Von ehemaliges Mitglied
Dienstag 11.10.2022, 14:12 – geändert Dienstag 11.10.2022, 16:20
Die Nachdenkseiten als Träger von Ideologie, Scharnier für Verschwörungstheorien
und Agenda-Setzer der radikalen Systemopposition
Wie diese Untersuchung zeigt, handelt es sich bei den Nachdenkseiten um ein stark ideologisiertes, undifferenziert argumentierendes Medium, das radikale Widerständigkeit postuliert und als Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken fungiert. Bei einzelnen Themen (fundamentale Medien- und Politikkritik, Vertretung der Position des diktatorischen Putin-Regimes, US- und Nato-Bashing, Corona) reiht man sich dabei bewusst in eine fundamentaloppositionelle Querfront ein. Man folgt einer Destruktionslogik, die als kritische Dekonstruktion ausgegeben wird.
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Die Nachdenkseiten bleiben dabei aber politisch klassisch links verortbar, etwa was die Abgrenzung zur Fremdenfeindlichkeit und die Wirtschaftspolitik betrifft. Sie verbreiten die Ideologie in der Regel auch nicht mit direkten „Fake News“, sondern mittels einer auf Halbwahrheiten und instrumenteller Pauschalkritik fußenden Methodik. Im Verbund mit anderen „Alternativmedien“ betreiben die Nachdenkseiten vorwiegend das, was sie vorgeben zu kritisieren: einseitige Meinungsmache.
1. Einleitung: die Nachdenkseiten
Im August 2015 sorgte eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung mit dem provozierenden Titel „Querfront – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks“ für Aufsehen. Der Autor, Wolfgang Storz, skizzierte ein neu entstandenes Feld einer radikaloppositionellen, „alternativen“ Medienlandschaft, das sich seines Erachtens nicht auf klassische Orientierungsbegriffe wie „rechts“ oder „links“ bringen ließ, sondern über ideologische Grenzen hinweg agiere. Ähnliche Beobachtungen über die neue Relevanz desintegrativ-verschwörungstheoretischer „Alternativmedien“ hatten auch schon andere Autoren gemacht. Storz geriet aber besonders in die Kritik, weil er den mit der Endphase der Weimar Republik verbundenen Querfrontbegriff anwandte. Außerdem erwähnte er in seiner Analyse ein Onlineportal, das vor allem in linken Kreisen einstmals einen guten Ruf besaß – und teilweise immer noch besitzt: die Nachdenkseiten (www.nachdenkseiten.de).
Albrecht Müller, ehemals Mitarbeiter der SPD-Kanzler Willy Brandt bzw. Helmut Schmidt und später primärer Macher der Nachdenkseiten, sah die Studie als „Teil einer Kampagne (…), die gegen jene läuft, die für Gegenöffentlichkeit stehen.“ Es ginge um eine neoliberal intendierte „Lähmung und Aufspaltung des linken Spektrums“. Einige von Storz genannte Akteure einer neuen Querfront, insbesondere der Schweizer Historiker Daniele Ganser und der Medienmacher Ken Jebsen (KenFM, jetzt Apolut) – beide derzeit präsent im Kontext von Coronaverharmlosung und Verschwörungserzählungen rund um die Pandemie –, wurden von Müller in Schutz genommen.
Analog dazu argumentierten andere, mit dem Querfrontbegriff und seiner angeblich mangelhaften Begründung sei eine eigene Verschwörungstheorie zur Diffamierung von kritik- und wahrheitsorientierten Medien kreiert worden. Auffällig war jedoch, dass etablierte linke Medien wie die Tageszeitungen taz und Frankfurter Rundschau die Arbeit der (ehemals „verdienstvollen“ und heute „Gegenpropaganda“ betreibenden) Nachdenkseiten nicht in Schutz nahmen. Das hatte wiederum ablehnende LeserInnenreaktionen zur Folge, denn schließlich handelte es sich laut einem taz-Artikel um „eine[n] der wichtigsten Blogs für linke Gewerkschafter oder Attac-Mitglieder“. Die vorliegende Fallstudie beleuchtet das Portal deshalb in Bezug auf die Frage, wo im Spannungsfeld zwischen kritisch-integrativem Aufklärungs- und radikalisiert-desintegrativem Querfrontmedium die Nachdenkseiten zu verorten sind.
In den Zeiten der Coronamaßnahmenproteste ist die Querfrontdiagnose aus guten Gründen wieder en vogue. Schon die sprachliche Parallele zu den sogenannten „Querdenkern“, die gerne eine angebliche ideologische Ungebundenheit zur Schau stellen, zeugt von möglichen inhaltlichen Schnittmengen. Im siebten Jahr nach Storz‘ Studie haben auch die Nachdenkseiten ihre Stellung als ausdifferenziertes Medienportal mit Blog, Medienschau, Audio- und Videoangeboten sowie dazugehörigem Buchangebot ausgebaut. Die Macher berichten von durchschnittlich 150.000 täglichen NutzerInnen und haben rund 100.000 Follower auf Facebook. Die vorliegende Fallstudie beleuchtet das Portal deshalb in Bezug auf die Frage, wo im Spannungsfeld zwischen kritisch-integrativem Aufklärungs- und radikalisiert-desintegrativem Querfrontmedium die Nachdenkseiten zu verorten sind. Dazu werden die Geschichte und Entwicklung, die Stellung innerhalb der „alternativen“ Medienlandschaft sowie die Inhalte, Methoden und Argumentationsweisen in den Blick genommen.
Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken
Im Ergebnis zeigt sich, dass es sich bei den Nachdenkseiten um ein stark ideologisiertes, undifferenziert argumentierendes, radikale Widerständigkeit postulierendes und als Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken fungierendes Medium handelt. Bei einzelnen Themen (fundamentale Medien- und Politikkritik, Vertretung der Position des diktatorischen Putin-Regimes, US- und Nato-Bashing, Corona) reiht man sich dabei bewusst in eine fundamentaloppositionelle Querfront ein. Querfront bezeichnet hier ein Feld radikaler Systemablehnung, in dem sich rechtsradikale, linksradikale und anderweitig ablehnungsideologisch gesinnte AkteurInnen publizistisch, organisatorisch und vor allem argumentativ zusammentun, um die Grundlagen des politischen Systems und seine Institutionen mittels einer oft an realen Problemen ansetzenden, aber dann stark überzeichneten Kritik zu delegitimieren.
Man folgt einer Destruktionslogik, die als kritische Dekonstruktion ausgegeben wird. Die Nachdenkseiten bleiben dabei aber politisch klassisch links verortbar, etwa was die Abgrenzung zur Fremdenfeindlichkeit und die Wirtschaftspolitik betrifft. Sie verbreiten die Ideologie in der Regel auch nicht mit direkten „Fake News“, sondern mittels einer auf Halbwahrheiten und instrumenteller Pauschalkritik fußenden Methodik. Journalistische Grundansprüche werden dabei verfehlt. Der beobachtbare Radikalisierungsprozess hat vom einstmals vorhandenen aufklärerischen Anspruch kaum etwas Greifbares übriggelassen. Im Verbund mit anderen „Alternativmedien“ betreiben die Nachdenkseiten vorwiegend das, was sie vorgeben zu kritisieren: einseitige Meinungsmache.
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Die Nachdenkseiten als Träger von Ideologie, Scharnier für Verschwörungstheorien
und Agenda-Setzer der radikalen Systemopposition
Wie diese Untersuchung zeigt, handelt es sich bei den Nachdenkseiten um ein stark ideologisiertes, undifferenziert argumentierendes Medium, das radikale Widerständigkeit postuliert und als Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken fungiert. Bei einzelnen Themen (fundamentale Medien- und Politikkritik, Vertretung der Position des diktatorischen Putin-Regimes, US- und Nato-Bashing, Corona) reiht man sich dabei bewusst in eine fundamentaloppositionelle Querfront ein. Man folgt einer Destruktionslogik, die als kritische Dekonstruktion ausgegeben wird.
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Die Nachdenkseiten bleiben dabei aber politisch klassisch links verortbar, etwa was die Abgrenzung zur Fremdenfeindlichkeit und die Wirtschaftspolitik betrifft. Sie verbreiten die Ideologie in der Regel auch nicht mit direkten „Fake News“, sondern mittels einer auf Halbwahrheiten und instrumenteller Pauschalkritik fußenden Methodik. Im Verbund mit anderen „Alternativmedien“ betreiben die Nachdenkseiten vorwiegend das, was sie vorgeben zu kritisieren: einseitige Meinungsmache.
1. Einleitung: die Nachdenkseiten
Im August 2015 sorgte eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung mit dem provozierenden Titel „Querfront – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks“ für Aufsehen. Der Autor, Wolfgang Storz, skizzierte ein neu entstandenes Feld einer radikaloppositionellen, „alternativen“ Medienlandschaft, das sich seines Erachtens nicht auf klassische Orientierungsbegriffe wie „rechts“ oder „links“ bringen ließ, sondern über ideologische Grenzen hinweg agiere. Ähnliche Beobachtungen über die neue Relevanz desintegrativ-verschwörungstheoretischer „Alternativmedien“ hatten auch schon andere Autoren gemacht. Storz geriet aber besonders in die Kritik, weil er den mit der Endphase der Weimar Republik verbundenen Querfrontbegriff anwandte. Außerdem erwähnte er in seiner Analyse ein Onlineportal, das vor allem in linken Kreisen einstmals einen guten Ruf besaß – und teilweise immer noch besitzt: die Nachdenkseiten (www.nachdenkseiten.de).
Albrecht Müller, ehemals Mitarbeiter der SPD-Kanzler Willy Brandt bzw. Helmut Schmidt und später primärer Macher der Nachdenkseiten, sah die Studie als „Teil einer Kampagne (…), die gegen jene läuft, die für Gegenöffentlichkeit stehen.“ Es ginge um eine neoliberal intendierte „Lähmung und Aufspaltung des linken Spektrums“. Einige von Storz genannte Akteure einer neuen Querfront, insbesondere der Schweizer Historiker Daniele Ganser und der Medienmacher Ken Jebsen (KenFM, jetzt Apolut) – beide derzeit präsent im Kontext von Coronaverharmlosung und Verschwörungserzählungen rund um die Pandemie –, wurden von Müller in Schutz genommen.
Analog dazu argumentierten andere, mit dem Querfrontbegriff und seiner angeblich mangelhaften Begründung sei eine eigene Verschwörungstheorie zur Diffamierung von kritik- und wahrheitsorientierten Medien kreiert worden. Auffällig war jedoch, dass etablierte linke Medien wie die Tageszeitungen taz und Frankfurter Rundschau die Arbeit der (ehemals „verdienstvollen“ und heute „Gegenpropaganda“ betreibenden) Nachdenkseiten nicht in Schutz nahmen. Das hatte wiederum ablehnende LeserInnenreaktionen zur Folge, denn schließlich handelte es sich laut einem taz-Artikel um „eine[n] der wichtigsten Blogs für linke Gewerkschafter oder Attac-Mitglieder“. Die vorliegende Fallstudie beleuchtet das Portal deshalb in Bezug auf die Frage, wo im Spannungsfeld zwischen kritisch-integrativem Aufklärungs- und radikalisiert-desintegrativem Querfrontmedium die Nachdenkseiten zu verorten sind.
In den Zeiten der Coronamaßnahmenproteste ist die Querfrontdiagnose aus guten Gründen wieder en vogue. Schon die sprachliche Parallele zu den sogenannten „Querdenkern“, die gerne eine angebliche ideologische Ungebundenheit zur Schau stellen, zeugt von möglichen inhaltlichen Schnittmengen. Im siebten Jahr nach Storz‘ Studie haben auch die Nachdenkseiten ihre Stellung als ausdifferenziertes Medienportal mit Blog, Medienschau, Audio- und Videoangeboten sowie dazugehörigem Buchangebot ausgebaut. Die Macher berichten von durchschnittlich 150.000 täglichen NutzerInnen und haben rund 100.000 Follower auf Facebook. Die vorliegende Fallstudie beleuchtet das Portal deshalb in Bezug auf die Frage, wo im Spannungsfeld zwischen kritisch-integrativem Aufklärungs- und radikalisiert-desintegrativem Querfrontmedium die Nachdenkseiten zu verorten sind. Dazu werden die Geschichte und Entwicklung, die Stellung innerhalb der „alternativen“ Medienlandschaft sowie die Inhalte, Methoden und Argumentationsweisen in den Blick genommen.
Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken
Im Ergebnis zeigt sich, dass es sich bei den Nachdenkseiten um ein stark ideologisiertes, undifferenziert argumentierendes, radikale Widerständigkeit postulierendes und als Scharnier für verschwörungstheoretisches Denken fungierendes Medium handelt. Bei einzelnen Themen (fundamentale Medien- und Politikkritik, Vertretung der Position des diktatorischen Putin-Regimes, US- und Nato-Bashing, Corona) reiht man sich dabei bewusst in eine fundamentaloppositionelle Querfront ein. Querfront bezeichnet hier ein Feld radikaler Systemablehnung, in dem sich rechtsradikale, linksradikale und anderweitig ablehnungsideologisch gesinnte AkteurInnen publizistisch, organisatorisch und vor allem argumentativ zusammentun, um die Grundlagen des politischen Systems und seine Institutionen mittels einer oft an realen Problemen ansetzenden, aber dann stark überzeichneten Kritik zu delegitimieren.
Man folgt einer Destruktionslogik, die als kritische Dekonstruktion ausgegeben wird. Die Nachdenkseiten bleiben dabei aber politisch klassisch links verortbar, etwa was die Abgrenzung zur Fremdenfeindlichkeit und die Wirtschaftspolitik betrifft. Sie verbreiten die Ideologie in der Regel auch nicht mit direkten „Fake News“, sondern mittels einer auf Halbwahrheiten und instrumenteller Pauschalkritik fußenden Methodik. Journalistische Grundansprüche werden dabei verfehlt. Der beobachtbare Radikalisierungsprozess hat vom einstmals vorhandenen aufklärerischen Anspruch kaum etwas Greifbares übriggelassen. Im Verbund mit anderen „Alternativmedien“ betreiben die Nachdenkseiten vorwiegend das, was sie vorgeben zu kritisieren: einseitige Meinungsmache.
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