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Ende einer Lebenslüge

Von Harvey11 Donnerstag 15.01.2026, 13:11 – geändert Donnerstag 15.01.2026, 17:51

Im Oktober 1823, vor gut 200 Jahren, schrieb der inzwischen hochbetagte ehemalige US-Präsident Thomas Jefferson sein außenpolitisches Vermächtnis an seinen Amtsnachfolger James Monroe: „Unsere erste und grundlegende Maxime“, so der Gründungsvater der Vereinigten Staaten, „sollte sein, uns niemals in europäische Streitigkeiten zu verstricken. Unsere zweite, es niemals zu dulden, dass Europa sich in Angelegenheiten diesseits des Atlantiks einmischt.“
Kurz darauf, am 2. Dezember 1823, verkündete Monroe diese Maxime in einer Rede an die Nation. Diese später berühmt gewordene „Monroe-Doktrin“ ist nach verbreitetem europäischen Urteil die bis heute „wirkmächtigste Erklärung eines Präsidenten zur US-Außenpolitik“. Obwohl vom Kongress nie offiziell bestätigt, prägt sie mit kleinen Abweichungen die Außenpolitik sämtlicher US-Regierungen.
Tatsächlich zeigt diese Überhöhung der Monroe-Doktrin vor allem die „wirkmächtigste“ Lebenslüge der Transatlantiker Europas. Denn gehalten haben sich die USA stets nur an einen Teil der Doktrin: Sie beanspruchten und beanspruchen ein Monopol auf „Interventionen“ aller Art in Nord-, Mittel- und Südamerika – und behandeln Einmischungen von außerhalb als feindseligen Akt. Das Versprechen, sich im Gegenzug aus europäischen Angelegenheiten herauszuhalten, wurde dagegen äußerst flexibel interpretiert. Und Europas Transatlantiker erzittern regelrecht vor diesem „isolationistischen“ Teil der Doktrin.
Wenn die USA einerseits in Venezuela zuschlagen, sich aber andererseits aus dem Ukraine-Krieg zurückzuziehen trachten, liegt das genau auf der Linie der 200 Jahre alten Doktrin. Wer dies „überrascht“ und erschrocken zur Kenntnis nimmt, zeigt nur die eigene Unkenntnis der Expansionsgeschichte der USA. Oder blendet dieselbe zur eigenen Beruhigung aus und verbrämt sie ideologisch, um imperialistisches Expansionsstreben ausschließlich bei Russland zu registrieren.
Die US-Geschichte ist aber wie die russische eine Expansionsgeschichte. Nicht nur in Form schrittweiser Landnahme durch Krieg, Diktatfrieden oder Ankauf von Territorien – Florida, das einst riesige Lousiana-Gebiet, Texas, Kalifornien, Oregon und Alaska. Sondern bereits ab 1809 auch in Form permanenter Einmischung in Nachbarländern: Mexico, Nicaragua, Kuba, Puerto Rico, Dominikanische Republik, Honduras, Panama, Kolumbien, Uruguay, Argentinien, Chile sowie Kanada.
Gemäß der 1845 formulierten Ideologie des „Manifest Destiny“ glauben US-Amerikaner an ein gottgegebenes Vorrecht, den Doppelkontinent allein zu beherrschen. Aus diesem „Exzeptionalismus“ – der moralisch begründeten Wahnvorstellung, einer überlegenen Nation anzugehören und deshalb eine Sonderstellung in der Welt beanspruchen zu dürfen – ist jedes Mittel legitim: von der Erpressung Schwächerer über das Kidnappen von Präsidenten und das piratenhafte Entern fremder Handelsschiffe bis zum kriegerischen Überfall.
Das Neue ist nun, dass US-Präsident Donald Trump jene Doktrin aus dem 19. Jahrhundert nicht moralisch überhöht, sondern US-Interessen wie weitere Landnahme, Aneignung von Bodenschätzen, Ausschaltung lästiger Konkurrenten und die militärische Absicherung der „westlichen Hemisphäre“ offen benennt. Seine großkotzige Rüpelhaftigkeit müsste dabei eigentlich die Abkehr der europäischen „Verbündeten“ von ihren US-Illusionen beschleunigen. Es wird schwerer, herumzueiern und angesichts der „komplexen“ weltpolitischen Situation Zeit zu schinden. Die EU wird sich bald entscheiden müssen.
Besteht ihre Antwort bloß darin, den von einer verfehlten US-Außenpolitik mitprovozierten Krieg in der Ukraine weiterzuführen, statt ihn durch Zugeständnisse zu beenden, würden sie Trump einen Riesengefallen tun: Die USA sorgen für Chaos, Europa räumt auf. Tatsächlich sieht es derzeit so aus, als strebe die deutsche Regierung nach dieser Vasallenrolle, um „Führung“ zu demonstrieren und „Best Buddy“ der USA zu bleiben. Des Kanzlers Bereitschaft, in der Ukraine „all in“ zu gehen, unbegrenzt Geld, Waffen und am Ende gar Truppen bereitzustellen, um die Konfrontation mit Russland nicht zu beenden, sondern auszuweiten, ist freilich keine eigenständige Außenpolitik. Sondern die untertänige Erfüllung Trump’scher Wünsche.
Nähme man jene Monroe-Doktrin ernst, müsste man auf ihren vergessenen Teil pochen – dass sich die USA aus europäischen Angelegenheiten herauszuhalten haben. Das würde tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen: zuvörderst die Auflösung der NATO und die Schaffung eines europäischen Verteidigungsbündnisses. Und weiter die Schließung der US-Air-Base Ramstein sowie der Stützpunkte Baumholder, Spangdahlem, Büchel, Landstuhl und Kaiserslautern, die Schließung der beiden US-Hauptquartiere in Stuttgart, den Abzug der Truppen aus Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Hessen und Bremen, den Verzicht auf die beschlossene Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen in Deutschland.
Solange aber derlei nicht ernsthaft erwogen wird, ist alle Empörung über Trumps „machtbesoffene Außenpolitik“ nur wohlfeiles Geschwätz.
Der Freitag, 15.1.2026

Schön zu lesen, was man in der Art schon selbst geschrieben hat. Aber es stimmt schon: Wer A sagt, der muss auch B sagen. Oder am Ende bezahlen.
Vielleicht wird diese Zeitung ja auch schon vom Verfassungsschutz beobachtet. Wie hier gemeldet wurde wird es die tagesschau ja auch. Ich werde es erfahren.
Auf jeden Fall ist der Freitag tendenziös russlandfreundlich.
Oder amerikafeindlich?
Oder einfach nur erschreckend wahr?

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