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Der Anachronismus in den westlichen Think Tanks

Von Harvey11 Donnerstag 03.10.2024, 13:17

Wer sich die Frage stellt, wem die Welt gehört, sollte nicht den Fehler begehen, auf diejenigen hereinzufallen, die am lautstärksten Hegemonieansprüche anmelden, und auch nicht auf diejenigen, die glauben, ihre Interessen weltweit schützen zu dürfen. Das Ende des Kalten Krieges und die Emanzipation der früheren Kolonien verlangen nach einer Neuordnung und nach einem Umdenken.

Die naheliegende Antwort auf die Frage, wem denn die Welt gehöre, ist vielleicht: denjenigen, die dort leben. Ein anderer Ansatz kann freilich darin bestehen, zu fragen, wem sie nicht gehört. Das umfasst insbesondere eine Personengruppe, der zwar jede Legitimation dazu fehlt, die aber trotzdem die Zugehörigkeit von Ländern und damit Völkern zu Einflusszonen regelt, nämlich die Urheber der verschiedenen geopolitischen Theorien, die seit einigen Jahren wieder fröhliche Urständ feiern und die bei einflussreichen Think Tanks begeisterte Anhänger finden.
Im deutschsprachigen Raum hat insbesondere Karl Haushofer (1869-1946) die Wissenschaft der Geopolitik diskreditiert, weil seine Theorien für den Ursprung der Forderung nach Lebensraum im Osten und für die Rechtfertigung des deutschen Anspruchs auf weite Teile Osteuropas gehalten wurden, der schließlich im Überfall auf die Sowjetunion 1941 gipfelte. Ohne auf die unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Geopolitik und die kontroverse Frage ihrer Wissenschaftlichkeit einzugehen mag es hier genügen festzuhalten, dass die Frage der Konsequenzen, die sich daraus ergeben, dass ein Staat eben ein Staatsgebiet besitzt, durchaus von Interesse ist. Andere Geopolitiker sind weniger umstritten, obwohl ihre Theorien nicht weniger problematisch sind als jene Haushofers.
Nach der Auflösung des Warschauer Pakts – eigentlich wörtlich übersetzt Warschauer Vertragsorganisation – und dem Zerfall der Sowjetunion endete die globale Konkurrenz zwischen den Systemen, welche die Welt zeitweise an den Rand des Untergangs gebracht hatte. In den frühen Neunzigerjahren entstand Raum für die Revitalisierung alter geopolitischer Konzepte. Dabei wurde Russlands geografische Lage von den Vertretern der angelsächsischen Geopolitik-Schule in der Tradition Mackinders und Manhans nun als beherrschende Position im eurasischen Herzland betrachtet und der alte Drang Russlands zu den warmen Meeren als Versuch der Eroberung der Weltherrschaft, welchen man schon immer der Sowjetunion unterstellt hatte. In dieser Zeit sah auch der polnischstämmige Politologe Zbigniew Brzezinsí freie Bahn für seine Ideen von der Hegemonie der einzigen verbliebenen Weltmacht.
Die Osterweiterung der NATO schließlich ließ weitere geopolitische Ideen wieder aufkommen, namentlich jene von einer dominierenden Rolle Polens in Osteuropa, der Umsetzung des Intermarium-Konzeptes (auch Miedzymore) oder der Aufteilung Russlands in mehrere Einzelstaaten, welche der starke Mann Polens,. Marschall Jozef Pilsudski, in der Zwischenkriegszeit verfolgt hatte. Und nun plant offenbar die Militärakademie der Schweizer Armee, die Zerlegung Russlands zum Hauptthema ihrer diesjährigen Herbsttagung zu machen. Was die Schweizer Armee in diesem Zusammenhang für eine Rolle zu spielen hat, sollten die Planer des Anlasses der Öffentlichkeit einmal erklären.
Heute beobachten wir geradezu eine Inflation der geopolitischen Abenteuer: Die Grande-Nation-Ambitionen Frankreichs in Afrika erlitten in der letzten Zeit zwar einige Rückschläge, und nach dem Rauswurf der NATO aus Afghanistan ist die Wiederaufnahme des »Great Game« aus den Zeiten Rudyard Kiplings in Zentralasiens wohl auf Eis gelegt. Aber der Westen ist um Ersatz nicht verlegen: Zusammen mit seinen skandinavischen Bündnispartnern sieht sich Deutschland bereits jetzt als arktische Macht, und Italien knüpft mit seinen Vorstellungen vom »Mediterraneo Allargato« an koloniale Ambitionen an, die man spätestens seit dem Tode von Benito Mussolini als erledigt betrachtet hatte.
Gerne wird in der aktuellen Kontoverse über die wahren und die angeblichen Absichten der russischen Regierung und die Theorien des Alexander Dugin verwiesen. Im Unterschied zu dem, was in beliebten elektronischen Nachschlagewerken kolportiert wird, spielen seine Theorien an der russischen Generalstabsakademie keine Rolle. Auch die angeblich beabsichtigte Wiederherstellung der Sowjetunion mit militärischen Mitteln war dort zumindest in den Jahren 2013 und 2014 kein Thema – und diese Jahren waren für die weitere Entwicklung der Lage ja durchaus von Relevanz.
Dadurch, dass einzelne wichtige Mitgliedsländer der NATO den sich nach 1991 eröffnenden Handlungsspielraum nutzen, um alte und neue geopolitische Konzeptionen umzusetzen, veränderte sich de facto der Charakter der NATO in eine Richtung, die sich erst seit wenigen Jahren abzuzeichnen beginnt und die wahrscheinlich nie gewollt war: Sie wurde zu einem sicheren Hafen, aus welchem diese Mitgliedsländer ihre geopolitischen Ambitionen verfolgen können. Das zeigt sich seit einigen Jahren im Fall der Türkei, die schon mehrere Male in Syrien intervenierte und die ihre Ambitionen im östlichen Mittelmeerraum, im Nahen Osten und im Südkaukasus bis hinein nach Zentralasien verfolgen kann und dabei praktisch aus einer unangreifbaren Position agiert, weil sie selbstverständlich bei einem Angriff auf türkisches Territorium den Artikel 5 des Nordatlantikvertrages anrufen würde. Ähnliches zeigt sich gerade jetzt in Form von Ideen, dass französische, kanadische oder US-amerikanische Truppen in der Ukraine stationiert und dass westliche Kampfflugzeuge vom Territorium von NATO-Verbündeten aus gegen Russland eingesetzt werden können. Sollten diese Truppen oder Einrichtungen angegriffen werden, wird selbstverständlich die Frage nach Inkrafttreten des Artikel 5 gestellt. Ob dieses Spiel einen Missbrauch des Artikel 5 bedeutet, ist dringend zu klären, denn sollte das Schule machen, dann ist die NATO definitiv kein Verteidigungsbündnis mehr.
Die Einteilung der Welt in Interessensphären ist höchstens akzeptabel, wenn Staaten sich überlegen, mit welchen Ländern und Völkern sie besonders enge Beziehungen aufbauen. Die Aufteilung der Welt in Einflusszonen und die Bezeichnung der Staaten, welche durch politische oder wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen zu konformen Verhalten gezwungen werden sollen, widerspricht der Idee der Souveränität der Nationen, Völker oder Länder. Die zugrundeliegenden geopolitischen Theorien und diejenigen, die sie vertreten, reduzieren Staaten und Völker zu Objekten geopolitischen Handelns. De Achtung vor Völkern und Nationen manifestiert sich im täglichen diplomatischen Geschäft aber auch gerade im Umgang mit Ländern, die sich nicht zu Blöcken zuteilen lassen möchten, die weder an einer »Finnlandisierung« - allein schon der Begriff ist eine Kränkung – noch an einem Vasallen-Status interessiert sind. Vorherrschaft in einer Einflusszone bedürfte einer entsprechenden Legitimation. Eine überzeugende Legitimation ist weder in den gängigsten geopolitischen Thesen, noch in der aktuellen politischen Diskussion zu finden.
(Ralph Bosshard, Oberstleutnant i.G. der Schweizer Armee, Hintergrund 9/10 2024)

Wieder so ein Fall, bei dem man nur die Augen aufmachen muss. Wird manchen nicht schmecken.

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