Die Deutschen haben mit Hilfe anderer aus ihren Fehlern gelernt. Grenzkontrollen passen nicht dazu.
Von Michael Herl, Frankfurter Rundschau, 17.6.2025
Eigentlich hätte nicht viel gefehlt haben können, ein bisschen stolz auf das Land zu sein, in dem ich geboren wurde. Ja. Richtig. Reichlich kompliziert formuliert, grammatikalisch um eine klare Aussage herumgetänzelt wie eine Maus auf der heißen Herdplatte. Warum? Weil es um Deutschland geht. Und weil es mir seit frühester Jugend widerstrebt, so etwas wie Sympathie für dieses Land mit dieser Geschichte zu empfinden.
Das ging nicht nur mir so. Alle in meinem engeren Bekanntenkreis fremdelten genauso mit diesem Gedanken. Außerdem die meisten anderen Menschen in Westeuropa. Denn kann man einem Land trauen, das in seiner Geschichte vornehmlich durch Kriegslüsternheit und imperiales Gehabe auf sich aufmerksam machte? Dessen Bürgerinnen und Bürger noch vor kurzem für den gewaltsamen Tod von 80 Millionen Menschen verantwortlich zeichneten? Die bis zum letzten Kindersoldaten die wahnwitzige Idee einer Weltherrschaft verteidigten?
Und die dank ihrer urdeutschen Eigenschaften wie Mut, Fleiß und Unverdrossenheit binnen kürzester Zeit neue Städte, Straßen und Fabriken errichtet und sich – angeleitet durch die USA – mittels eines Wirtschaftswunders zumindest ökonomisch in die Grobrichtung Weltherrschaft bewegten. Was fängt man mit solch einem Volk an?
Richtig. Man gibt ihm Nestwärme, Sicherheit und Geborgenheit. Und umarmt es so fest, dass es nie wieder auf dumme Gedanken kommen kann. Gedacht, getan. Deutschland wurde in die europäische Familie aufgenommen und emsig gehegt, gepflegt und getätschelt.
Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubte man ihm gar, wieder eine Streitmacht zu gründen, die Bundeswehr. Denn an der Waffe waren sie schon immer gut, die Deutschen. Das kann man sich doch zunutze machen. So nahm es nicht wunder, dass sich die Teutonen auch in dieser neuen Sippe schnell zu einem führenden Mitglied entwickelten und den halben Nordatlantikpakt mit Kriegsgerät ausstatteten.
Alles lief prima. 1957 gründete man die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und 1992 die Europäische Union. Drei Jahre später fielen die Grenzen. Im Rahmen des Schengener Abkommens konnte man sich nun innerhalb des größten Teils Westeuropas ohne Zollkontrolle frei bewegen.
Im Jahre 2002 führte man gar eine gemeinsame Währung ein, den Euro. Mittenmang dabei bei all diesen Schritten zu einem großen Land der Freiheit waren die Deutschen; oft sogar als Triebfedern. Das war der Punkt, an dem ich fast ein bisschen stolz auf dieses Land hätte werden können. Erst recht, als 2012 der Europäischen Union der Friedensnobelpreis verliehen wurde.
Und heute? Mit Verlaub, heute könnte ich kotzen. Ausgerechnet zum 40. Geburtstag des Schengener Abkommens zeigen die Deutschen, dass sie halt doch Deutsche sind. Zum Schutz vor fremdem Blut und zum Gefallen der AfD sind sie gerade dabei, alle Errungenschaften des gemeinsamen Europa über den Haufen zu werfen. Schotten sich ab. Igeln sich ein. Wollen unter sich bleiben. Deutschland den Deutschen. Logisch, dass dies anderen Mitgliedstaaten missfällt. Denn wie sagte doch der belgische Politiker Pascal Arimont: „Wenn man das zu Ende denkt, werden aus Grenzkontrollen Grenzschließungen. Dann haben wir kein Europa mehr.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
……………….
Da liegt der Herr Herl nicht so verkehrt. Das Land hat den Rückwärtsgang eingelegt. Und wieder heißt das: Wenn nichts mehr geht – Krieg geht immer.
Die Angst vor dem vergrößerten Deutschland war nicht so unbegründet.
Die Deutschen haben mit Hilfe anderer aus ihren Fehlern gelernt. Grenzkontrollen passen nicht dazu.
Von Michael Herl, Frankfurter Rundschau, 17.6.2025
Eigentlich hätte nicht viel gefehlt haben können, ein bisschen stolz auf das Land zu sein, in dem ich geboren wurde. Ja. Richtig. Reichlich kompliziert formuliert, grammatikalisch um eine klare Aussage herumgetänzelt wie eine Maus auf der heißen Herdplatte. Warum? Weil es um Deutschland geht. Und weil es mir seit frühester Jugend widerstrebt, so etwas wie Sympathie für dieses Land mit dieser Geschichte zu empfinden.
Das ging nicht nur mir so. Alle in meinem engeren Bekanntenkreis fremdelten genauso mit diesem Gedanken. Außerdem die meisten anderen Menschen in Westeuropa. Denn kann man einem Land trauen, das in seiner Geschichte vornehmlich durch Kriegslüsternheit und imperiales Gehabe auf sich aufmerksam machte? Dessen Bürgerinnen und Bürger noch vor kurzem für den gewaltsamen Tod von 80 Millionen Menschen verantwortlich zeichneten? Die bis zum letzten Kindersoldaten die wahnwitzige Idee einer Weltherrschaft verteidigten?
Und die dank ihrer urdeutschen Eigenschaften wie Mut, Fleiß und Unverdrossenheit binnen kürzester Zeit neue Städte, Straßen und Fabriken errichtet und sich – angeleitet durch die USA – mittels eines Wirtschaftswunders zumindest ökonomisch in die Grobrichtung Weltherrschaft bewegten. Was fängt man mit solch einem Volk an?
Richtig. Man gibt ihm Nestwärme, Sicherheit und Geborgenheit. Und umarmt es so fest, dass es nie wieder auf dumme Gedanken kommen kann. Gedacht, getan. Deutschland wurde in die europäische Familie aufgenommen und emsig gehegt, gepflegt und getätschelt.
Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubte man ihm gar, wieder eine Streitmacht zu gründen, die Bundeswehr. Denn an der Waffe waren sie schon immer gut, die Deutschen. Das kann man sich doch zunutze machen. So nahm es nicht wunder, dass sich die Teutonen auch in dieser neuen Sippe schnell zu einem führenden Mitglied entwickelten und den halben Nordatlantikpakt mit Kriegsgerät ausstatteten.
Alles lief prima. 1957 gründete man die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und 1992 die Europäische Union. Drei Jahre später fielen die Grenzen. Im Rahmen des Schengener Abkommens konnte man sich nun innerhalb des größten Teils Westeuropas ohne Zollkontrolle frei bewegen.
Im Jahre 2002 führte man gar eine gemeinsame Währung ein, den Euro. Mittenmang dabei bei all diesen Schritten zu einem großen Land der Freiheit waren die Deutschen; oft sogar als Triebfedern. Das war der Punkt, an dem ich fast ein bisschen stolz auf dieses Land hätte werden können. Erst recht, als 2012 der Europäischen Union der Friedensnobelpreis verliehen wurde.
Und heute? Mit Verlaub, heute könnte ich kotzen. Ausgerechnet zum 40. Geburtstag des Schengener Abkommens zeigen die Deutschen, dass sie halt doch Deutsche sind. Zum Schutz vor fremdem Blut und zum Gefallen der AfD sind sie gerade dabei, alle Errungenschaften des gemeinsamen Europa über den Haufen zu werfen. Schotten sich ab. Igeln sich ein. Wollen unter sich bleiben. Deutschland den Deutschen. Logisch, dass dies anderen Mitgliedstaaten missfällt. Denn wie sagte doch der belgische Politiker Pascal Arimont: „Wenn man das zu Ende denkt, werden aus Grenzkontrollen Grenzschließungen. Dann haben wir kein Europa mehr.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
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Da liegt der Herr Herl nicht so verkehrt. Das Land hat den Rückwärtsgang eingelegt. Und wieder heißt das: Wenn nichts mehr geht – Krieg geht immer.
Die Angst vor dem vergrößerten Deutschland war nicht so unbegründet.