Deserteure, Meuterei
Die FR erinnert an die letzten Kriegstage
Adrian Kaske, Frankfurter Rundschau, 5.5.2025
Eigentlich ist alles vorbei. Das wissen auch die Matrosen an Bord des Zerstörers „Paul Jacoby“ in Flensburg. Hitler ist tot. Warum also sollen sie noch mal auslaufen? Sie machen den Schiffskompass unbrauchbar – und werden erwischt. Sie kommen vor ein Kriegsgericht, werden verurteilt. Zum Tode.
Obwohl an diesem 5. Mai um 8 Uhr früh die allermeisten Kampfhandlungen in Europa aufhören, stehen die Matrosen um 10.15 Uhr auf einem Schießplatz 30 Bewaffneten gegenüber. „Die Fesseln wurden ihnen abgenommen und die Augen verbunden“, notiert der Feldrichter in der Akte. Der Pastor spricht. „Das Vollzugskommando von 30 Mann war fünf Schritte vor den Verurteilten aufgestellt. Das Kommando ‚Feuer‘ erfolgte um 10.29 Uhr. Die Verurteilten starben sofort. Sie erhielten zur Sicherheit noch je zwei Gnadenschüsse.“
Diese Episode hat der Historiker Gerhard Paul vor dem Vergessen in den Archiven gerettet. Etwa 35000 Deserteure von Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe wurden im Zweiten Weltkrieg verurteilt, etwa 15000 hingerichtet. Die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig. Und nach dem De-facto-Ende des Dritten Reiches lässt sich erst recht nicht sagen, wie viele Soldaten sich „unerlaubt von der Truppe“ entfernten oder versuchten, tödlichen Befehlen „fünf nach zwölf“ aus dem Weg zu gehen.
Peter Petersen hatte Glück. Im Zeitzeugen-Portal des Hauses der Geschichte erzählt er, wie ihn ein Hühnerstall rettete: Statt in den Zug zu irgendeiner angeblich noch stehenden Front zu steigen, fuhr er gen Heimat. Er kam unbehelligt in Hamburg an – „ohne den Feldjägern in die Hände zu fallen“.
Und nun? „Jeder Bahnhof in Deutschland war von Kettenhunden abgesperrt“ – im Soldatenjargon die Feldpolizei. „Es muss ein Schlupfloch geben.“ Am Rande des Bahnsteigs sah er eine Holztür: „Zutritt verboten.“ „Das ist meine Tür“, dachte er und war draußen.
Ab zum elterlichen Hof. Dort glücklich angekommen, konnte Petersen in der Wohnung der Eltern schlafen. Um 6 Uhr musste er aufstehen und dann „zack rein. In den Hühnerstall.“ „Es stank wie die Pest. Grauenhaft. So habe ich die letzten Tage in Hamburg verbracht. Dann kamen die Engländer [...] Ich hatte den Krieg lebend ...“ – Petersen stockt und lächelt. „Es kann nicht wahr sein. Ich hab’ den Krieg überlebt.“
……………………………….
Das muss man sich vorstellen. Die Sache war längst verloren, aber trotzdem hielt auch die Generalität an ihrem Eid fest, der sie an den Führer band. Erwachsene Männer krochen einem kleinen, hässlichen Irren hinten rein und himmelten ihn als „mein Führer“ an. Denn ihm verdankten sie ihre Karrieren und ihre bunt geschmückten Jäckchen.
Etwa 35000 Deserteure von Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe wurden im Zweiten Weltkrieg verurteilt, etwa 15000 hingerichtet.
Wie lange hat es gedauert, bis diese Menschen in der BRD rehabilitiert wurden?
Andere hingegen, die erkannt hatten, dass sie einer längst verlorenen Sache dienten, ihren Namen sauber halten wollten, werden noch heute als Helden des Widerstands gefeiert. Dabei hatten die alles andere als eine Demokratie im Sinn.
Das ganze Offizierskorps war nicht in der Lage, sich dieses Irren zu entledigen.
Entledigt hat man sich derer, die diesen Wahnsinn nicht mehr mitmachen wollten. Einer dieser Verbrecher in Uniform wurde später Ministerpräsident, jammerte: „Was damals rechtens war kann heute kein Unrecht sein“ und ein Nachfolger von ihm startete sogar den Versuch, ihn als Widerstandskämpfer zu glorifizieren der vorgab, seine Todesurteile vergessen zu haben.
Der Führerbefehl stand über dem Menschenrecht. Damit wollten sich sogar die größten uniformierten Lumpen herausreden.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
verderblich ist des Tigers Zahn,
jedoch der schrecklichste der Schrecken,
das ist der Mensch in seinem Wahn. (Schiller)
Deserteure, Meuterei
Die FR erinnert an die letzten Kriegstage
Adrian Kaske, Frankfurter Rundschau, 5.5.2025
Eigentlich ist alles vorbei. Das wissen auch die Matrosen an Bord des Zerstörers „Paul Jacoby“ in Flensburg. Hitler ist tot. Warum also sollen sie noch mal auslaufen? Sie machen den Schiffskompass unbrauchbar – und werden erwischt. Sie kommen vor ein Kriegsgericht, werden verurteilt. Zum Tode.
Obwohl an diesem 5. Mai um 8 Uhr früh die allermeisten Kampfhandlungen in Europa aufhören, stehen die Matrosen um 10.15 Uhr auf einem Schießplatz 30 Bewaffneten gegenüber. „Die Fesseln wurden ihnen abgenommen und die Augen verbunden“, notiert der Feldrichter in der Akte. Der Pastor spricht. „Das Vollzugskommando von 30 Mann war fünf Schritte vor den Verurteilten aufgestellt. Das Kommando ‚Feuer‘ erfolgte um 10.29 Uhr. Die Verurteilten starben sofort. Sie erhielten zur Sicherheit noch je zwei Gnadenschüsse.“
Diese Episode hat der Historiker Gerhard Paul vor dem Vergessen in den Archiven gerettet. Etwa 35000 Deserteure von Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe wurden im Zweiten Weltkrieg verurteilt, etwa 15000 hingerichtet. Die Datenlage ist jedoch nicht eindeutig. Und nach dem De-facto-Ende des Dritten Reiches lässt sich erst recht nicht sagen, wie viele Soldaten sich „unerlaubt von der Truppe“ entfernten oder versuchten, tödlichen Befehlen „fünf nach zwölf“ aus dem Weg zu gehen.
Peter Petersen hatte Glück. Im Zeitzeugen-Portal des Hauses der Geschichte erzählt er, wie ihn ein Hühnerstall rettete: Statt in den Zug zu irgendeiner angeblich noch stehenden Front zu steigen, fuhr er gen Heimat. Er kam unbehelligt in Hamburg an – „ohne den Feldjägern in die Hände zu fallen“.
Und nun? „Jeder Bahnhof in Deutschland war von Kettenhunden abgesperrt“ – im Soldatenjargon die Feldpolizei. „Es muss ein Schlupfloch geben.“ Am Rande des Bahnsteigs sah er eine Holztür: „Zutritt verboten.“ „Das ist meine Tür“, dachte er und war draußen.
Ab zum elterlichen Hof. Dort glücklich angekommen, konnte Petersen in der Wohnung der Eltern schlafen. Um 6 Uhr musste er aufstehen und dann „zack rein. In den Hühnerstall.“ „Es stank wie die Pest. Grauenhaft. So habe ich die letzten Tage in Hamburg verbracht. Dann kamen die Engländer [...] Ich hatte den Krieg lebend ...“ – Petersen stockt und lächelt. „Es kann nicht wahr sein. Ich hab’ den Krieg überlebt.“
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Das muss man sich vorstellen. Die Sache war längst verloren, aber trotzdem hielt auch die Generalität an ihrem Eid fest, der sie an den Führer band. Erwachsene Männer krochen einem kleinen, hässlichen Irren hinten rein und himmelten ihn als „mein Führer“ an. Denn ihm verdankten sie ihre Karrieren und ihre bunt geschmückten Jäckchen.
Etwa 35000 Deserteure von Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe wurden im Zweiten Weltkrieg verurteilt, etwa 15000 hingerichtet.
Wie lange hat es gedauert, bis diese Menschen in der BRD rehabilitiert wurden?
Andere hingegen, die erkannt hatten, dass sie einer längst verlorenen Sache dienten, ihren Namen sauber halten wollten, werden noch heute als Helden des Widerstands gefeiert. Dabei hatten die alles andere als eine Demokratie im Sinn.
Das ganze Offizierskorps war nicht in der Lage, sich dieses Irren zu entledigen.
Entledigt hat man sich derer, die diesen Wahnsinn nicht mehr mitmachen wollten. Einer dieser Verbrecher in Uniform wurde später Ministerpräsident, jammerte: „Was damals rechtens war kann heute kein Unrecht sein“ und ein Nachfolger von ihm startete sogar den Versuch, ihn als Widerstandskämpfer zu glorifizieren der vorgab, seine Todesurteile vergessen zu haben.
Der Führerbefehl stand über dem Menschenrecht. Damit wollten sich sogar die größten uniformierten Lumpen herausreden.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
verderblich ist des Tigers Zahn,
jedoch der schrecklichste der Schrecken,
das ist der Mensch in seinem Wahn. (Schiller)