Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

6 7

Knochenberge in Sicht

Von Harvey11 15.06.2025, 13:16

Die Wehrpflicht wäre eine so geschichtsvergessene wie folgenschwere Reaktion auf die “Zeitenwende“ im Verhältnis zu den USA

Es ist erst gut einen Monat her, dass man sich der Knochenberge erinnerte, die ein unbändiges Wüten der Geschichte vor 80 Jahren hinterlassen hatte. Das verwüstete Deutschland hatte verwüsteter Hirne bedurft, um in den Zustand versetzt zu werden, in dem es sich im Mai 1945 darbot, von Europa ganz zu schweigen. Das Wissen um die erbarmungswürdige Zerstörbarkeit des Menschen im Krieg ließ dem Entsetzen freien Lauf. Das Erschrecken darüber, wie übergriffig Geschichte sein konnte, wie wenig sie sich scherte um eine alles andere als unerschöpfliche Leidensfähigkeit, hinterließ Wirkung. Es erschien ratsam, den Mantel der Geschichte nicht erneut knatternd rauschen zu lassen, sich stattdessen der Gewissheit anzuvertrauen, wie geschlagen man unter ihm hervorkriechen konnte.
Bundesdeutscher Außenpolitik verhalf das – nicht durchgehend, aber erkennbar – zum Gebot ziviler Zurückhaltung, um anzuzeigen, sich historischer Schuld bewusst zu sein. Als hätte man Thomas Mann erhört, der 1945 in einer seiner letzten BBC-Ansprachen den deutschen Hörern zu bedenke empfahl, „dass die Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist“.
Mittlerweile hat das einst als menschengemäß Erkannte gründlich ausgespielt. Seit Deutschland keine Zweistaatlichkeit mehr bremst, gerät tapfere Vorsicht als Scheu vor Verantwortung in Verruf. Und das nicht erst seit Russlands Krieg gegen die Ukraine. Es begann in Kambodscha und in Somalia mit Auslandsmissionen der Bundeswehr in denn frühen 1990er-Jahren und gipfelte 1999 (vorläufig) im Luftkrieg gegen Serbien und in einem Bruch des Völkerrechts. Die Geschichte durfte sich als Wiederholungstäterin Geltung verschaffen. Um zu kaschieren oder zu rechtfertigen, gewann eine Politik die Oberhand, welche auf Stimmungen setzte, um denen kognitive Relevanz anzudichten. Erinnerte das von den Serben bedrohte Kosovo nicht stark an Auschwitz? - wurde gefragt. Unversehens war Geschichte zur Hand, um missbraucht zu werden und die Gegenwart nicht mehr verstehen zu müssen, sondern empfinden zu können. Rationalität hatte ausgesorgt, wenn Gesinnungspathos am Zug war, um ein Hochamt der Gefühle und Reflexe zu feiern, das staatsreligiöse Züge trug.
Seither wird das in Deutschland als eingespielte Praxis regierungs- wie parteiübergreifend weitergegeben und vom derzeitigen Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) mit der aufgeräumten Jovialität der Überzeugungstäter verkörpert. Am Rande eines NATO-Treffens hat er vor Tagen kundgetan, die Bundeswehr müsse um 60.000 aufgestockt werden. Da Pistorius mutmaßlich keine Phantom-Armee vorschwebt, kann dieses Soll nur durch eine beschleunigte oder baldige Rückkehr zur Wehrpflicht erbracht werden. Dabei sind Rekruten gefragt, denen weniger Kasernen- als Kriegsdienst in Aussicht steht. Schließlich korrespondiert der Aufrüstungsfuror im Europa der NATO und EU mit dem innigen Wunsch, auf kriegstüchtige Armeen und ebensolche Gesellschaften zurückgreifen zu können. Noch in diesem Jahrzehnt, so das vorherrschende Narrativ, werde Russland der Versuchung erliegen und angreifen. Das zu hinterfragen, weil ein solches Verhalten selbstzerstörerisch wäre, gilt als Sakrileg. Künftigen Wehrpflichten wäre es demnach bestimmt, mit ziemlicher Sicherheit einem Krieg mit Russland ausgeliefert zu sein, den aus christdemokratischer und sozialdemokratischer Sicht hierzulande nichts aufhält als unbedingte Kriegsfähigkeit. Werden wieder Knochenberge gebraucht, um sich von der grenzenlosen Zerstörbarkeit des Menschen zu überzeugen und das im Nachhinein zu beklagen? 80 Jahre sind eine lange Zeit, in der bittere Erfahrungen verblassen und die Narben nicht mehr sichtbar sind, weil die Generation fast verschwunden ist, die sie mit sich herumtrug.
Egal, wie die Bundeswehr ihr Personal aufstockt, die in ihren Reihen dienenden Soldaten werden dafür in Haftung genommen, dass die Politik statt angemessener eher anachronistische, altbackene und angstbesetzte Antworten darauf findet, was ihr gerade widerfährt. Die wirkliche „Zeitenwende“ besteht weniger im Ukraine-Krieg als in einer Abkehr der USA von Europa während des Ukraine-Krieges. Donald Trump will offenbar nichts mehr dagegen unternehmen, dass sich Russland die Beinfreiheit verschafft, die es durch einen NATO-Brückenkopf Ukraine gefährdet sieht. Hat Wladimir Putin das Recht dazu? Eine berechtigte, nur unvollständige Frage, solange ausgeklammert bleibt, wie berechtigt seine Interessen sind. Enden dreieinhalb Jahrzehnte des geostrategischen, gegen Moskau gerichteten Rollbacks, dessen Referenzprojekt die NATO-Osterweiterung war, womöglich mit einem Patt? Vollends revidieren lässt sie sich nicht. Russland wäre damit und hätte sich damit – bis an die Grenze seiner Ressourcen? – gut bedient. Eine um 60.000 oder 100.000 Mann aufgestockte Bundeswehr wird daran nichts ändern. Es sei denn, sie erliegt im europäischen NATO-Verbund ihrerseits der selbstzerstörerischen Versuchung und riskieret einen Krieg in Europa, von dem nicht viel oder nichts übrig bleiben würde, wofür sich zu leben lohnt. Dies zu erkennen, kann so schwer nicht sein, statt Geschichte machen zu wollen, die niemand mehr aufschreiben kann.
Lutz Herden, Der Freitag, 12.6.2025
…….
Schon wieder will man die stärkste Armee Europas schaffen, schon wieder die Hetze gegen den Feind, schon wieder Feste, Feiertage und Shows zur Verherrlichung des Militärs und des Krieges und schon wieder wird schon bei Kindern Begeisterung für Waffen geweckt.
Wann werden Lehrer wieder stolz darauf sein, dass sich ihre Klassen vollzählig zum Krieg melden?

Kommentieren
Mitglieder > Veranstaltungen > Knochenberge in Sicht