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„Ich würde nicht schießen“

Von Harvey11 Dienstag 29.04.2025, 18:32

Aber ich würde alles tun, um die Demokratie zu verteidigen. Ich würde nicht flüchten, sondern tun, was ich gelernt habe.
Von Michael Herl, Frankfurter Rundschau 29.4.2025

Seine Meinung habe ich letzte Woche hier veröffentlicht und heute mache ich seine Antwort darauf. Denn auch hier gab es Antworten.
Man darf mich gerne einen naiven Pazifisten nennen. Die Wichtigtuer, die mein Gewissen prüfen wollten, haben mit schlimmeren Worten versucht mich aus der Reserve zu locken. Aber das hat nicht funktioniert.
Michael Herl hat hier einiges geschrieben, was ich denen auch sagte, die aber auch nicht hören wollten.

Eigentlich haben Sie alle recht. Sie, die mich kritisierten, als ich vergangene Woche schrieb, ich könne und werde nie eine Waffe in die Hand nehmen. Auch und erst recht angesichts der aktuellen Situation.
Das sei ja schön und nett, meinten Sie sinngemäß, aber was dann? Unsere Demokratie kampflos aufgeben, unsere Freiheit und unsere Menschenrechte? Üblicherweise reagiere ich an dieser Stelle nicht auf Zuschriften, das ist dafür nicht das geeignete Forum.
Doch üblicherweise steht auch kein Krieg ins Haus. Also lautet meine Antwort: Ich würde alles tun, diese Errungenschaften zu verteidigen. Ich würde nicht flüchten, sondern tun, was ich gelernt habe. Als Journalist und als Rettungssanitäter. Also schreiben, fotografieren, filmen, Kommunikation ermöglichen. Oder auch Verletzte versorgen. Aber ich würde nicht schießen. Nicht töten.
Der Grund dafür ist nicht die Sorge, mein eigenes Leben zu verlieren oder verwundet zu werden. Damit muss man rechnen in einem Krieg. Egal, wo man ist und was man tut. Es ist etwas anderes.
Es ist die Angst, Dinge zu machen, die ich vor mir selbst nicht verantworten kann. All das zu tun, was laut den Genfer Konventionen verboten, im Krieg aber gängige Praxis ist. Etwa Menschen dem sicheren Tod durch Hunger oder Kälte zu überlassen. Sie zu quälen und zu foltern. Brandzuschatzen. Zu vergewaltigen. Nicht zu töten – sondern zu ermorden. Und mich dabei selbst nicht wiederzuerkennen.
Diese Angst gründet sich nicht auf furchtbare Fantasien, sondern auf unzählige Gespräche, die ich im Laufe meines Berufslebens mit Männern führte, denen dies widerfahren ist – und die zu Tätern wurden. Die im 1. oder 2. Weltkrieg kämpften, in Vietnam, im Nahen Osten, in Bosnien, Kroatien oder in Serbien.
Und alle sagten sie das Gleiche. Das erste Mal töten war fürchterlich, das zweite schon weniger schlimm, das dritte ging fast von allein – und rasch wurde das Töten zur täglichen Gewohnheit. Irgendwann kam das Anzünden von bewohnten Hütten oder Häusern dazu, dann das Foltern, das sinnlose Morden. Und schließlich das Vergewaltigen wehrloser Frauen, mit denen sie häufig jahrzehntelang in friedlicher Nachbarschaft zusammengelebt hatten.
Sie standen neben sich, als sie dies taten. Als wären nicht sie die Täter, sondern irgendwelche anderen Ichs. Sie wunderten sich nicht nur über ihre Psyche, sondern auch über das automatische Funktionieren ihres Körpers. Wie er sogar zu einer Erektion fähig war, um Fürchterliches damit anzurichten. Und dann brachen sie alle in Tränen aus. Unabhängig davon, ob das alles vor zwei Jahren geschah oder vor siebzig. Sie weinten alle gleich.
Kurt Tucholskys Satz „Soldaten sind Mörder“ ist in seiner Pauschalisierung zu Recht umstritten. Zutreffender wird er, wenn man die psychologische Erkenntnis zugrunde legt, wonach jeder Mensch das Potenzial zum Morden habe. Jeder. Also auch ich. Und das macht mir Angst.
Deswegen behaupte ich auch nicht, wie nach Angaben von „Der Spiegel“, Robert Habeck und Tote-Hosen-Sänger Campino, dass ich heute nicht mehr den Wehrdienst verweigern würde. Womöglich haben die beiden auch nicht mit so vielen Männern gesprochen, die die Achtung vor sich selbst im Krieg verloren und zeitlebens nicht wiederfanden. Sie sollten es tun.

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