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Großer Aufmarsch der Justiz gegen kleine Lichter

Von Harvey11 Montag 09.06.2025, 13:24

Für das schreckliche RAF-Gespenst ist noch jeder Gerichtssaal zu klein

Das beschauliche 1.500-Seelen-Dorf Eitze vor den Toren Verdens in Niedersachsen ist wegen einer Reithalle zu fragwürdiger Berühmtheit gelangt. 3,6 Millionen Euro kosten der Umbau und die Miete ebendieser, damit dort der Prozess gegen Daniela Klette fortgesetzt werden kann. Sie wird beschuldigt, zusammen mit den flüchtigen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub im Zeitraum zwischen 1999 und 2016 insgesamt 132 Raubüberfälle auf Geldtransporter und Supermärkte begangen zu haben. Klette wurde im Februar 2024 in ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg gefasst. Dass sie Mitglied der Roten-Armee-Faktion gewesen sein soll, ist angeblich nicht Gegenstand des Prozesses.
Doch Klette selbst hat vorgerechnet, dass die Mittel, die der vier Hektar große, mit NATO-Draht, Kameras und Sichtschutz abgeschirmte Reithallen-Hochsicherheitstrakt verschlungen hat, den Umfang ihrer einstigen Beute bei Weitem ersteigen. „Ausdruck eines völlig irrsinnigen und gänzlich unbegründeten Sicherheitswahns“ seien die Umbauten der Reithalle, erklärte einer ihrer Verteidiger, Ulrich Klinggräff. „Welche Wahnsinnigen haben das zu verantworten?“, fragte Klette fassungslos am ersten Prozesstag in Eitze. Der Staat hätte das Geld besser für Schwimmbäder, Frauenhäuser und Geflüchtete ausgegeben. Ob VW-Chef Winterkorn und Co. wohl beleidigt sind, dass der Staat für sie viel weniger Aufwand betrieben hat?
Wer sich kürzlich das Dokudrama Stammheim. Zeit des Terrors zu Gemüte geführt hat, erkennt, in welcher Tradition dieses in Beton gegossene Sicherheitsverständnis steht. Glaubt die Bundesanwaltschaft allen Ernstes, dass die 66-jährige Klette von Garweg und Staub oder von den „Unterstützern“, die regelmäßig den Prozess begleiten, freigeschossen würde, wenn man sie nicht mit Hand und Fußfesseln und Bleiweste hinter Stacheldraht und Glas verschwinden ließe? Regelmäßig fordern ihre Verteidiger Hafterleichterungen. Was soll die Versicherung, es handele sich um „ganz normalen Prozess“, wenn nach 50 Jahren das RAF-Banner noch immer jede einschlägige Gerichtsverhandlung überstrahlt?
Die Herrichtung der überdimensionalen Gerichtsbühne, die nur für zwei Jahre ausschließlich für diesen Prozess gemietet ist und irgendwann von einem größeren, schon geplanten und noch viel teureren Staatsschutzsaal in Celle abgelöst werden soll, folgt einem anderen Kalkül. Den plauderte eine der Staatsanwältinnen freimütig aus: „Was ist, wenn ein zweiter Angeklagter dazukommt?“ Sie sei da optimistisch. Eine zweite Anklagebank ist schon aufgebaut.
Offenbar handelt die niedersächsische Justiz in vorweggenommener Freude darüber, die Flüchtigen bald hinter Gitter zu bringen. Das wäre der Coup, auf den der Staat seit einem halben Jahrhundert harrt: die Endabrechnung mit der RAF. Das lässt er sich was kosten. Die mehr oder weniger leise Kritik der Öffentlichkeit, die sich derzeit gar nicht mehr sonderlich für Klette interessiert, würde wohl sofort verstummen.
Bleibt das Dorf, das die wöchentliche Belagerung durch Polizei, Gefangenentransporte und Prozessbeobachter aushalten muss. Schon Celle glich an Prozesstagen einer besetzten Stadt. Nun wird die Presse vorab darauf aufmerksam gemacht, dass sie für eigenen Proviant sorgen soll. Wenn das Dorf clever ist, hat wenigstens Eitze etwas davon, dass der Staat das Phantom der RAF nicht ruhen lassen kann. Für die Neuauflage, Stammheim 2.0, stünden die einschlägigen Filmemacher schon bereit.
Der Freitag, 5.6.2025

Die letzten Randfiguren und es sind keine Millionen zu schade, auch die noch wie es sich gehört vorzuführen.

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