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Ein Artikel der es in sich hat

Von Feierabend-Mitglied Freitag 20.12.2024, 12:06 – geändert Freitag 20.12.2024, 12:09

und lesenswert ist, auch wenn er möglicherweise schockiert wie die NS-zeit und manche der dort geschützten Verbrecher in Syrien ihre Spuren hinterliessen.

"Wie ein Phantom geisterte der Name des berüchtigten NS-Kriegsverbrechers durch die Welt. Im Juni 2017 wurde Alois Brunner von der "Austrias Most Wanted"-Liste gestrichen. Der 1912 im Burgenland geborene Brunner war der wichtigste Mitarbeiter des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann.

Gemeinsam organisierten die beiden SS-Männer die Deportation der Juden und Jüdinnen aus Berlin, Wien, Frankreich, der Slowakei, Mazedonien und Griechenland in NS-Vernichtungslager. Allein aus Wien ließ Brunner bis Februar 1943 mindestens 47.000 Juden und Jüdinnen verschleppen, in Paris und an anderen Orten Frankreichs holte er Kinder aus ihren Verstecken, um sie in den Tod zu schicken.

Als sich in Frankreich herumspricht, dass die Deportationen in die Vernichtungslager führten, ließ Brunner fingierte Postkarten angeblich verreister Juden und Jüdinnen verteilen, aus denen hervorging, dass sie gut angekommen seien und bereits Arbeit gefunden hätten. So sollten seine Opfer getäuscht und beruhigt werden. Treffend nannte Simon Wiesenthal ihn im Jahr 1988 als den "zweifellos schlimmsten" noch "lebenden Verbrecher des Dritten Reichs".

Während Eichmann 1960 von israelischen Agenten aus Argentinien entführt, in Jerusalem vor Gericht gestellt und 1962 hingerichtet wurde, blieb Brunner zeit seines Lebens gerichtlich unbehelligt. Nach dem Krieg lebte Brunner zunächst unter falschem Namen in Deutschland und floh 1954 über Kairo ins syrische Damaskus. Ende der 1990er-Jahre verloren sich seine Spuren, im März 2021 erklärte ihn das Bezirksgericht in Wien-Döbling endgültig für tot. Wann er tatsächlich verstorben ist, ist ungeklärt.

Ein gutes Pflaster für NS-Verbrecher
Syrien war ein gutes Pflaster für Brunner und andere NS-Verbrecher. Antisemitismus ist dort weitverbreitet, zu Nazizeiten war Mein Kampf ein Bestseller. Auch waren "Experten" für den Kampf gegen Israel gefragt.

Geschützt von den Machthabern, lebte Brunner jahrzehntelang unter dem Falschnamen "Dr. Georg Fischer“ in der Rue Georges Haddat, Hausnummer 22, handelte mit Waffen, unterhielt Kontakt zu Alt- und Neonazis in Österreich sowie Deutschland und gab Interviews. "Seien Sie froh, dass ich das schöne Wien für Sie judenfrei gemacht habe", sagte er 1987 dem Krone-Journalisten Kurt Seinitz in Damaskus. Seinitz berichtete später, Brunner sei der widerwärtigste Mensch, der ihm je untergekommen sei.

Brunner arbeitete für den Geheimdienst
Brunner musste sich in Syrien seitens der Regierung "nie bedroht fühlen", da er dort wegen seiner Rolle bei der Judenverfolgung "Ansehen und Protektion" genoss, schrieb Simon Wiesenthal in seinem Buch Recht, nicht Rache. Dazu kam, dass Brunner für den syrischen Sicherheitsapparat arbeitete.

Laut Akten des deutschen Verfassungsschutzes, die 2023 freigegeben wurden, spielte Brunner zeitweise eine "erhebliche Rolle" im syrischen Geheimdienst. Er werde für "antisemitische Infiltrationsaufgaben" gegen Israel herangezogen und ist beratend bei "Sabotage und Propaganda" tätig, so der deutsche Verfassungsschutz. Brunner wird in den als "vertraulich" eingestuften Dokumenten als "professioneller Antisemit rein nationalsozialistischer Prägung" beschrieben.

Auch Recherchen von Simon Wiesenthal ergaben, dass Brunner für den syrischen Geheimdienst arbeitete. Er soll in den Fünfziger- und Sechzigerjahren eine Reihe von Aufträgen im Libanon für ihn ausgeführt haben, so Wiesenthal.

Brunners Zusammenarbeit hat wohl über Jahrzehnte gedauert. 1984 heißt es in einem Aktenvermerk des deutschen Verfassungsschutzes, Brunner habe "eine Schule für den syrischen Sicherheitsdienst geleitet" und "genießt das Wohlwollen auch der jetzigen syrischen Regierung".

In jenen Jahren wurde Syrien von Hafiz al-Assad regiert, dem Vater des kürzlich gestürzten Diktators Baschar al-Assad. Beide regierten mit Mord, Verschleppung, Folter und einem Netz von Spitzeln und Geheimdienstagenten.

Geheimdienst von Deutschen aufgebaut
Der syrische Geheimdienst, der für seine Foltermethoden und unglaubliche Brutalität bekannt ist, wurde zwischen 1948 und 1954 maßgeblich von Deutschen mitaufgebaut. Angeführt wurde das Projekt von Walther Rauff, dem Erfinder der "mobilen Gaskammern". Der SS-Offizier hatte 1941 den Umbau von Lastwagen zu Werkzeugen des Massenmordes mittels Abgasumleitung überwacht und damit die Ermordung von mindestens 97.000, wahrscheinlich aber von wesentlich mehr Menschen ermöglicht. Nach Kriegsende ging er nach Syrien und wurde mit offenen Armen empfangen.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass eines der berüchtigtsten Folterinstrumente in Syrien der "deutsche Stuhl" heißt. Dabei wird der Häftling auf ein stuhlähnliches Gerät gesetzt, das aus beweglichen Teilen besteht und mit dem der Körper des Gefangenen überdehnt wird. Häufig führt diese Methode dazu, dass den Opfern die Wirbelsäule gebrochen wird.
BND vernichtete Akten

Nach politischen Unruhen in Syrien und einem Schwenk des Landes Richtung Ostblock wurden die einjährigen Verträge der Altnazis ab 1956 nicht mehr verlängert. Dafür übernahm die DDR die Ausbildung der Agenten.

Der NS-Verbrecher Rauff arbeitete zwischen 1958 und 1962 auch als Agent des deutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Auch bei Brunner gab es den Verdacht, dass er für den deutschen Geheimdienst in Syrien gearbeitet hat, jedoch wurden dafür bisher keine gesicherten Beweise gefunden. Allerdings ist auffällig, dass der BND in den 1990er-Jahren Akten über Brunner vernichtet hat.
Über Jahrzehnte versuchten mehrere Staaten, Brunners habhaft zu werden. Mehrere Auslieferungsbegehren der französischen Regierung blieben erfolglos, wie auch jene Österreichs oder Deutschlands. Aus Akten des österreichischen Staatsarchivs geht hervor, dass auch die österreichischen Sicherheitsbehörden ab dem Jahr 1962 wussten, dass sich der NS-Verbrecher in Damaskus aufhielt. Ein Auslieferungsantrag wurde überlegt, aber nicht für umsetzbar gehalten, da "die syrischen Justizbehörden Alois Brunner nicht als verdächtig ansehen, gemeine Verbrechen begangen zu haben", wie in einem Akt zu lesen ist.

Den letzten Versuch, seine Auslieferung zu erreichen, machte Kurt Waldheim 1986 als Bundespräsident bei einem Staatsbesuch in Syrien. Allerdings dementierten die syrischen Behörden Brunners Aufenthalt. Dabei gab er in jenen Jahren deutschen und österreichischen Medien Interviews. Auch wusste der israelische Mossad Bescheid, er schickte Brunner zwei Briefbomben, die Brunner verletzten. Im Jahr 1961 verlor er ein Auge und 1980 vier Finger der linken Hand.

Kontakt zu Honsik
Brunner hatte auch Kontakte zum Säulenheiligen des österreichischen Rechtsextremismus, dem 2018 verstorbenen Gerd Honsik. So besuchte Honsik Brunner, um diesen für sein 1988 veröffentlichtes Buch Freispruch für Hitler? 37 ungehörte Zeugen wider die Gaskammer zu interviewen.

Honsik war unter anderem der Herausgeber der rechtsextremen Zeitschrift Halt und Gründer verschiedener Organisationen wie der "Nationalen Front" oder der "Ausländer-Halt-Bewegung". Nach einer Verurteilung im Jahr 1992 setzte er sich nach Spanien ab, wo er erst 2007 festgenommen und in weiterer Folge an Österreich ausgeliefert wurde. Auf Bewährung wurde er im Jahr 2011 enthaftet. In seinem "Exil" in Spanien betreute Honsik Otto Ernst Remer, der sich ebenfalls durch die Flucht einer Haftstrafe entzogen hatte. Der frühere Wehrmachtsoffizier, der einen wesentlichen Anteil an der Niederschlagung des Staatsstreichversuchs am 20. Juli 1944 hatte, gehörte zu den übelsten Altnazis, die nach 1945 weiterhin aktiv waren. Remer war ein Geschäftspartner von Brunner während dessen Anfangsjahre in Syrien. Gemeinsam betätigten sie sich als Waffenhändler. (Markus Sulzbacher, 19.12.2024)"



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