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Egal wo wir verteidigt werden, gestorben wird hier

Von Harvey11 Samstag 31.05.2025, 14:29

Nicht mehr am Hindukusch, aber in Vilnius soll Deutschlands Sicherheit verteidigt werden?
Lutz Herden, der Freitag vom 28.5.2025

„Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin“, hat Friedrich Merz vor Tagen beim „Aufstellungsappell“ einer deutschen Militärbrigade in Litauen erklärt. Im Klartext: Mit Vilnius wird Berlin verteidigt. Das Bedürfnis nach einer ähnlich griffigen und martialischen Formel beseelte 2002 den damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD). Er rechtfertigte den umstrittenen Bundeswehreinsatz in Afghanistan mit der Ansage, die Sicherheit Deutschlands werde „nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“.
Als im August 2021 wegen des Einmarschs der Taliban in Kabul die westliche Militärpräsenz jäh zu Ende ging, schien es um die Sicherheit Deutschlands weder besser noch schlechter bestellt als zuvor. Wie auch? Die Taliban hatten weder 2002 vor Berlin gestanden und mussten in Schach gehalten werden noch taten sie es jetzt. Glaubte Struck, was er zum Besten gab? Auf jeden Fall stieß seine Botschaft Kritikern der Afghanistan-Mission Bescheid, denen bedeutet wurde, wer diesen Einsatz in Zweifel ziehe, schade der Sicherheit Deutschlands. Das bediente eine da schon gängige Debattenkultur, die Andersdenkende als „unsichere Kantonisten“ stigmatisierte, auf dass die Ratio kleinlauter werde, ehe sie ganz verstummt.
Was bei Strucks Befund verwunderte, war die Tatsache, dass jahrelang nicht von Krieg gesprochen werden durfte, den die USA, die NATO und somit die Bundeswehr gegen einen Feind führten, der ein globales Aktionsfeld zu bestellen trachtete. Erst der Verteidigungsminister Karl-Theodor-zu-Guttenberg (CSU) erachtete die rhetorische Prüderie als realitätsfremd und befand 2010, man könne „umgangssprachlich“ von Krieg sprechen, in den die Bundeswehr in Mittelasien gezogen sei.
Nun also wird Deutschland nicht mehr in Kabul sondern in Vilnius verteidigt, selbst wenn es noch Zeit braucht, bis die Panzerbrigade 45 vollzählig ist. Freilich ist dieses mal einiges anders als vor gut zwei Jahrzehnten und mit Afghanistan. Vilnius liegt entschieden näher an Berlin als Kabul. Es sind nur 180 Kilometer bis zur russischen Enklave Kaliningrad, 185 Kilometer bis Minsk und 940 Kilometer bis Moskau. Mit „Vilnius schützen gleich Berlin schützen“ versetzt Merz Deutschland an die Russland-Front und in einen Vorkriegszustand. Was er nicht tun müsste. Schließlich ist seine Ansage nur die verbal zugespitzte Paraphrase der Beistandsgarantie aus Artikel 5 des NATO-Vertrages. Würde Vilnius angegriffen, wäre die Allianz angegriffen, dann würde mit Vilnius nicht nur Berlin, dann würden auch Stockholm, Lissabon oder eben jede NATO-Kapitale verteidigt. Merz‘ stramme Diktion bezeug das Bedürfnis nach mentaler Kriegstüchtigkeit. So vergattert man eine vorerst weder kriegsfähige noch kriegswillige Gesellschaft, die doch endlich auf den Geschmack kommen möge. Dazu gehört die Rückkehr zur Wehrpflicht ebenso wie ein Wehretat von drei, vier oder fünf Prozent des Bruttosozialprodukts. Oder geht noch mehr? Merz tut, was er kann, wie Struck einst tat, was er für geboten hielt.
Nur nimmt man es diesmal mit einem Gegner auf, der von anderem Format ist als kalifatsversessene Gotteskrieger. Russland hat Grund, ein an seine Westgrenze verlegtes, offensivfähiges Panzerkorps als Bedrohung zu empfinden und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Es könnte also durchaus etwas werden mit einer Schlacht um Berlin, die in Vilnius beginnt. Dass Merz bei Waffen für die Ukraine keine beschränkten Reichweiten mehr will, kann darauf Einfluss haben.
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Merz spielt hoch. Er hofft, dass Putin nachgibt.
Trump will den Deal, Merz den Sieg.

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