erwirken, der kein Vorstadium eines nächsten Schlagabtauschs mit der Ukraine ist. Deshalb soll nicht nur ein NAZO-Eintritt vertraglich ausgeschlossen, sondern auch deren militärisches Potenzial eingeschränkt werden. Wladimir Putin hätte diesen Krieg nicht geführt, sich internationaler Ächtung ausgesetzt und Zehntausende von Soldaten verloren, wollte er an seinen Zielen ohne Not Abstriche machen. Er könnte freilich in Not geraten, sollte seine Unbedingtheit das Verhältnis zu den USA gefährden. Aber auch Donald Trump käme nicht ungeschoren davon, würde eine Waffenruhe scheitern.
Da ist es geradezu frevelhaft, wenn die „Koalition der Willigen“ darauf verzichtet mit einer eigenen Friedensagenda in die Bresche zu springen und ihrerseits an Russland heranzutreten. Wer ständig beteuert, sich von den USA emanzipieren zu wollen, sollte es jetzt tun. Nur offenbar fehlt den „Willigen“ der Wille, Friedenshelfer zu sein.
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Die Willigen, ein aufgeregter und hilfloser Hühnerhaufen. Ich stelle mir gerade die NATO ohne die USA vor.
Und die Ukraine? Gezündelt, sich verkalkuliert, jetzt die Folgen tragen. Zu mehr ist der Westen nicht fähig.
Frieden schaffen? Unfähig dazu oder tatsächlich willenlos.