Von Feierabend-Mitglied
Freitag 01.04.2022, 10:37 – geändert Freitag 01.04.2022, 10:38
darauf zu werfen, wer für Russland in der Ukraine kämpft und die Hintergründe dazu.
Hierzu ein Artikel:
"«Held der Russischen Föderation»
Gadschimagomedow ist der erste russische Soldat, dem Präsident Putin im Ukraine-Krieg postum den Orden «Held der Russischen Föderation» verlieh. Heroische Verklärungen gehören zu jedem Krieg, auch wenn dieser ein verbrecherischer Überfall ist.
Dass der erste Heldenorden – immerhin der höchste, in Russland verliehene Ehrentitel – an einen Muslim aus dem Nordkaukasus vergeben wurde, ist dabei durchaus bezeichnend. Denn nationale Minderheiten sind in den russischen Truppen in der Ukraine anscheinend stark vertreten.
Einen Hinweis darauf liefern die Videos von gefangenen Soldaten, die von den ukrainischen Streitkräften ins Netz gestellt werden. Gleich mehrmals fanden sich darunter burjatische Soldaten. Burjaten sind mongolischsprachige Buddhisten aus Ostsibirien. In der russischen Gesamtbevölkerung macht die Minderheit 0,3 Prozent aus.
Wie repräsentativ diese Aufnahmen sind, ist schwer festzustellen. Die Kommunikationsarbeit der Ukraine ist sehr geschickt und teilweise auch manipulativ.
Viele muslimische Kriegsopfer
Aber auch die Informationen zu den bisherigen Kriegsopfern deuten auf einen hohen Anteil nichtrussischer Soldaten hin. Moskaus spärliche Angaben zu den eigenen Opfern sind zwar unglaubwürdig. Aus den Provinzen des Riesenreichs gibt es aber immer wieder lokale Berichte über gefallene Armeeangehörige. Der Bürgermeister von Machatschkala etwa dokumentiert auf seinem Telegram-Kanal alle Kondolenzbesuche, die er bei den Eltern von Gefallenen abstattet.
Der russischsprachige Dienst der BBC hat diese Informationen gesammelt und nach Herkunftsregionen analysiert. Auch hier zeigt sich, dass besonders viele Opfer aus Burjatien und aus dem muslimischen Nordkaukasus stammen. Allein am 23. März wurde der Tod von fünf weiteren Soldaten aus Dagestan bekannt.
Der Journalist Kamil Galejew weist zudem auf die Informationen über Verwundete hin. Auf einer Liste aus einem Lazarett in der Region Rostow haben die Hälfte aller Patienten muslimische Namen.
Die Armee ist vor allem für Arme attraktiv
Ob die Armeeführung gezielt Vertreter von Minderheiten in den Krieg schickt, ist schwer zu belegen. Unbestritten ist aber, dass jene Bürger Russlands, die nicht der slawisch-orthodoxen Mehrheitsgesellschaft angehören, in der Armee eine grosse Rolle spielen – vor allem in den unteren Diensträngen. Dies hat mit der Armeereform zu tun und den sozialen Realitäten in Russland.
Während zu Sowjetzeiten jeder Mann Wehrdienst leistete, ist es heute nur noch gut jeder Fünfte. Von den 672 000 Männern, die im Herbst 2021 gemustert wurden, erhielten nur 127 000 einen Marschbefehl. Wer über Geld, Einfluss oder auch nur eine weiterführende Ausbildung verfügt, versucht in aller Regel, nicht dazuzugehören.
Denn der Wehrdienst ist in Russland sehr unpopulär, auch wegen der geduldeten, teils äusserst brutalen Schikane junger Soldaten, der sogenannten Dedowschtschina. Eine gewisse Attraktivität hat die Armee, wegen des vermeintlichen Prestiges und der Verdienstmöglichkeiten für Zeitsoldaten vor allem bei ärmeren Bürgern aus strukturschwachen Regionen. Dazu gehören auch viele Minderheitengebiete. Burjatien oder der Nordkaukasus etwa zählen in den meisten sozioökonomischen Kategorien zu den Schlusslichtern.
Wer will Zeitsoldat werden?
Die 2008 eingeleitete Armeereform setzte auf eine Professionalisierung der Streitkräfte. Etwa 400 000 Soldaten sind sogenannte «kontraktniki», haben also einen Vertrag («kontrakt») unterschrieben. Die Bezahlung eines Zeitsoldaten ist angesichts der Verdienstmöglichkeiten in der russischen Provinz nicht schlecht. Hinzu kommen zahlreiche Vergünstigungen und, im Kampfeinsatz, zusätzliche Sonderzahlungen.
Dennoch scheint die Armee Schwierigkeiten zu haben, genügend Interessenten zu finden – besonders in Kriegszeiten. Denn eigentlich dürfen nur Zeitsoldaten in der Ukraine kämpfen, obwohl die Armeeführung zugeben musste, dass auch einige Wehrdienstleistende im Einsatz sind.
Der Journalist Galejew beschreibt, wie viele Rekruten unter Druck gesetzt würden, einen Vertrag zu unterschreiben. Die Ärmeren und schlechter Ausgebildeten können sich dagegen am wenigsten wehren. Auch das führt zur Übervertretung benachteiligter Bevölkerungsgruppen.
Es gibt Berichte von zentralasiatischen Gastarbeitern, die mit Versprechen angelockt wurden, nach dem Kriegsdienst in der Ukraine die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Anderen soll im Falle einer Weigerung mit Problemen bei der Arbeitsstelle gedroht worden sein.
Dass sich eine unter Nötigung erfolgte Rekrutierung schlecht qualifizierter Zeitsoldaten mit der angestrebten Professionalisierung der Armee nicht verträgt, versteht sich von selbst. Auch auf die Motivation wirkt sich das nicht positiv aus. Die Folgen auf dem Schlachtfeld kann man seit vier Wochen beobachten.
Ethnische Verschiebungen in Russland
Der Anteil ethnischer Minderheiten in den russischen Streitkräften dürfte auch aus demografischen Gründen weiter steigen. Denn der Anteil der nichtrussischen Bevölkerung im Land, besonders der muslimischen, wächst wegen der unterschiedlichen Geburtenraten beständig.
Für eine Institution, die Putin gezielt als Instrument zur Wiederherstellung Russlands imperialer Grösse einsetzt, wirft das vielschichtige Fragen auf. Gerade im Kaukasus gibt es sehr viele Menschen, die sich selber als Opfer des russischen Imperialismus betrachten. Auf ukrainischer Seite kämpfen ganze Bataillone mit Freiwilligen aus dem Nordkaukasus.
Zumindest vordergründig scheint man in Moskau bereit zu sein, die Bedeutung der Minderheiten für die nationale Armee anzuerkennen. Dies zeigt nicht nur der Orden für Nurmagomed Gadschimagomedow. Bei einer Rede sagte Putin kürzlich, er sei zwar Russe. Wenn er auf die Soldaten im Feld schaue, fühle er sich aber auch als Tschetschene, Tatare oder Mordwine."
darauf zu werfen, wer für Russland in der Ukraine kämpft und die Hintergründe dazu.
Hierzu ein Artikel:
"«Held der Russischen Föderation»
Gadschimagomedow ist der erste russische Soldat, dem Präsident Putin im Ukraine-Krieg postum den Orden «Held der Russischen Föderation» verlieh. Heroische Verklärungen gehören zu jedem Krieg, auch wenn dieser ein verbrecherischer Überfall ist.
Dass der erste Heldenorden – immerhin der höchste, in Russland verliehene Ehrentitel – an einen Muslim aus dem Nordkaukasus vergeben wurde, ist dabei durchaus bezeichnend. Denn nationale Minderheiten sind in den russischen Truppen in der Ukraine anscheinend stark vertreten.
Einen Hinweis darauf liefern die Videos von gefangenen Soldaten, die von den ukrainischen Streitkräften ins Netz gestellt werden. Gleich mehrmals fanden sich darunter burjatische Soldaten. Burjaten sind mongolischsprachige Buddhisten aus Ostsibirien. In der russischen Gesamtbevölkerung macht die Minderheit 0,3 Prozent aus.
Wie repräsentativ diese Aufnahmen sind, ist schwer festzustellen. Die Kommunikationsarbeit der Ukraine ist sehr geschickt und teilweise auch manipulativ.
Viele muslimische Kriegsopfer
Aber auch die Informationen zu den bisherigen Kriegsopfern deuten auf einen hohen Anteil nichtrussischer Soldaten hin. Moskaus spärliche Angaben zu den eigenen Opfern sind zwar unglaubwürdig. Aus den Provinzen des Riesenreichs gibt es aber immer wieder lokale Berichte über gefallene Armeeangehörige. Der Bürgermeister von Machatschkala etwa dokumentiert auf seinem Telegram-Kanal alle Kondolenzbesuche, die er bei den Eltern von Gefallenen abstattet.
Der russischsprachige Dienst der BBC hat diese Informationen gesammelt und nach Herkunftsregionen analysiert. Auch hier zeigt sich, dass besonders viele Opfer aus Burjatien und aus dem muslimischen Nordkaukasus stammen. Allein am 23. März wurde der Tod von fünf weiteren Soldaten aus Dagestan bekannt.
Der Journalist Kamil Galejew weist zudem auf die Informationen über Verwundete hin. Auf einer Liste aus einem Lazarett in der Region Rostow haben die Hälfte aller Patienten muslimische Namen.
Die Armee ist vor allem für Arme attraktiv
Ob die Armeeführung gezielt Vertreter von Minderheiten in den Krieg schickt, ist schwer zu belegen. Unbestritten ist aber, dass jene Bürger Russlands, die nicht der slawisch-orthodoxen Mehrheitsgesellschaft angehören, in der Armee eine grosse Rolle spielen – vor allem in den unteren Diensträngen. Dies hat mit der Armeereform zu tun und den sozialen Realitäten in Russland.
Während zu Sowjetzeiten jeder Mann Wehrdienst leistete, ist es heute nur noch gut jeder Fünfte. Von den 672 000 Männern, die im Herbst 2021 gemustert wurden, erhielten nur 127 000 einen Marschbefehl. Wer über Geld, Einfluss oder auch nur eine weiterführende Ausbildung verfügt, versucht in aller Regel, nicht dazuzugehören.
Denn der Wehrdienst ist in Russland sehr unpopulär, auch wegen der geduldeten, teils äusserst brutalen Schikane junger Soldaten, der sogenannten Dedowschtschina. Eine gewisse Attraktivität hat die Armee, wegen des vermeintlichen Prestiges und der Verdienstmöglichkeiten für Zeitsoldaten vor allem bei ärmeren Bürgern aus strukturschwachen Regionen. Dazu gehören auch viele Minderheitengebiete. Burjatien oder der Nordkaukasus etwa zählen in den meisten sozioökonomischen Kategorien zu den Schlusslichtern.
Wer will Zeitsoldat werden?
Die 2008 eingeleitete Armeereform setzte auf eine Professionalisierung der Streitkräfte. Etwa 400 000 Soldaten sind sogenannte «kontraktniki», haben also einen Vertrag («kontrakt») unterschrieben. Die Bezahlung eines Zeitsoldaten ist angesichts der Verdienstmöglichkeiten in der russischen Provinz nicht schlecht. Hinzu kommen zahlreiche Vergünstigungen und, im Kampfeinsatz, zusätzliche Sonderzahlungen.
Dennoch scheint die Armee Schwierigkeiten zu haben, genügend Interessenten zu finden – besonders in Kriegszeiten. Denn eigentlich dürfen nur Zeitsoldaten in der Ukraine kämpfen, obwohl die Armeeführung zugeben musste, dass auch einige Wehrdienstleistende im Einsatz sind.
Der Journalist Galejew beschreibt, wie viele Rekruten unter Druck gesetzt würden, einen Vertrag zu unterschreiben. Die Ärmeren und schlechter Ausgebildeten können sich dagegen am wenigsten wehren. Auch das führt zur Übervertretung benachteiligter Bevölkerungsgruppen.
Es gibt Berichte von zentralasiatischen Gastarbeitern, die mit Versprechen angelockt wurden, nach dem Kriegsdienst in der Ukraine die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Anderen soll im Falle einer Weigerung mit Problemen bei der Arbeitsstelle gedroht worden sein.
Dass sich eine unter Nötigung erfolgte Rekrutierung schlecht qualifizierter Zeitsoldaten mit der angestrebten Professionalisierung der Armee nicht verträgt, versteht sich von selbst. Auch auf die Motivation wirkt sich das nicht positiv aus. Die Folgen auf dem Schlachtfeld kann man seit vier Wochen beobachten.
Ethnische Verschiebungen in Russland
Der Anteil ethnischer Minderheiten in den russischen Streitkräften dürfte auch aus demografischen Gründen weiter steigen. Denn der Anteil der nichtrussischen Bevölkerung im Land, besonders der muslimischen, wächst wegen der unterschiedlichen Geburtenraten beständig.
Für eine Institution, die Putin gezielt als Instrument zur Wiederherstellung Russlands imperialer Grösse einsetzt, wirft das vielschichtige Fragen auf. Gerade im Kaukasus gibt es sehr viele Menschen, die sich selber als Opfer des russischen Imperialismus betrachten. Auf ukrainischer Seite kämpfen ganze Bataillone mit Freiwilligen aus dem Nordkaukasus.
Zumindest vordergründig scheint man in Moskau bereit zu sein, die Bedeutung der Minderheiten für die nationale Armee anzuerkennen. Dies zeigt nicht nur der Orden für Nurmagomed Gadschimagomedow. Bei einer Rede sagte Putin kürzlich, er sei zwar Russe. Wenn er auf die Soldaten im Feld schaue, fühle er sich aber auch als Tschetschene, Tatare oder Mordwine."
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