Energie, Finanzen, Militär: So abhängig ist Europa
Nach dem Grönland-Schock kommt der Moment der Wahrheit: Auf einmal tritt die Abhängigkeit der Europäer und namentlich Deutschlands von den USA grell ins Licht. Diese Abhängigkeit ist vieldimensional.
Sie ist eine energiepolitische Abhängigkeit. Das Ziel, sich von russischem Gas unabhängig zu machen, hat – einschließlich der schulterzuckenden Hinnahme der wohl mit staatsterroristischer Unterstützung durchgeführten Anschläge auf die Nord-Stream-Pipeline – bloß in eine neue energiepolitischer Anhängigkeit geführt: von den USA und ihrer Infrastruktur für LNG-Lieferungen.
Die Aufgabe der europäisch-russischen Energiesymbiose entfaltet eine dramatische deindustrialisierende Wirkung. Die laufende Kapitalabwanderung der energieintensiven Unternehmen – Chemie/Pharma, Industrie und Maschinenbau – in die USA oder nach China, wo BASF, VW und Co. eigene Tochterfirmen aufbauen, die sich durch lokale Lieferketten von den Turbulenzen der Geopolitik abschirmen, ist das Symptom.
Dauerhaft ist es nicht tragfähig, wenn Kapital in etwa das Dreifache pro Kilowattstunde Industriestrom wie in den USA und in etwa das Siebenfache verglichen mit China bezahlt. Mehr noch: Sind diese Kosten dauerhaft so hoch, dann erzwingt das eine Erhöhung der Ausbeutungsrate im Innern. Dies ist der Hintergrund der Begehrlichkeiten von Kapitalseite in Richtung Verschärfung der Bürgergeld-Sanktionen, Erhöhung des Renteneintrittsalters, Rentenkürzungen oder beides, Aufhebung der 35-Stunden-Woche, Sparmaßnahmen bei der Krankenversicherung, um die „Lohnnebenkosten“ zu senken, und so weiter. Damit ist aber der innere soziale Friede bedroht.
Zur Energieabhängigkeit kommt unter den Bedingungen die ökonomische. Die europäische Wirtschaft steht stark unter der Kontrolle von US-Kapitalinvestoren wie BlackRock, Vanguard und der State Street Corporation. Allein Blackrock kontrolliert mit 12,5 Billionen US-Dollar Kapital im Gesamtvolumen der Wirtschaftsleistung von Deutschland, Großbritannien und Indien zusammen. In Europa hat der größte Kapitalfonds der Welt in wenigen Jahren seinen Anteil an den DAX-Konzernen auf elf Prozent gesteigert.
Die USA haben ihren Binnenmarkt schon seit Ronald Reagan als Machthebel gegen die aufsteigende Konkurrenz eingesetzt. Trumps Zollpolitik heute folgt ebenfalls wieder diesem Muster. Die von den USA durch die Politisierung der Lieferketten – der US-Staat sanktioniert beispielsweise mit China Handel treibende europäische Unternehmen, wenn in der Wertschöpfungskette US-Komponenten verarbeitet werden – betriebene Abkopplung der EU von China hat die Europäer noch erpressbarer gemacht.
Auch finanziell sind die Europäer stark von den USA abhängig. Die Wall Street ist immer noch der sicherste Anlagehafen der Welt. Der US-Dollar ist immer noch das Weltgeld. Das US-kontrollierte, internationale Bezahlungssystem SWIFT bedeutet, dass jeder, der hiervon ausgeschlossen ist, wirtschaftlich ruiniert ist. Die Abhängigkeit der europäischen Banken von der US-Zentralbank Federal Reserve ist groß. Das Handeln der Europäischen Zentralbank folgt in der Regel dem der Fed. Die europäischen Banken, Zentralbanken und kapitalgedeckten Rentenfonds halten mehr als drei Billionen US-Dollar an US-Staatsanleihen.
Zur ökonomischer-finanzieller kommt die militärische Abhängigkeit. Ja, auch militärisch ist das erklärte Ziel der Bundesregierung und des Bundeskanzlers „Schritt für Schritt Unabhängigkeit zu erreichen von den USA“. Aber dieser Weg ist, selbst wenn man ihn für sinnvoll hält, lang. Viel Aufhebens wird um den US-Atomschutzschirm gemacht. Ob die US-Atomwaffen in Deutschland dem Schutz dienen oder Deutschland nicht vielmehr zum Angriffsziel machen, ob darum das Ziel einer französischen Atombeteiligung oder ein offener Bruch des 2+4-Vertrags ratsam ist statt der Orientierung an nuklearen Abrüstungsverträgen, darüber ist zu diskutieren. Entscheidender ist die Abhängigkeit im konventionellen Bereich.
Dies gilt insbesondere, weil der Versuch, eigenständig globale Militärmacht zu sein, nicht nur an die Grenzen der demokratischen Stabilität im Innern stößt, sondern auch an äußere Grenzen. Denn die Abhängigkeit von den US-Rüstungskonzernen an die in etwa die Hälfte der europäischen Rüstungsausgaben transferiert wird, ist groß. Dazu gehört auch die Frage der in diesem Kriegsgerät eingesetzten Software. Dänemark hat gerade F-35-Flugzeuge aus US-amerianischer Produktion gekauft. Sollte das kleine Land sie zum Schutz Grönlands gegen die USA einzusetzen gedenken, dann könnten die sie durch die Software-Kontrolle einfach dazu zwingen, am Boden zu bleiben.
Der Freitag. 29.1.2026
Ich weiß es ist der Freitag. Ob der auch beobachtet wird weiß ich nicht.
Jedenfalls wird er hier beobachtet, denn er wurde verächtlich als tendenziös bezeichnet. Und das hat mich gefreut.
Gelesen von jemand, der sowas nie liest.
Vieles ist bekannt, manches so deutlich nicht, aber die gezogenen Querverbindungen. Da macht man sich schon seine Gedanken. Soll ja auch so.
Der Faden, der zur energiepolitischen Abhängigkeit weiter gesponnen wird hat in mir die Einsicht geweckt, wie wichtig derzeit doch die angebliche Existenz eines kriegslüsternen Feind im Osten ist. Wichtig für die Bundesregierung.
Energie, Finanzen, Militär: So abhängig ist Europa
Nach dem Grönland-Schock kommt der Moment der Wahrheit: Auf einmal tritt die Abhängigkeit der Europäer und namentlich Deutschlands von den USA grell ins Licht. Diese Abhängigkeit ist vieldimensional.
Sie ist eine energiepolitische Abhängigkeit. Das Ziel, sich von russischem Gas unabhängig zu machen, hat – einschließlich der schulterzuckenden Hinnahme der wohl mit staatsterroristischer Unterstützung durchgeführten Anschläge auf die Nord-Stream-Pipeline – bloß in eine neue energiepolitischer Anhängigkeit geführt: von den USA und ihrer Infrastruktur für LNG-Lieferungen.
Die Aufgabe der europäisch-russischen Energiesymbiose entfaltet eine dramatische deindustrialisierende Wirkung. Die laufende Kapitalabwanderung der energieintensiven Unternehmen – Chemie/Pharma, Industrie und Maschinenbau – in die USA oder nach China, wo BASF, VW und Co. eigene Tochterfirmen aufbauen, die sich durch lokale Lieferketten von den Turbulenzen der Geopolitik abschirmen, ist das Symptom.
Dauerhaft ist es nicht tragfähig, wenn Kapital in etwa das Dreifache pro Kilowattstunde Industriestrom wie in den USA und in etwa das Siebenfache verglichen mit China bezahlt. Mehr noch: Sind diese Kosten dauerhaft so hoch, dann erzwingt das eine Erhöhung der Ausbeutungsrate im Innern. Dies ist der Hintergrund der Begehrlichkeiten von Kapitalseite in Richtung Verschärfung der Bürgergeld-Sanktionen, Erhöhung des Renteneintrittsalters, Rentenkürzungen oder beides, Aufhebung der 35-Stunden-Woche, Sparmaßnahmen bei der Krankenversicherung, um die „Lohnnebenkosten“ zu senken, und so weiter. Damit ist aber der innere soziale Friede bedroht.
Zur Energieabhängigkeit kommt unter den Bedingungen die ökonomische. Die europäische Wirtschaft steht stark unter der Kontrolle von US-Kapitalinvestoren wie BlackRock, Vanguard und der State Street Corporation. Allein Blackrock kontrolliert mit 12,5 Billionen US-Dollar Kapital im Gesamtvolumen der Wirtschaftsleistung von Deutschland, Großbritannien und Indien zusammen. In Europa hat der größte Kapitalfonds der Welt in wenigen Jahren seinen Anteil an den DAX-Konzernen auf elf Prozent gesteigert.
Die USA haben ihren Binnenmarkt schon seit Ronald Reagan als Machthebel gegen die aufsteigende Konkurrenz eingesetzt. Trumps Zollpolitik heute folgt ebenfalls wieder diesem Muster. Die von den USA durch die Politisierung der Lieferketten – der US-Staat sanktioniert beispielsweise mit China Handel treibende europäische Unternehmen, wenn in der Wertschöpfungskette US-Komponenten verarbeitet werden – betriebene Abkopplung der EU von China hat die Europäer noch erpressbarer gemacht.
Auch finanziell sind die Europäer stark von den USA abhängig. Die Wall Street ist immer noch der sicherste Anlagehafen der Welt. Der US-Dollar ist immer noch das Weltgeld. Das US-kontrollierte, internationale Bezahlungssystem SWIFT bedeutet, dass jeder, der hiervon ausgeschlossen ist, wirtschaftlich ruiniert ist. Die Abhängigkeit der europäischen Banken von der US-Zentralbank Federal Reserve ist groß. Das Handeln der Europäischen Zentralbank folgt in der Regel dem der Fed. Die europäischen Banken, Zentralbanken und kapitalgedeckten Rentenfonds halten mehr als drei Billionen US-Dollar an US-Staatsanleihen.
Zur ökonomischer-finanzieller kommt die militärische Abhängigkeit. Ja, auch militärisch ist das erklärte Ziel der Bundesregierung und des Bundeskanzlers „Schritt für Schritt Unabhängigkeit zu erreichen von den USA“. Aber dieser Weg ist, selbst wenn man ihn für sinnvoll hält, lang. Viel Aufhebens wird um den US-Atomschutzschirm gemacht. Ob die US-Atomwaffen in Deutschland dem Schutz dienen oder Deutschland nicht vielmehr zum Angriffsziel machen, ob darum das Ziel einer französischen Atombeteiligung oder ein offener Bruch des 2+4-Vertrags ratsam ist statt der Orientierung an nuklearen Abrüstungsverträgen, darüber ist zu diskutieren. Entscheidender ist die Abhängigkeit im konventionellen Bereich.
Dies gilt insbesondere, weil der Versuch, eigenständig globale Militärmacht zu sein, nicht nur an die Grenzen der demokratischen Stabilität im Innern stößt, sondern auch an äußere Grenzen. Denn die Abhängigkeit von den US-Rüstungskonzernen an die in etwa die Hälfte der europäischen Rüstungsausgaben transferiert wird, ist groß. Dazu gehört auch die Frage der in diesem Kriegsgerät eingesetzten Software. Dänemark hat gerade F-35-Flugzeuge aus US-amerianischer Produktion gekauft. Sollte das kleine Land sie zum Schutz Grönlands gegen die USA einzusetzen gedenken, dann könnten die sie durch die Software-Kontrolle einfach dazu zwingen, am Boden zu bleiben.
Der Freitag. 29.1.2026
Ich weiß es ist der Freitag. Ob der auch beobachtet wird weiß ich nicht.
Jedenfalls wird er hier beobachtet, denn er wurde verächtlich als tendenziös bezeichnet. Und das hat mich gefreut.
Gelesen von jemand, der sowas nie liest.
Vieles ist bekannt, manches so deutlich nicht, aber die gezogenen Querverbindungen. Da macht man sich schon seine Gedanken. Soll ja auch so.
Der Faden, der zur energiepolitischen Abhängigkeit weiter gesponnen wird hat in mir die Einsicht geweckt, wie wichtig derzeit doch die angebliche Existenz eines kriegslüsternen Feind im Osten ist. Wichtig für die Bundesregierung.