Der größte Raubzug der Geschichte
KI Open AI, Google & Co stehlen von Kreativen, um ihre Technologie zu füttern. Sie bedrohen unsere literarische Kultur.
von Thomas Montasser, der Freitag 3.4.2025
Wer mit Menschen aus dem Literaturbetrieb über KI spricht, stößt auf große Ratlosigkeit und noch größere Sorgen. Der Literaturbetrieb, das sind Autoren und Agenten, Übersetzer, Verleger und Lektoren, Buchhändler – und natürlich Leser. Diese und viele andere sind mittelbar und zunehmend unmittelbar mit KI konfrontiert. Wobei sich zunächst die Frage stellt: Was zum Teufel ist eigentlich Künstliche Intelligenz?
Wenn sie ChatGPT fragen, lautet die Antwort: „Künstliche Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit von Maschinen oder Computersystemen, menschenähnliche Intelligenzleistungen zu erbringen. Dazu gehört das Erkennen von Mustern, das Verstehen von Sprache, dass Treffen von Entscheidungen, das Lösen von Problemen sowie das Lernen aus Erfahrungen.“ Die Anforderungen sind also eher niedrig. Weshalb müssen wir uns trotzdem sorgen, dass KI der Anfang vom Ende menschlicher Kultur sein könnte?
Dazu muss man sich ansehen, wo wir stehen – und wohin die Entwicklung weist. Aktuell befinden wir uns am Ende des größten Raubzugs der Geschichte. Niemals wurden so viele Menschen so schamlos bestohlen wie in den zurückliegenden drei bis fünf Jahren. OpenAI, Google, Meta & Co haben das gesamte Wissen der Menschheit genutzt, um ihre Technologie damit zu füttern. Millionen literarischer Werke wurden ausgelesen, ihr Inhalt wurde verarbeitet, ohne dass irgendjemand die Urheber gefragt oder gar etwas dafür bezahlt hätte. Und das, obwohl mithilfe ihrer geistigen Leistung Milliardenwerte erschaffen wurden.
Nachdem sie den Autoren ihre Arbeit aus der Vergangenheit gestohlen haben, sind die Tech-Konzerne nun nicht nur im Begriff, sondern auch imstande, ihnen überdies die zukünftigen Lebensgrundlagen zu entziehen – und mit ihnen vielen anderen Teilnehmern des Literaturbetriebs.
Tatsache ist, dass es inzwischen Tutorials gibt, wie man mit KI sein „eigenes“ Buch schreiben kann. Man braucht dazu weder Phantasie noch schriftstellerische Fähigkeiten. Wer heute in der Lage ist, den Weg zu einer Tastatur zu finden, kann schon Autor werden. Ein paar Klicks, ein paar müde Befehle und fertig ist der Jahrhundertroman. Man muss sich das Zeug nicht einmal selber durchlesen. Lektorat und Korrektur erledigt die Maschine. Für den lästigen Rest gibt es Leser.
Nachdem die Übersetzungsbranche ihren digitalen Tod bereits ins Auge sieht, weil Programme wie DeepL in Sekundenschnelle von einer Sprache in die andere übertragen, wofür studierte Übersetzer Monate brauchen, sind als nächstes die Autoren dran, die Sprecher von Hörbüchern, die Illustratoren … Kein Gewerk in der Buchbranche, das nicht betroffen wäre.
Wenn wir aber mal von den weinerlichen Kulturschaffenden absehen: Macht es was? Kann es mir nicht einfach egal sein, ob mein Buch dem Hirn eines genialischen Menschen entsprungen ist oder der brillanten Rechnerleistung eines Computers?
Wer sich vorstellen kann, in einem Restaurant zu essen, in dem künstlich erzeugte Zutaten von Maschinen zubereitet und serviert werden und zwar abgestimmt auf seinen individuellen Geschmack, aber halt ohne Koch und Kellner, der darf jetzt sagen: Nein, es macht nichts. Denn Literatur ist geistige Nahrung. Wenn wir ihre „Zubereitung“ dem Algorithmus anvertrauen, werden wir immer das bekommen, was uns schmeckt. Aber es wird nie wieder etwas wirklich Neues geben.
Stellen wir uns vor, KI hätte die Malerei im Jahre 1900 gekapert, so wie sie jetzt dabei ist, die Literatur zu kapern. Es hätte nach dem Impressionismus nichts Neues mehr gegeben. Keinen Expressionismus, keine Moderne, keine Postmoderne. Denn der Algorithmus kann nur verarbeiten, was schon war, und er wird immer den wahrscheinlichsten Weg gehen. Der wahrscheinlichste Weg ist, dass allen gefällt, was allen gefällt. Keine Experimente!
Die Tech-Konzerne haben die literarische Welt ausgesaugt. Ihr Ziel ist es, die Maschine an die Stelle des kreativen Menschen zu stellen. Wie wenig dieser Mensch ihnen wert ist, haben sie mit ihrem Raubzug gezeigt. Wer glaubt, KI könne die Kultur substanziell bereichern, missversteht das Konzept seiner Schöpfer: Es geht nicht um den Menschen und um sein Leben, es geht ums Geld. Wer bei diesem Spiel mitspielt, kann auf Dauer nur verlieren. Denn am Ende gewinnt im Casino immer die Bank. Und die Bank sind die KI-Firmen.
Keine schönen Aussichten, Menschen wie Zombis.
Da fällt mir Big Brother ein. Und der ist dann kein übermächtiger Staat sondern eine übermächtige Firma. Denn die Entwicklung wird weitergehen.
Der größte Raubzug der Geschichte
KI Open AI, Google & Co stehlen von Kreativen, um ihre Technologie zu füttern. Sie bedrohen unsere literarische Kultur.
von Thomas Montasser, der Freitag 3.4.2025
Wer mit Menschen aus dem Literaturbetrieb über KI spricht, stößt auf große Ratlosigkeit und noch größere Sorgen. Der Literaturbetrieb, das sind Autoren und Agenten, Übersetzer, Verleger und Lektoren, Buchhändler – und natürlich Leser. Diese und viele andere sind mittelbar und zunehmend unmittelbar mit KI konfrontiert. Wobei sich zunächst die Frage stellt: Was zum Teufel ist eigentlich Künstliche Intelligenz?
Wenn sie ChatGPT fragen, lautet die Antwort: „Künstliche Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit von Maschinen oder Computersystemen, menschenähnliche Intelligenzleistungen zu erbringen. Dazu gehört das Erkennen von Mustern, das Verstehen von Sprache, dass Treffen von Entscheidungen, das Lösen von Problemen sowie das Lernen aus Erfahrungen.“ Die Anforderungen sind also eher niedrig. Weshalb müssen wir uns trotzdem sorgen, dass KI der Anfang vom Ende menschlicher Kultur sein könnte?
Dazu muss man sich ansehen, wo wir stehen – und wohin die Entwicklung weist. Aktuell befinden wir uns am Ende des größten Raubzugs der Geschichte. Niemals wurden so viele Menschen so schamlos bestohlen wie in den zurückliegenden drei bis fünf Jahren. OpenAI, Google, Meta & Co haben das gesamte Wissen der Menschheit genutzt, um ihre Technologie damit zu füttern. Millionen literarischer Werke wurden ausgelesen, ihr Inhalt wurde verarbeitet, ohne dass irgendjemand die Urheber gefragt oder gar etwas dafür bezahlt hätte. Und das, obwohl mithilfe ihrer geistigen Leistung Milliardenwerte erschaffen wurden.
Nachdem sie den Autoren ihre Arbeit aus der Vergangenheit gestohlen haben, sind die Tech-Konzerne nun nicht nur im Begriff, sondern auch imstande, ihnen überdies die zukünftigen Lebensgrundlagen zu entziehen – und mit ihnen vielen anderen Teilnehmern des Literaturbetriebs.
Tatsache ist, dass es inzwischen Tutorials gibt, wie man mit KI sein „eigenes“ Buch schreiben kann. Man braucht dazu weder Phantasie noch schriftstellerische Fähigkeiten. Wer heute in der Lage ist, den Weg zu einer Tastatur zu finden, kann schon Autor werden. Ein paar Klicks, ein paar müde Befehle und fertig ist der Jahrhundertroman. Man muss sich das Zeug nicht einmal selber durchlesen. Lektorat und Korrektur erledigt die Maschine. Für den lästigen Rest gibt es Leser.
Nachdem die Übersetzungsbranche ihren digitalen Tod bereits ins Auge sieht, weil Programme wie DeepL in Sekundenschnelle von einer Sprache in die andere übertragen, wofür studierte Übersetzer Monate brauchen, sind als nächstes die Autoren dran, die Sprecher von Hörbüchern, die Illustratoren … Kein Gewerk in der Buchbranche, das nicht betroffen wäre.
Wenn wir aber mal von den weinerlichen Kulturschaffenden absehen: Macht es was? Kann es mir nicht einfach egal sein, ob mein Buch dem Hirn eines genialischen Menschen entsprungen ist oder der brillanten Rechnerleistung eines Computers?
Wer sich vorstellen kann, in einem Restaurant zu essen, in dem künstlich erzeugte Zutaten von Maschinen zubereitet und serviert werden und zwar abgestimmt auf seinen individuellen Geschmack, aber halt ohne Koch und Kellner, der darf jetzt sagen: Nein, es macht nichts. Denn Literatur ist geistige Nahrung. Wenn wir ihre „Zubereitung“ dem Algorithmus anvertrauen, werden wir immer das bekommen, was uns schmeckt. Aber es wird nie wieder etwas wirklich Neues geben.
Stellen wir uns vor, KI hätte die Malerei im Jahre 1900 gekapert, so wie sie jetzt dabei ist, die Literatur zu kapern. Es hätte nach dem Impressionismus nichts Neues mehr gegeben. Keinen Expressionismus, keine Moderne, keine Postmoderne. Denn der Algorithmus kann nur verarbeiten, was schon war, und er wird immer den wahrscheinlichsten Weg gehen. Der wahrscheinlichste Weg ist, dass allen gefällt, was allen gefällt. Keine Experimente!
Die Tech-Konzerne haben die literarische Welt ausgesaugt. Ihr Ziel ist es, die Maschine an die Stelle des kreativen Menschen zu stellen. Wie wenig dieser Mensch ihnen wert ist, haben sie mit ihrem Raubzug gezeigt. Wer glaubt, KI könne die Kultur substanziell bereichern, missversteht das Konzept seiner Schöpfer: Es geht nicht um den Menschen und um sein Leben, es geht ums Geld. Wer bei diesem Spiel mitspielt, kann auf Dauer nur verlieren. Denn am Ende gewinnt im Casino immer die Bank. Und die Bank sind die KI-Firmen.
Keine schönen Aussichten, Menschen wie Zombis.
Da fällt mir Big Brother ein. Und der ist dann kein übermächtiger Staat sondern eine übermächtige Firma. Denn die Entwicklung wird weitergehen.