Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

41 12

Die Stunde der Wahrheit

Von Harvey11 Samstag 22.03.2025, 16:05

Gedanken über die mangelhafte Wahrheitsliebe von Politiken und warum wir die Wahrheit von ihnen immer weniger erwarten.


Die Stunde der Wahrheit (von Samira El Quassil, der Freitag, 20.3.25
Ist es zu naiv, in der Politik Ehrlichkeit zu erwarten? Donald Trump interessiert das nicht. und Friedrich Merz ist da äußerst flexibel. Warum ist die Unwahrheit allgegenwärtig?

Noch vor wenigen Wochen stand CDU-Chef Friedrich Merz vor den deutschen Wählern und wetterte mit jener Mischung aus Ernst und Hochmut, die Konservative so gerne für Prinzipientreue halten, gegen jeden Versuch, die Schuldenbremse zu lockern. Du dann ist Merz dort gelandet, wo auch seine Vorgänger schon immer landeten, wenn es darum ging, durch die Schwerkraft der Realpolitik auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Der vollmundig zur Schau gestellte Fiskal-Moralismus entpuppt sich überraschenderweise als taktisches Blendwerk – beim eben genau jenen „Taschenspielertricks“, die er noch vor Kurzem als Offenbarungseid gebrandmarkt hatte. Plötzlich war doch alles möglich: ein Sonderfonds für die Bundeswehr, 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturopakete, eine Zusammenarbeit mit den Grünen.
Man könnte und sollte dieses Umschwenken als Wählertäuschung bezeichnen. Aber im Grunde folgt es einem altbekannten Muster: Prinzipien scheinen unerschütterlich zu sein, bis sie an den Notwendigkeiten der Realität zerbrechen. Was wir hier erleben, ist die gewöhnliche Demonstration dessen, dass politische Wahrheit nicht unbedingt etwas mit faktischer Wahrheit zu tun hat. Hannah Arendt nannte es einst den „schlechten Stand“, in dem sich Wahrheit und Politik zueinander verhalten.
In ihrem Essay Wahrheit und Politik beschäftigte sich Arendt mit dem Spannungsfeld zwischen der Suche nach Wahrheit und politischer Machbarkeit, die stete Friktion ergibt sich aus dem vermeintlichen Widerspruch, dass Demokratie ohne ein Mindestmaß an faktischer Redlichkeit nicht existieren kann, Macht ohne Wahrheitsanspruch hingegen sehr gut.
In Wahrheit hat Politik an der Wahrheit nie ein Interesse. Spätestens seit der Systemtheorie und ihrem wichtigen Denker, dem Soziologen Niklas Luhmann, wissen wir: In der Politik geht es um Macht, nicht um Wahrheit. (…)
Ist es also naiv, von Politikern Ehrlichkeit zu erwarten? In seinem Buch Jeder Mensch fordert der Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach sechs neue Grundrechte für Europa, die er als Utopien bezeichnet. Er meint, dass die bestehenden EU-Grundrechte nicht mehr zeitgemäß seien und an die Herausforderungen der Gegenwart angepasst werden müssten. In seinem vierten Artikel heißt es: „Artikel 4 – Wahrheit: Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.“
Demokratie und Rechtsstaat sollen gestärkt werden, indem die Bürger sich auf die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit ihrer politischen Vertreter verlassen können, da Wahrheit eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft ist, die auf Fakten, Vernunft und Dialog basiert. (…)
Warum aber fallen wir auf diese Mechanismen herein? Keiner wird gerne belogen, und dennoch nehmen wir mit Gleichmut hin, dass wir immer wieder getäuscht werden. Die simple Antwort: Weil es geht.
Die kompliziertere: Weil diese Mechanismen, die uns eigentlich schützen sollten, gegen uns arbeiten. Ein Grund liegt in unserer psychologischen Konstruktion. Die Empirie zeigt, dass wir dazu neigen, Aussagen zu glauben, selbst wenn der Kontext Zweifel weckt. Unsere Tendenz zur Gutgläubigkeit ist eine evolutionäre Errungenschaft – aber eben auch eine Schwachstelle. In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften war es überlebensnotwendig, denn Signalen anderer zu vertrauen. Wer in freier Wildbahn erst Beweise dafür verlangte, dass sich tatsächlich ein Tier nähert, wurde nicht alt. Heute wird dieses Urvertrauen in der digitalen Informationsflut systematisch ausgenutzt, weil es äußerst lukrativ ist. Unsere Denkweise, die ursprünglich zum Überleben diente, ist dadurch zu einer Schwachstelle geworden, denn sie bedingt auch, dass wir umso mehr bereit sind, eine Lüge zu glauben, je häufiger wir sie hören.
Die Wahrheit hat hier einen entscheidenden Vor- wie Nachteil: Im Gegensatz zur Lüge muss sie nicht ständig wiederholt werden, um wahr zu bleiben.
Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus, der insbesondere im modernen Tribalismus erfolgreich greift: der Bestätigungsfehler. Menschen tendieren dazu, nur das zu glauben, was ihre bestehenden Überzeugungen bestätigt. Lügen, die ins eigene Weltbild passen, sind daher besonders erfolgreich. Der Psychologe Ron Riggio nennt dies „die Politik der Unverschämtheit“. Denn: Je mächtiger, einflussreicher und einkommensstärker die Person, von der die Lüge stammt, desto größer ist der Wunsch, uns mit dem Täuschenden zu identifizieren. Wir glauben also oftmals nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es insgeheim wollen.
Diese Gleichgültigkeit in Anbetracht der politischen Lüge beschreibt die Essayistin Caitlin Dewey als „Post-Truth-Nihilismus“ und bezieht sich auf eine ernüchternde Gegenwartsanalyse des US-amerikanischen Journalisten Charlie Warzel. Er leitet seinen Text ein mit: „Mir fehlen die Worte, um zu erklären, wie schlimm das ist“, und konstatiert, dass es uns inzwischen schlicht egal ist, ob wir angelogen werden. Es könnte ja alles so sein wie von den Lügenden behauptet, warum also aufregen, nur weil es gerade nicht stimmt? (…)
Gerade weil die Lüge allgegenwärtig ist, kann radikale Ehrlichkeit zu einer provokanten politischen Haltung werden. Die Ehrlichkeit schafft hier paradoxerweise eine neue Form von Inszenierungsmittel, sie druckt eine neue Währung in der Aufmerksamkeitsökonomie einer politischen Landschaft, in der die inflationäre Lüge den Wert der Wahrheit ins Unermessliche steigen lässt. (…)

Kommentieren
Mitglieder > Veranstaltungen > Die Stunde der Wahrheit