Spahn könnten nicht seine Fehler bei der Maskenbeschaffung zum Problem werden, sondern sein Umgang damit.
Kristina Dunz, Frankfurter Rundschau, 21.6.2025
Verzeihung ist ein hohes Gut. Wer in der Lage ist, Unrecht zu vergeben, zeigt Größe und die Bereitschaft für einen neuen Umgang miteinander. Mit seiner Äußerung „Wir werden einander viel verzeihen müssen” hatte schon wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn aufhorchen lassen. Es ist eine wichtige und richtige Ermutigung zum Zusammenhalt von Politik und Bevölkerung.
Aber um Fehler vergeben zu können, muss man erst einmal wissen, was warum schiefgelaufen ist. Wie die anfängliche Beschaffung von Masken. Für diese Aufklärung liefert der heutige Unionsfraktionschef bisher zu wenig.
So bleibt für den Münsterländer brisant, dass er entgegen der Warnungen aus dem zuständigen Innenministerium das Münsterländer Mittelstands-Logistikunternehmen Fiege anstelle der erfahrenen Branchenriesen DHL und Schenker beauftragte. Ebenso, dass er statt der Empfehlung aus dem eigenen Haus, für eine FFP2-Maske weniger als drei Euro zu zahlen, eine unbegrenzte Abnahme dieser Schutzmasken für 4,50 Euro pro Stück garantierte.
„Lieber Geld verlieren als Menschenleben“ noch eine Weisheit von Spahn, der man nicht widersprechen kann. Nur entkräftet sie nicht den Verdacht der Mauschelei mit der heimatlichen Logistikfirma, der die Sache aus dem Ruder lief und gegen die der Bund trotzdem keine Schadensersatzforderung stellt. Und Spahn beantwortet damit auch nicht die Frage, warum die Preisspanne zwischen der Experten-Empfehlung und seiner eigenen Entscheidung so hoch war.
Der 45-Jährige ist sehr selbstbewusst. Er sieht sich als Macher, liebt die klare Kante und die Provokation. Rückschläge konnten ihm nichts anhaben. Dass Spahn bei der CDU-Vorstandswahl 2021 den Gegenkandidaten von Friedrich Merz unterstützte, hielt den heutigen Kanzler nicht davon ab, ihn zum Fraktionschef zu befördern. Er ist für CDU und CSU, den rechtskonservativen Flügel und Kontakte in die Wirtschaft sehr wichtig.
In der Politik führt oft nicht ein Fehlverhalten zum Karrierebruch, sondern der Umgang damit. Fakt ist, dass der Bund mit Verweis auf fehlerhafte oder verspätete Maskenlieferungen die Bezahlung verweigerte und deswegen von Lieferanten verklagt wurde und ein großer Teil der Masken nie verwendet wurde. Die Menschen haben einen Anspruch auf Klarheit über die Ursachen. Auch daran sind Politikerinnen und Politiker sowie ihre Partei zu messen.
Im Rückblick sollte aber nicht vergessen werden: Corona war eine große Tragödie. Sie brachte Tod, Angst, Vereinsamung, gesellschaftliche Spaltung. Viele leiden unter Long-Covid. Es wurden nicht nur Fehler bei der Maskenbeschaffung gemacht. Anfangs hatte die Bundesregierung behauptet, Masken seien nicht nötig. Schulen wurden geschlossen, und das Schlimmste war, dass Menschen alleine starben, weil ihre Angehörigen nicht zu ihnen durften.
Fehler müssen aufgearbeitet werden, um aus ihnen zu lernen. Es war kein Fehler, dass Spahn in der damaligen Krisenlage als Gesundheitsminister selbst voranging. Abwarten wäre die schlechteste Variante gewesen. Es wäre zu verzeihen, wenn er sich bei der Maskenbeschaffung verschätzt hat. Sollte er parteipolitische Interessen verfolgt haben, wäre er nicht zu halten.
Verzeihen kann man übrigens am ehesten, wenn jemand darum bittet. Spahn sieht bei seiner Maskenbeschaffung, die einen Schaden in Milliardenhöhe verursacht haben könnte, keinen Grund dafür. Auch das charakterisiert diesen machtbewussten Politiker, der zu Pandemiebeginn vom nötigen Verzeihen sprach, ganz gut.
……………
Verständlich, wenn den Fans der Union dieses Thema zuwider ist.
Kann ich verstehen – aber auch wieder nicht.
Denn hier hast einer gesündigt und jetzt will man nur von diesem Thema nichts mehr hören?
Immerhin fleht da einer um unsere Vergebung, weil er uns einen milliardenschweren Schaden zugefügt hat. Aber für nähere Auskünfte, besonders darüber, wie weit seine Verfehlungen gingen, steht er dem Souverän nicht zur Verfügung.
Auf deutsch, wir sollen unser „ego te absolvo“ sprechen ohne dass der Sünder gebeichtet hat. Reue zeigt er ja auch keine.
Auf so einen Fraktionschef kann die Union wahrlich stolz sein. Der passt wirklich dazu.
Spahn könnten nicht seine Fehler bei der Maskenbeschaffung zum Problem werden, sondern sein Umgang damit.
Kristina Dunz, Frankfurter Rundschau, 21.6.2025
Verzeihung ist ein hohes Gut. Wer in der Lage ist, Unrecht zu vergeben, zeigt Größe und die Bereitschaft für einen neuen Umgang miteinander. Mit seiner Äußerung „Wir werden einander viel verzeihen müssen” hatte schon wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn aufhorchen lassen. Es ist eine wichtige und richtige Ermutigung zum Zusammenhalt von Politik und Bevölkerung.
Aber um Fehler vergeben zu können, muss man erst einmal wissen, was warum schiefgelaufen ist. Wie die anfängliche Beschaffung von Masken. Für diese Aufklärung liefert der heutige Unionsfraktionschef bisher zu wenig.
So bleibt für den Münsterländer brisant, dass er entgegen der Warnungen aus dem zuständigen Innenministerium das Münsterländer Mittelstands-Logistikunternehmen Fiege anstelle der erfahrenen Branchenriesen DHL und Schenker beauftragte. Ebenso, dass er statt der Empfehlung aus dem eigenen Haus, für eine FFP2-Maske weniger als drei Euro zu zahlen, eine unbegrenzte Abnahme dieser Schutzmasken für 4,50 Euro pro Stück garantierte.
„Lieber Geld verlieren als Menschenleben“ noch eine Weisheit von Spahn, der man nicht widersprechen kann. Nur entkräftet sie nicht den Verdacht der Mauschelei mit der heimatlichen Logistikfirma, der die Sache aus dem Ruder lief und gegen die der Bund trotzdem keine Schadensersatzforderung stellt. Und Spahn beantwortet damit auch nicht die Frage, warum die Preisspanne zwischen der Experten-Empfehlung und seiner eigenen Entscheidung so hoch war.
Der 45-Jährige ist sehr selbstbewusst. Er sieht sich als Macher, liebt die klare Kante und die Provokation. Rückschläge konnten ihm nichts anhaben. Dass Spahn bei der CDU-Vorstandswahl 2021 den Gegenkandidaten von Friedrich Merz unterstützte, hielt den heutigen Kanzler nicht davon ab, ihn zum Fraktionschef zu befördern. Er ist für CDU und CSU, den rechtskonservativen Flügel und Kontakte in die Wirtschaft sehr wichtig.
In der Politik führt oft nicht ein Fehlverhalten zum Karrierebruch, sondern der Umgang damit. Fakt ist, dass der Bund mit Verweis auf fehlerhafte oder verspätete Maskenlieferungen die Bezahlung verweigerte und deswegen von Lieferanten verklagt wurde und ein großer Teil der Masken nie verwendet wurde. Die Menschen haben einen Anspruch auf Klarheit über die Ursachen. Auch daran sind Politikerinnen und Politiker sowie ihre Partei zu messen.
Im Rückblick sollte aber nicht vergessen werden: Corona war eine große Tragödie. Sie brachte Tod, Angst, Vereinsamung, gesellschaftliche Spaltung. Viele leiden unter Long-Covid. Es wurden nicht nur Fehler bei der Maskenbeschaffung gemacht. Anfangs hatte die Bundesregierung behauptet, Masken seien nicht nötig. Schulen wurden geschlossen, und das Schlimmste war, dass Menschen alleine starben, weil ihre Angehörigen nicht zu ihnen durften.
Fehler müssen aufgearbeitet werden, um aus ihnen zu lernen. Es war kein Fehler, dass Spahn in der damaligen Krisenlage als Gesundheitsminister selbst voranging. Abwarten wäre die schlechteste Variante gewesen. Es wäre zu verzeihen, wenn er sich bei der Maskenbeschaffung verschätzt hat. Sollte er parteipolitische Interessen verfolgt haben, wäre er nicht zu halten.
Verzeihen kann man übrigens am ehesten, wenn jemand darum bittet. Spahn sieht bei seiner Maskenbeschaffung, die einen Schaden in Milliardenhöhe verursacht haben könnte, keinen Grund dafür. Auch das charakterisiert diesen machtbewussten Politiker, der zu Pandemiebeginn vom nötigen Verzeihen sprach, ganz gut.
……………
Verständlich, wenn den Fans der Union dieses Thema zuwider ist.
Kann ich verstehen – aber auch wieder nicht.
Denn hier hast einer gesündigt und jetzt will man nur von diesem Thema nichts mehr hören?
Immerhin fleht da einer um unsere Vergebung, weil er uns einen milliardenschweren Schaden zugefügt hat. Aber für nähere Auskünfte, besonders darüber, wie weit seine Verfehlungen gingen, steht er dem Souverän nicht zur Verfügung.
Auf deutsch, wir sollen unser „ego te absolvo“ sprechen ohne dass der Sünder gebeichtet hat. Reue zeigt er ja auch keine.
Auf so einen Fraktionschef kann die Union wahrlich stolz sein. Der passt wirklich dazu.