Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

5 6

Eberswalder eiskalt abserviert

Von Harvey11 Dienstag 17.02.2026, 10:36

Abschied in Wut und Würde: Letzte Beschäftigte protestieren vor Werkstor der einst größten Fleischfabrik Europas. Tönnies-Konzern produziert Traditionswurst künftig andernorts

«Der Wind pfeift gnadenlos vor der heruntergelassenen Schranke des Fabrikkomplexes in Britz nahe Eberswalde. Eine dünne Schneedecke hat sich über den Parkplatz gelegt, der Frost die Landschaft mit ihren endlosen Feldern drumherum fest im Griff. Doch die Menschen, die hierherkommen, suchen Wärme. Und finden sie erst einmal am großen Grill, auf den säckeweise neue Kohle geworfen wird. Die Gewerkschafter der Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) feuern ihn an. Explizit garen an diesem Sonnabend, symbolisch ab Mittag fünf nach zwölf, keine Eberswalder Bratwürste auf dem Rost, sondern solche aus Thüringen. Kein Euro zusätzlich soll dem Fleischmagnaten Clemens Tönnies in den Rachen geworfen werden. Seit er das Eberswalder Werk übernommen hat, wurden die Beschäftigten schon genug durch »freiwilligen« Lohnverzicht geschröpft, mit Versprechungen auf den Bestand ihrer Arbeitsplätze abgespeist – nun werden die letzten 500 von ihnen zum Ende des Monats auf der Straße sitzen. In weniger als zwei Wochen.

Es sind immer mehr, die vors Werktor strömen. Menschliche Wärme in Form von Hunderten, die im Laufe des Nachmittags hinzukommen. Viele kennen sich, umarmen sich. Tränen sind selten, und wenn, dann schießen sie bei dieser als Trauerfeier deklarierten Protestkundgebung aus Wut in die Augen. »Von der Lehre bis zur Rente« habe sie hier gearbeitet, sagt eine Frau, die ein Schild hochhält, auf dem das grüne Firmenlogo mit Brandenburger Adler neben einem weinenden Emoji und der Aufschrift »War immer gut, die Wurst« zu sehen ist.

Eberswalder hat nicht nur die geprägt, die hier beschäftigt waren oder es noch wenige Tage sind. Die hiesigen Fleischprodukte gehören zum Osten wie Rotkäppchen und Riesa-Nudeln, zu den wenigen DDR-Traditionsmarken, die den Einzug des Kapitalismus überlebt haben und sich erhalten konnten, auch wenn stets in Berg- und Talfahrt. Für Frauke Hildebrandt zum Beispiel ist es die »totale Katastrophe, wie 37 Jahre nach der Wende, der damaligen Deindustrialisierung, der Betrieb nach zwei Jahren im Tönnies-Konzern knallhart abgewickelt wird«. Hildebrandt ist Professorin an der FH Potsdam und mit ihrem Vater Jörg vors Eberswalder Werkstor gekommen. Sie findet es »nicht in Ordnung, wie wenig man sich solidarisiert« heutzutage. In den 1990ern, da hätte es einen Aufschrei gegeben, ist sie sich sicher, jetzt seien die meisten Leute einfach »so abgegessen, dass sie sich nicht mehr aufregen können«. Sehr gut vorstellbar, dass ihre 2001 verstorbene Mutter Regine Hildebrandt – Ikone der ostdeutschen Politik und immer mit mindestens einem Ohr bei der Bevölkerung – hier am Werkstor lautstark Rabatz gemacht hätte. Brandenburgs Landwirtschaftsministerin ist zwar da, aber Frauke Hildebrandt, selbst SPD-Mitglied, vermisst tatkräftige Unterstützung aus der Landesregierung für die Menschen vor Ort. »Was soll nun werden, hier ist ja sonst nüscht?«...........«


Externer Inhalt

Dieser Inhalt wird nicht von Feierabend.de bereitgestellt. Du kannst ihn nur lesen, wenn Du zustimmst, dass er von jungewelt.de nachgeladen wird. Bist Du einverstanden, dass externe Inhalte nachgeladen werden? Mehr dazu erfährst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.


einverstanden




Der Wind pfeift gnadenlos kapitalistisch. So war das im Werbefernsehen nie zu sehen. Mitarbeiter, die den erwarteten Gewinn gefährden? Doch nicht mir.
Woanders ist man dankbar dafür. Alles Faulenzer.

Kommentieren
Mitglieder > Veranstaltungen > Eberswalder eiskalt abserviert