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Erschreckende Subkultur

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 17.06.2025, 13:35 – geändert Dienstag 17.06.2025, 13:37

die sich in Online-Foren gebildet hat: Junge Menschen, die penibel Details zu Massenmördern und deren Taten zusammentragen und sie teils sogar verehren.

Auch der Grazer Amokläufer bewegte sich in solchen Foren, wie sein mittlerweile gelöschter Tumblr-Account zeigt. Dort teilte er etwa ein Video, das einen der beiden Columbine-Attentäter zeigt. Die zwei US-Amerikaner, die sich nach ihrem Massaker im Jahr 1999 selbst suizidierten, gelten als Ikonen der True-Crime-Community.

Immer wieder nehmen Amokläufer Bezug aufeinander, mit eigenen Codes und Symbolen für "Insider". Als Profilbild seines mittlerweile gesperrten X -Profils zeigte der Grazer Amokläufer Arthur A. einen der beiden Attentäter des Massakers in der Columbine High School. Auf X (früher Twitter) veröffentlichte er kurz vor der Tat ein Foto aus der Schultoilette, das in seiner Bildsprache an letzte Fotos früherer Amokschützen anknüpft.

Was ist der Unterbau dieser Subkultur? Forscher sprechen von "nihilistischer Gewalt", die von Menschenhass motiviert sei. Demzufolge handle es sich dabei nicht um eine Form von Terror, da dieser politische Ziele verfolge. Ideologie werde durch Ästhetik ersetzt, eine gemeinsame "Bildsprache" verbinde. Den "Amokläufern" gehe es darum, Berühmtheit in ihrem Milieu zu erlangen, wie das Institute for Strategic Dialogue in einer Analyse festhält. Penibel listete die Attentäterin S. in ihrem Manifest Vorbilder auf, da ging es um Angriffe auf Schulen auf der Krim oder in Finnland. Das zeigt, wie intensiv sich manche Attentäter mit früheren Amokläufen beschäftigen.

Verehrung für Mörder
In den verschiedenen Foren werden die Täter rasch bejubelt. Schon wenige Stunden nach dem Amoklauf in Graz kursierten etwa Zeichnungen, die den Attentäter verherrlichten. Er sei "so heiß und süß", hieß es in einem Tiktok-Video, das Fotos des 21-jährigen Grazers zeigte.

Klare Hinweise auf Extremismus in Form von jihadistischer oder neonazistischer Gesinnung gibt es beim Grazer Täter nicht. Bezüge auf neonazistisches Gedankengut sind bei Amokläufern aber prinzipiell keine Seltenheit. So verehrten die beiden Columbine-Täter Adolf Hitler, obwohl einer der beiden sogar eine jüdische Mutter hatte. Als Neonazis gelten die beiden aber nicht, sie waren primär an Ästhetik und Gewalt der Nationalsozialisten interessiert.

Die True Crime Community steht dabei durchaus im Austausch mit anderen hochproblematischen Online-Gemeinschaften. Für Experten auffällig ist etwa die hohe Anzahl junger Frauen und Mädchen, die sich dort engagieren. Sie werden oft über Gruppen, die Magersucht unterstützen, in die True-Crime-Community geschleust. Bei Burschen sind oft "Gore"-Communitys, in denen blutige Fotos von Anschlägen und Morden geteilt werden, ein Einstiegspunkt.

Ein Abtausch findet auch mit der modernsten Variante des Rechtsextremismus statt, dem Akzelerationismus. Bekannte Gruppen sind hier etwa die Feuerkrieg-Division oder die Atomwaffen-Division. Sie sind ebenfalls von Brutalität gekennzeichnet; innerhalb der Gruppen werden frühere Attentäter als "Heilige" verehrt. Etwa der Rechtsterrorist T., der in Neuseeland mehr als fünfzig Menschen in zwei Moscheen ermordete.

Die Bezeichnung als "Heilige" fand in der True Crime Community auch in Bezug auf Schulattentäter Einzug. Bezeichnend für den Fokus auf Gewalt statt auf Ideologie ist, wie breit der ideologische Hintergrund der dort gefeierten Mörder ist. Neben Amokläufern in Schulen werden etwa jene zwei Brüder gefeiert, die 2013 einen Bombenanschlag auf den Boston Marathon verübten, um die US-Kriege in Irak und Afghanistan zu rächen. Genauso aber auch der Neonazi R., der in einer Kirche in South Carolina neun schwarze US-Amerikaner ermordete.

Nur wenige Daten verfügbar
Behörden haben auf das Phänomen der True-Crime-Community und der nicht-ideologischen Gewalt nur langsam reagiert. Die US-Bundespolizei FBI hat die Kategorie der "nihilistischen gewalttätigen Extremisten" etabliert, Russland die True-Crime-Community sogar als terroristisches Netzwerk klassifiziert. Das Land von Präsident Wladimir Putin ist im vergangenen Jahrzehnt regelmäßig von Amokläufen in Schulen erschüttert worden; selbst im fernen Sibirien gab es da Referenzen auf Columbine.

Die Lösungsansätze sind für Expertinnen und Experten relativ klar: Es braucht umfassende psychologische Interventionsmaßnahmen, die sich auch mit nicht-ideologischer Gewalt auseinandersetzen. Erste Anzeichen von antisozialem Verhalten müssen ernst genommen werden. Nötig dafür seien vor allem mehr Daten, sagt der Extremismusforscher Matthew Kriner zum US-Sender NPR. "Die Identität von vielen Betroffenen ist so tief mit der Internet-Subkultur verwurzelt, dass es schwer nachvollziehbar ist, wie und warum sie sich radikalisiert haben", sagt der Experte. Was diese jungen Menschen konsumierten, seien in "fünf Schichten verpackte Insider-Jokes und -Memes".

Unausweichlich sind solche Gewalttaten aber nicht, argumentiert die Kriminalpsychologin Jillian Anderson vom "Violence Prevention Project Research Center". Sie habe sich viel mit Attentätern beschäftigt und einige auch persönlich befragt. Ihre Lehren daraus: viele Täter seien isoliert gewesen und fühlten sich fehl am Platz. Womöglich hätte psychologische oder soziale Unterstützung den späteren Tätern in dieser Phase geholfen.

Zudem sei die Schaffung einer anonymen Hinweisgeberstelle wichtig, da Attentäter in einigen Fällen Anspielungen auf ihre Pläne fallen lassen.


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Man kann nur hoffen, dass stärker ein Augenmerk auf diese Form der Fehlentwicklung von Jugendlichen gelegt wird. Dazu gehört eigentlich auch, dass das Thema in Schulen aufgegriffen wird und man Anlaufstellen bekannt macht, wenn sich Jugendliche isoliert sehen. Und auch in der Öffentlichkeit sollte das deutlich kommuniziert werden, um möglicherweise auch Eltern zu sensibilisieren.

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