Bei der Berufsmesse MyJobOWL in Bad Salzuflen hat den mit Abstand größten Stand aller Arbeitgeber die Bundeswehr. Zwei Dutzend Soldaten sind im Einsatz.Am Rande führen Jugendoffiziere im kleinen Kreis Gespräche. Uniformierte berichten von ihren Auslandseinsätzen und schwärmen von den Karrieremöglichkeiten beim Militär.
Die Bundeswehr hat ein drastisches Nachwuchsproblem. Gut 180.000 Mann (und Frau) zählt die Truppe, bis Anfang der 2030er sollen es über 200.000 werden. Doch zuletzt ist die Zahl der Zeit- und Berufssoldaten sogar leicht gesunken. Es gibt zu wenig freiwillig Interessierte. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) denkt daher über die Wiedereinführung der seit 2011 ausgesetzten Wehrpflicht nach. Leicht abgeschwächte Pläne dazu liegen in der Schublade: Alle 17- bis 18-jähjrigen, auch die jungen Frauen, erhalten demnächst per Post einen Fragebogen von der Bundeswehr. Dessen Beantwortung ist für die jungen Männer obligatorisch; Teile werden dann aufgefordert, sich auch „körperlich“ mustern zu lassen.
»Zeitenwende« und »Wehrhaftigkeit« müssen endlich in den Köpfen ankommen, verlangt Pistorius. Mit seinem Feldzug für »Kriegstüchtigkeit« bekämpft er die in der Bevölkerung weit verbreitete Ablehnung militärischer Einsätze. In der ideologischen Schlacht gegen pazifistische Tendenzen kann er auf viele Mitstreiter zählen. Politiker fast aller Parteien, Linke und BSW ausgenommen, befürworten sein Drängen, den Dienst bei der Armee offensiver zu bewerben. Wichtigster Schauplatz dieser Kampagne neben beruflicher Orientierungsveranstaltungen oder Jugendmessen Schulen.
Gleich nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 forderte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) den Einsatz von mehr Jugendoffizieren an Schulen, man müsse Kindern den Krieg und die deutsche Verteidigungspolitik erklären. Der bayerische Landtag verabschiedete im Juli 2024 ein Gesetz zur »Förderung der Bundeswehr«. Im Rahmen der politischen Bildung sollen wie einst im Kalten Krieg wieder regelmäßig Soldaten in die Klassenräume eingeladen werden. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) begründet die engere Kooperation von Schule und Truppe mit der veränderten Sicherheitslage. Um »abwehrbereit« zu sein, braucht man nicht nur Waffen, sondern eben auch Menschen, die sie bedienen. Während Bayern die Militärpräsenz in den Schulen gleich zur Pflicht erklärte, sind andere Bundesländer vorsichtiger. Die meisten Kultusministerien reagieren zurückhaltend auf Appelle, Bildungseinrichtungen »kriegstüchtig« zu machen. Manche ostdeutsche Politiker fühlen sich gar an den »Wehrkundeunterricht« zu DDR-Zeiten erinnert. Bisher gewähren 9 von 16 Bundesländern der Armee im Rahmen von Kooperationsverträgen privilegierten Zugang zu Schulen.
Im schwarz-grün regierten Nordrhein-Westfalen dürfen Soldaten schon jetzt Unterrichtsstunden gestalten. Allerdings auf freiwilliger Basis, die Auftritte der Uniformierten beruhen in der Regel auf persönlicher Initiative einzelner Lehrer. Kein Pädagoge zwischen Rhein und Weser ist genötigt, sie in seiner Klasse zuzulassen. Bayerns Vorbild folgen will NRW bislang nur die AfD, andere Parteien sind eher skeptisch. Einzelne CDU-Politikerinnen wie die Kölner Bundestagsabgeordnete Serap Güler aber fordern, »verpflichtende Schulbesuche von Jugendoffizieren ab der 9. Klasse«.
Völlig ablehnend äußert sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. »Alle, die für Demokratie und Friedenspolitik werben, können keine Kooperation von Schulen und Bundeswehr befürworten«, sagt die GEW-Landesvorsitzende Ayla Celik. Schule sein ein Schutzraum und kein »Ort der Rekrutierung«, die Gewerkschafterin spricht von »gezielter Imagepflege«. Auch die NRW-Landesschülervertretung betont in ihrem Grundsatzprogramm, das Militär sei an den Schulen »nicht erwünscht«.
Der aktuelle Bundeswehrjahresbericht weist für 2023 insgesamt rund 5.500 Veranstaltungen von Jugendoffizieren aus, knapp 122.000 Schüler wurden so erreicht. Es gibt zu diesem Zweck bundesweit 94 hauptamtliche Dienstposten, zudem mehrere hundert Stellen in der Karriereberatung. Die Militärs interpretieren ihre Einsätze in Bildungseinrichtungen ganz anders als die GEW. »Ich beeinflusse die Schüler nicht«, beteuerte einer der engagierten Soldaten. Man wolle informieren und keineswegs gezielt anwerben. »Nachwuchsgewinnung« stehe nicht im Vordergrund. Seine Auftritte vor den Klassen versteht der Offizier als eine Art Unterweisung in Staatsbürgerkunde, er referiere betont sachlich zum Thema Krieg und Frieden.
Ministerin Stark-Watzinger drückt sich weniger vorsichtig aus. Im Mai 2024 verlangte sie, Schulen sollten Kinder auf einen möglichen militärischen Konflikt vorbereiten. Sie müssten dafür sorgen, dass diese ein »unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr« entwickeln, und Zivilschutzübungen durchführen. Längst dröhnen wie in Zeiten des Kalten Krieges auf Schulhöfen und in Klassenzimmern wieder die Alarmsirenen. Das hat keineswegs nur Sicherheitsgründe, unterschwellig dient es der psychologischen Vorbereitung auf den »Ernstfall«.
Sie hat auch die Universitäten im Blick: Diese müssten sich für militärische Forschung stärker öffnen. Zivilklauseln, die Hochschulen verpflichten, ausschließlich für friedliche Zwecke wissenschaftlich tätig zu sein, gehörten abgeschafft, stimmt CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz zu. Das CSU-regierte Bayern fordert gar eine »Kooperationspflicht im Interesse der nationalen Sicherheit«. Kritiker sehen darin einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Autonomie der Hochschulen und einen Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit.
Kinder und Jugendliche hätten seit den Konflikten in der Ukraine und in Gaza viele »viele Fragen zu den Ursachen von Krieg und Gewalt«, beobachtet die Referentin beim GEW-Hauptvorstand Martina Schmerr. Ein Anknüpfungspunkt seien auch die alltäglichen Kontakte zu aus Krisengebieten geflüchteten Mitschüler. Sie fordert, diese Themen altersgemäß zu behandeln. Es sei das zentrale pädagogische Ziel, gewaltfreie Konfliktlösungen zu diskutieren, und darum nötiger denn je, die »Friedenserziehung zu stärken und verbindlich in Lehrplänen und Fortbildung zu verankern«.Dies gehöre »in die Hände der dafür ausgebildeten Lehrkräfte«, nur sie können gewährleisten, dass auch »unterschiedliche Sichtweisen« präsentiert werden. Vorträge von Offizieren, die »den Richtlinien des Verteidigungsministeriums verpflichtet sind«, und folgerichtig eher für Aufrüstung und mehr Soldaten plädieren, sieht die als wenig ausgewogenes Angebot. Schulen dienen nicht dazu, Nachwuchs für die Truppe zu rekrutieren und dürften nicht »für militärische Zwecke missbraucht werden.
Auszug aus „Erziehung zur Wehrtüchtigkeit“ von Thomas Gesterksmp, der Freitag vom 5.10.2024
Die Kriegstrommeln werden immer wilder geschlagen. Wurde gestern noch eine Kriegsfähigkeit gefordert, nennt man es heute verschämt Kriegsfähigkeit. Auch in den Regionalprogrammen wird über heimatliche Soldaten berichtet, die gerne ihre Ausbildung absolvieren. Natürlich mit viel Lagerfeuer. (Jedenfalls im HR) Ansonsten nichts Neues. Nur dass früher die Lehrer selbst für den Waffendienst warben. Heute traut man denen nicht mehr. Süß ist es fürs Vaterland zu sterben. Wir versprechen zwar keine Jungfrauen, nur ein Stückchen buntes Blech dürfen sich die Hinterbliebenen neben das Bild des „Helden“ legen. Toll, Statt Papi eine Anstecknadel. Ich finde, das ist ein sehr schlechter Tausch.
Jetzt weiß hoffentlich jeder, warum uns ständig Angst vor den Russen gemacht wird.
Wehrpflicht? Dann werden die Beratungsstellen für Verweigerer wieder geöffnet.t.
Bei der Berufsmesse MyJobOWL in Bad Salzuflen hat den mit Abstand größten Stand aller Arbeitgeber die Bundeswehr. Zwei Dutzend Soldaten sind im Einsatz.Am Rande führen Jugendoffiziere im kleinen Kreis Gespräche. Uniformierte berichten von ihren Auslandseinsätzen und schwärmen von den Karrieremöglichkeiten beim Militär.
Die Bundeswehr hat ein drastisches Nachwuchsproblem. Gut 180.000 Mann (und Frau) zählt die Truppe, bis Anfang der 2030er sollen es über 200.000 werden. Doch zuletzt ist die Zahl der Zeit- und Berufssoldaten sogar leicht gesunken. Es gibt zu wenig freiwillig Interessierte. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) denkt daher über die Wiedereinführung der seit 2011 ausgesetzten Wehrpflicht nach. Leicht abgeschwächte Pläne dazu liegen in der Schublade: Alle 17- bis 18-jähjrigen, auch die jungen Frauen, erhalten demnächst per Post einen Fragebogen von der Bundeswehr. Dessen Beantwortung ist für die jungen Männer obligatorisch; Teile werden dann aufgefordert, sich auch „körperlich“ mustern zu lassen.
»Zeitenwende« und »Wehrhaftigkeit« müssen endlich in den Köpfen ankommen, verlangt Pistorius. Mit seinem Feldzug für »Kriegstüchtigkeit« bekämpft er die in der Bevölkerung weit verbreitete Ablehnung militärischer Einsätze. In der ideologischen Schlacht gegen pazifistische Tendenzen kann er auf viele Mitstreiter zählen. Politiker fast aller Parteien, Linke und BSW ausgenommen, befürworten sein Drängen, den Dienst bei der Armee offensiver zu bewerben. Wichtigster Schauplatz dieser Kampagne neben beruflicher Orientierungsveranstaltungen oder Jugendmessen Schulen.
Gleich nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 forderte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) den Einsatz von mehr Jugendoffizieren an Schulen, man müsse Kindern den Krieg und die deutsche Verteidigungspolitik erklären. Der bayerische Landtag verabschiedete im Juli 2024 ein Gesetz zur »Förderung der Bundeswehr«. Im Rahmen der politischen Bildung sollen wie einst im Kalten Krieg wieder regelmäßig Soldaten in die Klassenräume eingeladen werden. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) begründet die engere Kooperation von Schule und Truppe mit der veränderten Sicherheitslage. Um »abwehrbereit« zu sein, braucht man nicht nur Waffen, sondern eben auch Menschen, die sie bedienen. Während Bayern die Militärpräsenz in den Schulen gleich zur Pflicht erklärte, sind andere Bundesländer vorsichtiger. Die meisten Kultusministerien reagieren zurückhaltend auf Appelle, Bildungseinrichtungen »kriegstüchtig« zu machen. Manche ostdeutsche Politiker fühlen sich gar an den »Wehrkundeunterricht« zu DDR-Zeiten erinnert. Bisher gewähren 9 von 16 Bundesländern der Armee im Rahmen von Kooperationsverträgen privilegierten Zugang zu Schulen.
Im schwarz-grün regierten Nordrhein-Westfalen dürfen Soldaten schon jetzt Unterrichtsstunden gestalten. Allerdings auf freiwilliger Basis, die Auftritte der Uniformierten beruhen in der Regel auf persönlicher Initiative einzelner Lehrer. Kein Pädagoge zwischen Rhein und Weser ist genötigt, sie in seiner Klasse zuzulassen. Bayerns Vorbild folgen will NRW bislang nur die AfD, andere Parteien sind eher skeptisch. Einzelne CDU-Politikerinnen wie die Kölner Bundestagsabgeordnete Serap Güler aber fordern, »verpflichtende Schulbesuche von Jugendoffizieren ab der 9. Klasse«.
Völlig ablehnend äußert sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. »Alle, die für Demokratie und Friedenspolitik werben, können keine Kooperation von Schulen und Bundeswehr befürworten«, sagt die GEW-Landesvorsitzende Ayla Celik. Schule sein ein Schutzraum und kein »Ort der Rekrutierung«, die Gewerkschafterin spricht von »gezielter Imagepflege«. Auch die NRW-Landesschülervertretung betont in ihrem Grundsatzprogramm, das Militär sei an den Schulen »nicht erwünscht«.
Der aktuelle Bundeswehrjahresbericht weist für 2023 insgesamt rund 5.500 Veranstaltungen von Jugendoffizieren aus, knapp 122.000 Schüler wurden so erreicht. Es gibt zu diesem Zweck bundesweit 94 hauptamtliche Dienstposten, zudem mehrere hundert Stellen in der Karriereberatung. Die Militärs interpretieren ihre Einsätze in Bildungseinrichtungen ganz anders als die GEW. »Ich beeinflusse die Schüler nicht«, beteuerte einer der engagierten Soldaten. Man wolle informieren und keineswegs gezielt anwerben. »Nachwuchsgewinnung« stehe nicht im Vordergrund. Seine Auftritte vor den Klassen versteht der Offizier als eine Art Unterweisung in Staatsbürgerkunde, er referiere betont sachlich zum Thema Krieg und Frieden.
Ministerin Stark-Watzinger drückt sich weniger vorsichtig aus. Im Mai 2024 verlangte sie, Schulen sollten Kinder auf einen möglichen militärischen Konflikt vorbereiten. Sie müssten dafür sorgen, dass diese ein »unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr« entwickeln, und Zivilschutzübungen durchführen. Längst dröhnen wie in Zeiten des Kalten Krieges auf Schulhöfen und in Klassenzimmern wieder die Alarmsirenen. Das hat keineswegs nur Sicherheitsgründe, unterschwellig dient es der psychologischen Vorbereitung auf den »Ernstfall«.
Sie hat auch die Universitäten im Blick: Diese müssten sich für militärische Forschung stärker öffnen. Zivilklauseln, die Hochschulen verpflichten, ausschließlich für friedliche Zwecke wissenschaftlich tätig zu sein, gehörten abgeschafft, stimmt CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz zu. Das CSU-regierte Bayern fordert gar eine »Kooperationspflicht im Interesse der nationalen Sicherheit«. Kritiker sehen darin einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Autonomie der Hochschulen und einen Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit.
Kinder und Jugendliche hätten seit den Konflikten in der Ukraine und in Gaza viele »viele Fragen zu den Ursachen von Krieg und Gewalt«, beobachtet die Referentin beim GEW-Hauptvorstand Martina Schmerr. Ein Anknüpfungspunkt seien auch die alltäglichen Kontakte zu aus Krisengebieten geflüchteten Mitschüler. Sie fordert, diese Themen altersgemäß zu behandeln. Es sei das zentrale pädagogische Ziel, gewaltfreie Konfliktlösungen zu diskutieren, und darum nötiger denn je, die »Friedenserziehung zu stärken und verbindlich in Lehrplänen und Fortbildung zu verankern«.Dies gehöre »in die Hände der dafür ausgebildeten Lehrkräfte«, nur sie können gewährleisten, dass auch »unterschiedliche Sichtweisen« präsentiert werden. Vorträge von Offizieren, die »den Richtlinien des Verteidigungsministeriums verpflichtet sind«, und folgerichtig eher für Aufrüstung und mehr Soldaten plädieren, sieht die als wenig ausgewogenes Angebot. Schulen dienen nicht dazu, Nachwuchs für die Truppe zu rekrutieren und dürften nicht »für militärische Zwecke missbraucht werden.
Auszug aus „Erziehung zur Wehrtüchtigkeit“ von Thomas Gesterksmp, der Freitag vom 5.10.2024
Die Kriegstrommeln werden immer wilder geschlagen. Wurde gestern noch eine Kriegsfähigkeit gefordert, nennt man es heute verschämt Kriegsfähigkeit. Auch in den Regionalprogrammen wird über heimatliche Soldaten berichtet, die gerne ihre Ausbildung absolvieren. Natürlich mit viel Lagerfeuer. (Jedenfalls im HR) Ansonsten nichts Neues. Nur dass früher die Lehrer selbst für den Waffendienst warben. Heute traut man denen nicht mehr. Süß ist es fürs Vaterland zu sterben. Wir versprechen zwar keine Jungfrauen, nur ein Stückchen buntes Blech dürfen sich die Hinterbliebenen neben das Bild des „Helden“ legen. Toll, Statt Papi eine Anstecknadel. Ich finde, das ist ein sehr schlechter Tausch.
Jetzt weiß hoffentlich jeder, warum uns ständig Angst vor den Russen gemacht wird.
Wehrpflicht? Dann werden die Beratungsstellen für Verweigerer wieder geöffnet.t.