Deutschland hat wieder einen sterilen Feiertag hinter sich gebracht. Eine Alternative täte dem Land gut.
Helmut Kohl ist schuld. Es war der damalige Kanzler, der partout den unhistorischen 3. Oktober als Vereinigungstag haben wollte. Das haben wir nun davon, gerade wieder erlebt: immer dieselben Formeln, Fragen, Rituale. Wenn auch selten so vom Weltgeschehen überlagert und als steriler Einheitstag so uninteressant wie diesmal, bei der 34. Auflage.
Garniert mit immer denselben Statements und Zeitzeugen. Längst aber in allgemeiner Befangenheit, mit bangem Blick auf die kippende Stimmung. Gerne mit haufenweise guten Ratschlägen, deren Umsetzung viel Geld kosten würde. Neuerdings gemischt mit hochwissenschaftlichen Mahnungen: Dieses historisch aus so vielen Traditionen zusammengesetzte föderale Land wird, vorsichtig ausgedrückt, unterschiedlich bleiben. Der sehr west-ost-verschiedene Blick auf die USA und auf Putin ist da nur der sichtbarste Indikator. Bedenklich, aber real.
Wahrscheinlich ist es so, dass Kohls Datumswahl bis heute dazu beiträgt, dass der Tag jedes Jahr so horizontreduziert heruntergespult wird. Die Einheit als deutsches Eigenereignis: Die geschichtliche Einbindung, zum Beispiel in die schwierige Selbstfindung Europas, rückt in den Hintergrund.
All die viel spannenderen Fragen nach dem Zustand des Kontinents, nach der kulturellen Entwicklung innerhalb von Zuwanderungsgesellschaften, werden weggedrückt von der platten Einheitsfrage, als wäre alleine sie der Maßstab. Wobei die zementierte Ungleichheit bei den Besitzständen immer unausgesprochen bleibt.
In Wahrheit ist dieses größere Deutschland vielfältiger und komplizierter, als es die beiden Teilungsstaaten je waren. Das ist gut so und nicht schlecht, wird aber nicht wirklich positiv angesprochen. Was soll das unter solchen Voraussetzungen jemals sein, eine nationale Identität? Es war das verbreitete Missverständnis im Osten Europas, die Befreiung von der Bevormundung letztlich als nationale Neugründung zu verstehen statt als eine Erweiterung des Nationalen, wie sie in Westeuropa damals noch hoffnungsverbunden war.
Nicht alles, was im Großen und Ganzen zusammengehört, muss immer nur weiter zusammenwachsen. Als 70 Jahre Hessen gefeiert wurden (bald werden es 80 sein), stellte sich bis in die Festveranstaltungen hinein heraus, dass es nicht vieles gibt, was man überhaupt als gesamthessisch bezeichnen könnte. Der Rundfunk bleibt übrig als hauptamtlicher Identitätsstifter. Ansonsten, historisch wurzelnd, gibt es viele Regionalidentitäten und auch Wohlstandsniveaus, ohne dass jemand es jährlich problematisieren müsste.
Zusammengehörigkeit eher nur im lokalen Umkreis: Viele Leute leben gut damit. Zumal all die deutschen Bindestrich-Länder in Ost und West immer Patchworks bleiben werden. Mit Mobilität und Zuwanderung sind die Kulturen und Lebensweisen vielfältig geworden. Das ist manchmal anstrengend und bringt zunehmend die Notwendigkeit zum Ausgleich materieller Nachteile mit sich, unabhängig von Herkünften und Himmelsrichtungen.
Dann aber, liebe Einheitsfans, muss zum Beispiel das böse Schimpfwort Flickenteppich aus den Köpfen verschwinden. Dann geht der rechte Hang zum einheitlichen Nationalen in die grundfalsche Richtung.
Wie schön wäre es, wenn nicht immer nur ritualhaft an diesem zweitlangweiligsten Datum des Jahres (nach dem Karfreitag) gefragt würde, ob nun wirklich alles endlich einheitlich genug geworden ist im gemeinsamen Land? Mögen es Festredner in West-Ost-Land auch bedauern: Kohls Tag der Einheit mit seinen Besinnungsritualen ist keine Hilfe, er ist eher eine Last auf dem Weg nach vorn. Man bringt ihn hinter sich.
Ein Tag der deutschen Vielfalt an einem wirklich historisch spannenden Datum würde dem Land besser tun. Fröhlicher wäre er obendrein.
Richard Meng, FR 4.10.2024
Ja Herr Meng, da haben Sie aber etwas übersehen. An solche Feiertagen, wie es auch früher der 17. Juni einer war, wollen sich die Politiker gegenseitig feien und versichern, wie toll sie doch sind. Peinlich wäre es, wenn man das Volk, welches feiern soll, nach dem Grund fragen würde. Das passiert ja manchmal in den regionalen TV-Sendern. Die Antworten sind schon sehr lustig.
Deutschland hat wieder einen sterilen Feiertag hinter sich gebracht. Eine Alternative täte dem Land gut.
Helmut Kohl ist schuld. Es war der damalige Kanzler, der partout den unhistorischen 3. Oktober als Vereinigungstag haben wollte. Das haben wir nun davon, gerade wieder erlebt: immer dieselben Formeln, Fragen, Rituale. Wenn auch selten so vom Weltgeschehen überlagert und als steriler Einheitstag so uninteressant wie diesmal, bei der 34. Auflage.
Garniert mit immer denselben Statements und Zeitzeugen. Längst aber in allgemeiner Befangenheit, mit bangem Blick auf die kippende Stimmung. Gerne mit haufenweise guten Ratschlägen, deren Umsetzung viel Geld kosten würde. Neuerdings gemischt mit hochwissenschaftlichen Mahnungen: Dieses historisch aus so vielen Traditionen zusammengesetzte föderale Land wird, vorsichtig ausgedrückt, unterschiedlich bleiben. Der sehr west-ost-verschiedene Blick auf die USA und auf Putin ist da nur der sichtbarste Indikator. Bedenklich, aber real.
Wahrscheinlich ist es so, dass Kohls Datumswahl bis heute dazu beiträgt, dass der Tag jedes Jahr so horizontreduziert heruntergespult wird. Die Einheit als deutsches Eigenereignis: Die geschichtliche Einbindung, zum Beispiel in die schwierige Selbstfindung Europas, rückt in den Hintergrund.
All die viel spannenderen Fragen nach dem Zustand des Kontinents, nach der kulturellen Entwicklung innerhalb von Zuwanderungsgesellschaften, werden weggedrückt von der platten Einheitsfrage, als wäre alleine sie der Maßstab. Wobei die zementierte Ungleichheit bei den Besitzständen immer unausgesprochen bleibt.
In Wahrheit ist dieses größere Deutschland vielfältiger und komplizierter, als es die beiden Teilungsstaaten je waren. Das ist gut so und nicht schlecht, wird aber nicht wirklich positiv angesprochen. Was soll das unter solchen Voraussetzungen jemals sein, eine nationale Identität? Es war das verbreitete Missverständnis im Osten Europas, die Befreiung von der Bevormundung letztlich als nationale Neugründung zu verstehen statt als eine Erweiterung des Nationalen, wie sie in Westeuropa damals noch hoffnungsverbunden war.
Nicht alles, was im Großen und Ganzen zusammengehört, muss immer nur weiter zusammenwachsen. Als 70 Jahre Hessen gefeiert wurden (bald werden es 80 sein), stellte sich bis in die Festveranstaltungen hinein heraus, dass es nicht vieles gibt, was man überhaupt als gesamthessisch bezeichnen könnte. Der Rundfunk bleibt übrig als hauptamtlicher Identitätsstifter. Ansonsten, historisch wurzelnd, gibt es viele Regionalidentitäten und auch Wohlstandsniveaus, ohne dass jemand es jährlich problematisieren müsste.
Zusammengehörigkeit eher nur im lokalen Umkreis: Viele Leute leben gut damit. Zumal all die deutschen Bindestrich-Länder in Ost und West immer Patchworks bleiben werden. Mit Mobilität und Zuwanderung sind die Kulturen und Lebensweisen vielfältig geworden. Das ist manchmal anstrengend und bringt zunehmend die Notwendigkeit zum Ausgleich materieller Nachteile mit sich, unabhängig von Herkünften und Himmelsrichtungen.
Dann aber, liebe Einheitsfans, muss zum Beispiel das böse Schimpfwort Flickenteppich aus den Köpfen verschwinden. Dann geht der rechte Hang zum einheitlichen Nationalen in die grundfalsche Richtung.
Wie schön wäre es, wenn nicht immer nur ritualhaft an diesem zweitlangweiligsten Datum des Jahres (nach dem Karfreitag) gefragt würde, ob nun wirklich alles endlich einheitlich genug geworden ist im gemeinsamen Land? Mögen es Festredner in West-Ost-Land auch bedauern: Kohls Tag der Einheit mit seinen Besinnungsritualen ist keine Hilfe, er ist eher eine Last auf dem Weg nach vorn. Man bringt ihn hinter sich.
Ein Tag der deutschen Vielfalt an einem wirklich historisch spannenden Datum würde dem Land besser tun. Fröhlicher wäre er obendrein.
Richard Meng, FR 4.10.2024
Ja Herr Meng, da haben Sie aber etwas übersehen. An solche Feiertagen, wie es auch früher der 17. Juni einer war, wollen sich die Politiker gegenseitig feien und versichern, wie toll sie doch sind. Peinlich wäre es, wenn man das Volk, welches feiern soll, nach dem Grund fragen würde. Das passiert ja manchmal in den regionalen TV-Sendern. Die Antworten sind schon sehr lustig.