Wenn Frieden und Friedenssehnsucht zu Schimpfworten werden
Das Ereignis-Staccato ließ nichts zu wünschen übrig. Auf den Versuch Israels, durch permanente Landnahme in der Westbank und die Abraham-Verträge mit einigen arabischen Ländern einen Palästinenser-Staat für immer von der Agenda zu tilgen, folgte der Hamas-Überfall auf israelische Siedlungen, folgte der Luftkrieg gegen Gaza, folgte die Bodenoffensive in Gaza, folgte die Beschießung Israels durch die Hisbollah, folgten Sprengstoff – und Luftangriffe Israels auf die Hisbollah, folgte der Einmarsch in den Libanon – folgt ein Schlagabtausch mit dem Iran?
Man ist angekommen im umfassendsten und blutigsten Nahostkonflikt seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. An mittlerweile drei Fronten setzt Israel bis auf Kernwaffen seine großen militärischen Kapazitäten ein, freilich auch aufs Spiel. Benjamin Netanjahu hat, was er schon immer wollte und sich verkneifen musste, solange US-Präsidenten wie Barack Obama regierten, dem ein Atomabkommen mit dem Iran lieber war als die permanente Konfrontation.
Joe Biden ist zu schwach und zu sehr Netanjahus Täuschungen ausgesetzt, als dass er dessen Obsessionen Einhalt gebieten könnte, den Hauptgegner Iran endlich herauszufordern. Die Frage, ob sich das lohnt, beantwortet der Verweis auf ein Defizit, das Netanjahu und seine ultranationalistische Entourage in ihrer Kriegsversessenheit nicht überspielen können: Es gibt kein strategisches Konzept für eine Zeit danach, für einen wie auch immer gearteten Frieden. Ist Israel, sich dem endlosen Krieg auszuliefern?
Was vom Gaza-Streifen und vom Libanon übrig bleibt, werden gezeichnete Gesellschaften in äußerst labilen politischen Verhältnissen sein, die Israel als Gefahr für seine Sicherheit deuten wird, beherrschbar nur durch stehe Kriegsdrohung. In Gaza ist fast die gesamte Bevölkerung obdachlos, im Libanon wird ein immer schon fragiler Staat vermutlich endgültig zum »failed state«.
Die selbsttrügerische Genugtuung im Westen, die nach der Ermordung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah überwog, den es traf, als er mit seiner Führung zusammenkam, um über eine von den USA vermittelte Waffenruhe zu entscheiden, hat jeden Ruf nach Vernunft übertönt, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Überall, wo sich Chancen zum Frieden bieten und dessen Parlamentäre in Erscheinung treten, werden sie denunziert und verleumdet. Einen Friedensbotschafter wie wie den UN-Generalsekretär erklärt Israel zur »Persona non grata«, die regelbasierte deutsche Außenpolitik kommt wegen dieses Affronts gegenüber den Vereinten Nationen nicht auf die Idee, den israelischen Botschafter einzuberufen. Humanitäre Hilfsdienste der UNO in Gaza werden bedroht und ihre Helfer beraubt – alles im Namen der Selbstverteidigung Israels.
Deutschland lässt sich davon derart vereinnahmen, dass Frieden und Friedenssehnsucht zu Schimpfworten verkommen. Es gab bis 1990 eine Zeit, in der die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs schwer wog und nachwirkte, in der man sich Vorsicht auferlegte und nicht länger von Mythen wie Marne-Schlacht und Verdun verführt sein wollte wie vor 1939. Vorübergehend und ausnahmsweise wurde bescheidener gedacht als üblich. Was Willy Brands Ostpolitik ermöglichte, die es sich heute gefallen lassen muss als abartig disqualifiziert zu werden von Leuten, denen nichts abwegiger erscheint, als in einem ukrainischen Schützengraben zu liegen. Kassandra wird nur nach dem tiefen Fall erhört, nicht vor dem nächsten Absturz. Wie lange soll das gut gehen?
(Gerhard Dilger, der Freitag, 10.10,2024)
Es gibt Dinge, die werden nur am Rande erwähnt oder gleich übersehen.
Jedenfalls ist der Eiertanz zu bewundern, den Medien und Politiker aufführen, wenn es um Israel geht. Man sieht die Schere im Kopf blinken und denkt unweigerlich: Wenn da, wo dann noch?
Wenn Frieden und Friedenssehnsucht zu Schimpfworten werden
Das Ereignis-Staccato ließ nichts zu wünschen übrig. Auf den Versuch Israels, durch permanente Landnahme in der Westbank und die Abraham-Verträge mit einigen arabischen Ländern einen Palästinenser-Staat für immer von der Agenda zu tilgen, folgte der Hamas-Überfall auf israelische Siedlungen, folgte der Luftkrieg gegen Gaza, folgte die Bodenoffensive in Gaza, folgte die Beschießung Israels durch die Hisbollah, folgten Sprengstoff – und Luftangriffe Israels auf die Hisbollah, folgte der Einmarsch in den Libanon – folgt ein Schlagabtausch mit dem Iran?
Man ist angekommen im umfassendsten und blutigsten Nahostkonflikt seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. An mittlerweile drei Fronten setzt Israel bis auf Kernwaffen seine großen militärischen Kapazitäten ein, freilich auch aufs Spiel. Benjamin Netanjahu hat, was er schon immer wollte und sich verkneifen musste, solange US-Präsidenten wie Barack Obama regierten, dem ein Atomabkommen mit dem Iran lieber war als die permanente Konfrontation.
Joe Biden ist zu schwach und zu sehr Netanjahus Täuschungen ausgesetzt, als dass er dessen Obsessionen Einhalt gebieten könnte, den Hauptgegner Iran endlich herauszufordern. Die Frage, ob sich das lohnt, beantwortet der Verweis auf ein Defizit, das Netanjahu und seine ultranationalistische Entourage in ihrer Kriegsversessenheit nicht überspielen können: Es gibt kein strategisches Konzept für eine Zeit danach, für einen wie auch immer gearteten Frieden. Ist Israel, sich dem endlosen Krieg auszuliefern?
Was vom Gaza-Streifen und vom Libanon übrig bleibt, werden gezeichnete Gesellschaften in äußerst labilen politischen Verhältnissen sein, die Israel als Gefahr für seine Sicherheit deuten wird, beherrschbar nur durch stehe Kriegsdrohung. In Gaza ist fast die gesamte Bevölkerung obdachlos, im Libanon wird ein immer schon fragiler Staat vermutlich endgültig zum »failed state«.
Die selbsttrügerische Genugtuung im Westen, die nach der Ermordung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah überwog, den es traf, als er mit seiner Führung zusammenkam, um über eine von den USA vermittelte Waffenruhe zu entscheiden, hat jeden Ruf nach Vernunft übertönt, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Überall, wo sich Chancen zum Frieden bieten und dessen Parlamentäre in Erscheinung treten, werden sie denunziert und verleumdet. Einen Friedensbotschafter wie wie den UN-Generalsekretär erklärt Israel zur »Persona non grata«, die regelbasierte deutsche Außenpolitik kommt wegen dieses Affronts gegenüber den Vereinten Nationen nicht auf die Idee, den israelischen Botschafter einzuberufen. Humanitäre Hilfsdienste der UNO in Gaza werden bedroht und ihre Helfer beraubt – alles im Namen der Selbstverteidigung Israels.
Deutschland lässt sich davon derart vereinnahmen, dass Frieden und Friedenssehnsucht zu Schimpfworten verkommen. Es gab bis 1990 eine Zeit, in der die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs schwer wog und nachwirkte, in der man sich Vorsicht auferlegte und nicht länger von Mythen wie Marne-Schlacht und Verdun verführt sein wollte wie vor 1939. Vorübergehend und ausnahmsweise wurde bescheidener gedacht als üblich. Was Willy Brands Ostpolitik ermöglichte, die es sich heute gefallen lassen muss als abartig disqualifiziert zu werden von Leuten, denen nichts abwegiger erscheint, als in einem ukrainischen Schützengraben zu liegen. Kassandra wird nur nach dem tiefen Fall erhört, nicht vor dem nächsten Absturz. Wie lange soll das gut gehen?
(Gerhard Dilger, der Freitag, 10.10,2024)
Es gibt Dinge, die werden nur am Rande erwähnt oder gleich übersehen.
Jedenfalls ist der Eiertanz zu bewundern, den Medien und Politiker aufführen, wenn es um Israel geht. Man sieht die Schere im Kopf blinken und denkt unweigerlich: Wenn da, wo dann noch?