Wer im christlichen Sinne politisch ist, redet den Mächtigen nicht das Wort. Da müssen die Protestanten noch viel lernen, wie sich in Hannover zeigte.
Von Katharina Körting, der Freitag vom 7.5.2025
Der Sturm im Wasserglas auf den Kanzeln der Republik schäumt, als Julia Klöckner (CDU) Kirche mit NGOs verwechselt. Evangelische Äußerungen fürs Tempolimit, kritisierte die christdemokratische Theologin und Bundestagspräsidentin, machten Kirchen beliebig“. Dem kann man nur zustimmen. Watteweich lehnt sich Kirche dem Zeitgeist an, sei es bei Corona, sei es beim Krieg – Hauptsache, in der Mitte liegen. Als der Zeitgeist neoliberal war, wurde es auch Kirche, propagierte eifrig die Agenda 2010.
Dabei hat der Gekreuzigte höchstselbst vorgemacht, wie politisch gelebte Nächstenliebe ist: Damit eckt man an, steht nicht bequem mit „Haltung“, sondern sitzt zwischen den Stühlen oder widerspenstig am Rand. „Wir haben uns alle lieb und kehren Konflikte hübsch unter den Teppich?“ Nein. Jesus hat die Tische der Markttreibenden im Tempel umgeworfen, hat Anti-Wohlstand gepredigt, hat den Reichen durchs Nadelöhr zu Gott geschickt, nicht via Sylt. Er wusch den Verachteten die Füße, auf das die Letzten die Ersten seien. Er stand bei den Hungrigen, nicht bei den Satten. Das war das Wunder, über das die Leute sich wunderten. Die Hoffnung, an der sich die Herrschenden stießen. Wer im christlichen Sinne politisch handelt, schürt revolutionäre Verheißung. Stört gewohnte Abläufe. Legt Finger in Wunden. Deckt Lügen auf – und legt sich an mit der vermeintlichen Alternativlosigkeit lebensfeindlicher Systeme. Wie steht es darum bei den Kirchen in Deutschland? Legen sie Finger in Wunden, oder reden sie den Mächtigen nach dem Munde?
Gewiss tun sie beides und noch viel mehr, denn Kirche besteht aus vielen Einzelnen. Doch was tun ihre Lautsprecher, die Pfarrer und Bischöfe? Kämpft das wohlgenährte kirchliche Beamtentum – auch hier bestimmt das Sein das Bewusstsein - mehr für die Benachteiligten als für die eigenen Pfründen? Agiert Kirche wirklich „mutig, stark, beherzt“?
So lautete das Motto des jüngsten Evangelischen Kirchentages. Protestanten hielten „MUTIG“-Schilder in die Kameras. Doch wann hat man im Alltag zuletzt eine mutige Predigt gehört? Dem Gottesdienstbesucher drängt sich eher der Eindruck auf, dass Kirche auf Teufel komm raus niemandem weh tun will, am wenigsten sich selbst. „Fünf großartige Tage“ bescheinigte sich die Kirchentagspräsidentin und frühere Grünen-Politikerin Anja Siegesmund, und: „Wir brauchen Mut zur strittigen Debatte“. Aber mit wem eigentlich? AfD und BSW waren vorsichtshalber nicht eingeladen, der salbungsvolle Steinmeier machte es sich – „Kirchentag ist wie Nach-Hause-Kommen“ – im eigenen Gutsein gemütlich, und die Friedenssynode mit Radikalpazifistin Margot Käßmann lief eigenständig neben dem Kirchentag. Zu allem Unglück ist mit Papst Franziskus eine der wenigen weltweit gesendeten Stimmen gegen kapitalistische Grundübel gestorben.
Dabei ist es ganz einfach. Wer das mit der Nächstenliebe ernst nimmt, steht ein für Menschenwürde. Wer sich in der Nachfolge Jesu verortet, steht ein für Barmherzigkeit – muss also notwendigerweise fremdeln mit ungerechten Verhältnissen. Kirche möge „sich nicht verzetteln“, rät (wie Klöckner) der Nicht-mehr-Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er ruft zum Gebet für den neuen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), wünscht ihm „eine glückliche Hand in diesen schweren Zeiten“. Beten hat derweil schon zu Jesu schweren Zeiten nicht gereicht. Kirche darf nicht nur, sie muss, auch wenn gerade keine Kamera lockt, den Regierenden auf die Finger hauen – und dem Neoliberalismus in die Speichen greifen.
……
Ein Gebet für den Kanzler? Wenn an schon göttlichen Beistand erhofft, dann scheint man auf den so Bedachten selbst nicht groß zu hoffen. Aber es kostet nichts.
Und ob sich die Kirchen an ihre eigentlichen Wurzeln erinnern lassen? Ist doch so schön bequem. Auch wenn die Mitglieder türmen.
Wenn man das erhofft, dann wäre die letzten Parteien, der sie zugeneigt wären, nicht die Unionsparteien. Denn die haben längst das Kruzifix gegen das Goldene Kalb vertauscht.
Wer im christlichen Sinne politisch ist, redet den Mächtigen nicht das Wort. Da müssen die Protestanten noch viel lernen, wie sich in Hannover zeigte.
Von Katharina Körting, der Freitag vom 7.5.2025
Der Sturm im Wasserglas auf den Kanzeln der Republik schäumt, als Julia Klöckner (CDU) Kirche mit NGOs verwechselt. Evangelische Äußerungen fürs Tempolimit, kritisierte die christdemokratische Theologin und Bundestagspräsidentin, machten Kirchen beliebig“. Dem kann man nur zustimmen. Watteweich lehnt sich Kirche dem Zeitgeist an, sei es bei Corona, sei es beim Krieg – Hauptsache, in der Mitte liegen. Als der Zeitgeist neoliberal war, wurde es auch Kirche, propagierte eifrig die Agenda 2010.
Dabei hat der Gekreuzigte höchstselbst vorgemacht, wie politisch gelebte Nächstenliebe ist: Damit eckt man an, steht nicht bequem mit „Haltung“, sondern sitzt zwischen den Stühlen oder widerspenstig am Rand. „Wir haben uns alle lieb und kehren Konflikte hübsch unter den Teppich?“ Nein. Jesus hat die Tische der Markttreibenden im Tempel umgeworfen, hat Anti-Wohlstand gepredigt, hat den Reichen durchs Nadelöhr zu Gott geschickt, nicht via Sylt. Er wusch den Verachteten die Füße, auf das die Letzten die Ersten seien. Er stand bei den Hungrigen, nicht bei den Satten. Das war das Wunder, über das die Leute sich wunderten. Die Hoffnung, an der sich die Herrschenden stießen. Wer im christlichen Sinne politisch handelt, schürt revolutionäre Verheißung. Stört gewohnte Abläufe. Legt Finger in Wunden. Deckt Lügen auf – und legt sich an mit der vermeintlichen Alternativlosigkeit lebensfeindlicher Systeme. Wie steht es darum bei den Kirchen in Deutschland? Legen sie Finger in Wunden, oder reden sie den Mächtigen nach dem Munde?
Gewiss tun sie beides und noch viel mehr, denn Kirche besteht aus vielen Einzelnen. Doch was tun ihre Lautsprecher, die Pfarrer und Bischöfe? Kämpft das wohlgenährte kirchliche Beamtentum – auch hier bestimmt das Sein das Bewusstsein - mehr für die Benachteiligten als für die eigenen Pfründen? Agiert Kirche wirklich „mutig, stark, beherzt“?
So lautete das Motto des jüngsten Evangelischen Kirchentages. Protestanten hielten „MUTIG“-Schilder in die Kameras. Doch wann hat man im Alltag zuletzt eine mutige Predigt gehört? Dem Gottesdienstbesucher drängt sich eher der Eindruck auf, dass Kirche auf Teufel komm raus niemandem weh tun will, am wenigsten sich selbst. „Fünf großartige Tage“ bescheinigte sich die Kirchentagspräsidentin und frühere Grünen-Politikerin Anja Siegesmund, und: „Wir brauchen Mut zur strittigen Debatte“. Aber mit wem eigentlich? AfD und BSW waren vorsichtshalber nicht eingeladen, der salbungsvolle Steinmeier machte es sich – „Kirchentag ist wie Nach-Hause-Kommen“ – im eigenen Gutsein gemütlich, und die Friedenssynode mit Radikalpazifistin Margot Käßmann lief eigenständig neben dem Kirchentag. Zu allem Unglück ist mit Papst Franziskus eine der wenigen weltweit gesendeten Stimmen gegen kapitalistische Grundübel gestorben.
Dabei ist es ganz einfach. Wer das mit der Nächstenliebe ernst nimmt, steht ein für Menschenwürde. Wer sich in der Nachfolge Jesu verortet, steht ein für Barmherzigkeit – muss also notwendigerweise fremdeln mit ungerechten Verhältnissen. Kirche möge „sich nicht verzetteln“, rät (wie Klöckner) der Nicht-mehr-Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er ruft zum Gebet für den neuen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), wünscht ihm „eine glückliche Hand in diesen schweren Zeiten“. Beten hat derweil schon zu Jesu schweren Zeiten nicht gereicht. Kirche darf nicht nur, sie muss, auch wenn gerade keine Kamera lockt, den Regierenden auf die Finger hauen – und dem Neoliberalismus in die Speichen greifen.
……
Ein Gebet für den Kanzler? Wenn an schon göttlichen Beistand erhofft, dann scheint man auf den so Bedachten selbst nicht groß zu hoffen. Aber es kostet nichts.
Und ob sich die Kirchen an ihre eigentlichen Wurzeln erinnern lassen? Ist doch so schön bequem. Auch wenn die Mitglieder türmen.
Wenn man das erhofft, dann wäre die letzten Parteien, der sie zugeneigt wären, nicht die Unionsparteien. Denn die haben längst das Kruzifix gegen das Goldene Kalb vertauscht.