Leichter gesagt als getan
Natürlich muss die Demokratie verteidigt werden. Das ist nicht immer leicht, manchmal sogar schmerzhaft.
Von Michael Herl, Frankfurter Rundschau, 27.5.2025
Eigentlich ist es ja schon verwunderlich, was man so alles Demokratie nennt. Um die Dehnbarkeit dieses Begriffes zu verdeutlichen, muss man gar nicht mal die sogenannte Deutsche Demokratische Republik anführen. Es gibt etliche noch real existierende Staaten, die eine eindeutige Definition dieses Begriffs ebenfalls nach Kräften erschweren. Man denke nur an die Türkei, an Ungarn oder jene, die uns Deutschen nach 1945 zeigten, wie man das macht mit dieser Demokratie, die Vereinigten Staaten von Amerika.
Gerade aber drehen sie den Spieß um und zeigen, was sie umgekehrt von den Deutschen gelernt haben, und sind dabei, diesen Begriff in brachialem teutonischem Furor ad absurdum zu führen – gelenkt von einem Dealmaker, dem Ruhm und Reichtum über alles gehen. Denkt man darüber weiter nach, stellt sich unweigerlich die Frage, ob Kapitalismus und Demokratie sich nicht gegenseitig ausschließen. Denn können Menschen sich gleich sein, wenn die einen Hunger leiden und die anderen vor Reichtum nur so strotzen?
Hierzulande versuchen wir gerade, den Auswüchsen dieses Experiments entgegenzutreten. Hohe Mieten, steigende Preise und schwindender Wohlstand führen zu breiter Politikverdrossenheit und mithin – in schlechter deutscher Tradition – zu einer Hinwendung zum Faschismus. Noch sind die allermeisten aufrecht und wacker und verteidigen mit Frau, Mann und Maus das dahinzubröckeln drohende Staatsgebilde. Der Preis jedoch ist hoch.
Zu erkennen ist dies am Verhalten der notorisch kritischen Masse. Gemeint ist jener große Haufen Bevölkerung, der sich in ständiger Wiederkehr bei Demos, Lichterketten und ähnlichen Umtrieben zusammenfindet, seinen Unmut zu äußern. Es ist eine inhomogene Menge an Bürgerinnen und Bürgern, die vielerlei Ziele und Gesinnungen verfolgen, jedoch einen gemeinsamen Nenner haben: den Kampf für Menschlichkeit und gegen Unrecht.
Subsumieren lassen sich da viele Unterkategorien mit Schlagworten wie Antisemitismus, Umweltschutz, Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Klimawandel, Frauenrechte, Rechte der LGBTQIA+-Personen, Atomkraft, Antifaschismus, bis vor kurzem noch Pazifismus – und eben Demokratie. Wer sich zu dieser Menge zugehörig fühlt, weiß das. Wer nicht, der wird nie begreifen, worum es geht.
Diese kritische Masse stellt einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft dar; ohne sie wäre das Land schon längst verloren. Doch die Masse ist verunsichert. Auch wegen der Frage, wie und ob Putin zu entgegnen sei. Hauptsächlich aber, welche Kröte im Kampf gegen rechts zu schlucken ist.
So zeigte man sich merkwürdig still, als Friedrich Merz Kanzler wurde. Jener Merz, Abtreibungsgegner, Kernkraftfreund und einst im Aufsichtsrat von Black Rock, einem der brutalsten Finanzkonzerne der Welt, dieser Merz wird achselzuckend hingenommen. Gleichsam ist da ein Innenminister Alexander Dobrindt, Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe und der doppelten Staatsbürgerschaft, Autolobbyist und notorischer Pannenproduzent etwa bei der gescheiterten Pkw-Maut. Und – ein weiteres Beispiel von vielen – dass ein bayerischer Metzgermeister Ernährungsminister wurde, ist da im Vergleich nur ein Schmankerl am Rande. Fazit: Demokratie retten tut manchmal ganz schön weh.
……..
Ja Herr Herl, der Stamm der Germanen nimmt alles hin. Warum auch nicht? Für was hat man seine Häuptlinge? Die werden schon wissen was sie tun, warum sie Gehorsam erwarten und die Ruhe die erst Bürgerpflicht ist.
Dass von unserem so tollen Grundgesetz scheibchenweise immer mehr Freiheiten verschwinden – wird schon seine Gründe haben. Aber die meinen es wirklich nur gut mit uns allen, und zwar ohne Ausnahme.
Und die anderen? Die haben es auch nicht verdient sagt man uns. Und die werden schon wissen was sie uns so alles erzählen.
Die immer weniger werdenden kritischen Stimmen sollen uns nicht stören. Die halten endlich ihre Klappen. Die ziehen sich zurück, geben auf. Wie in der DDR. Die hat man endlich mit Hilfe unserer Qualitätsmedien so schön kriminalisiert, gejagt und endlich besiegt.
Demokratie retten? Das braucht man hier doch nicht. Die ist in guten Händen.
Sagt man uns.
Leichter gesagt als getan
Natürlich muss die Demokratie verteidigt werden. Das ist nicht immer leicht, manchmal sogar schmerzhaft.
Von Michael Herl, Frankfurter Rundschau, 27.5.2025
Eigentlich ist es ja schon verwunderlich, was man so alles Demokratie nennt. Um die Dehnbarkeit dieses Begriffes zu verdeutlichen, muss man gar nicht mal die sogenannte Deutsche Demokratische Republik anführen. Es gibt etliche noch real existierende Staaten, die eine eindeutige Definition dieses Begriffs ebenfalls nach Kräften erschweren. Man denke nur an die Türkei, an Ungarn oder jene, die uns Deutschen nach 1945 zeigten, wie man das macht mit dieser Demokratie, die Vereinigten Staaten von Amerika.
Gerade aber drehen sie den Spieß um und zeigen, was sie umgekehrt von den Deutschen gelernt haben, und sind dabei, diesen Begriff in brachialem teutonischem Furor ad absurdum zu führen – gelenkt von einem Dealmaker, dem Ruhm und Reichtum über alles gehen. Denkt man darüber weiter nach, stellt sich unweigerlich die Frage, ob Kapitalismus und Demokratie sich nicht gegenseitig ausschließen. Denn können Menschen sich gleich sein, wenn die einen Hunger leiden und die anderen vor Reichtum nur so strotzen?
Hierzulande versuchen wir gerade, den Auswüchsen dieses Experiments entgegenzutreten. Hohe Mieten, steigende Preise und schwindender Wohlstand führen zu breiter Politikverdrossenheit und mithin – in schlechter deutscher Tradition – zu einer Hinwendung zum Faschismus. Noch sind die allermeisten aufrecht und wacker und verteidigen mit Frau, Mann und Maus das dahinzubröckeln drohende Staatsgebilde. Der Preis jedoch ist hoch.
Zu erkennen ist dies am Verhalten der notorisch kritischen Masse. Gemeint ist jener große Haufen Bevölkerung, der sich in ständiger Wiederkehr bei Demos, Lichterketten und ähnlichen Umtrieben zusammenfindet, seinen Unmut zu äußern. Es ist eine inhomogene Menge an Bürgerinnen und Bürgern, die vielerlei Ziele und Gesinnungen verfolgen, jedoch einen gemeinsamen Nenner haben: den Kampf für Menschlichkeit und gegen Unrecht.
Subsumieren lassen sich da viele Unterkategorien mit Schlagworten wie Antisemitismus, Umweltschutz, Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Klimawandel, Frauenrechte, Rechte der LGBTQIA+-Personen, Atomkraft, Antifaschismus, bis vor kurzem noch Pazifismus – und eben Demokratie. Wer sich zu dieser Menge zugehörig fühlt, weiß das. Wer nicht, der wird nie begreifen, worum es geht.
Diese kritische Masse stellt einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft dar; ohne sie wäre das Land schon längst verloren. Doch die Masse ist verunsichert. Auch wegen der Frage, wie und ob Putin zu entgegnen sei. Hauptsächlich aber, welche Kröte im Kampf gegen rechts zu schlucken ist.
So zeigte man sich merkwürdig still, als Friedrich Merz Kanzler wurde. Jener Merz, Abtreibungsgegner, Kernkraftfreund und einst im Aufsichtsrat von Black Rock, einem der brutalsten Finanzkonzerne der Welt, dieser Merz wird achselzuckend hingenommen. Gleichsam ist da ein Innenminister Alexander Dobrindt, Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe und der doppelten Staatsbürgerschaft, Autolobbyist und notorischer Pannenproduzent etwa bei der gescheiterten Pkw-Maut. Und – ein weiteres Beispiel von vielen – dass ein bayerischer Metzgermeister Ernährungsminister wurde, ist da im Vergleich nur ein Schmankerl am Rande. Fazit: Demokratie retten tut manchmal ganz schön weh.
……..
Ja Herr Herl, der Stamm der Germanen nimmt alles hin. Warum auch nicht? Für was hat man seine Häuptlinge? Die werden schon wissen was sie tun, warum sie Gehorsam erwarten und die Ruhe die erst Bürgerpflicht ist.
Dass von unserem so tollen Grundgesetz scheibchenweise immer mehr Freiheiten verschwinden – wird schon seine Gründe haben. Aber die meinen es wirklich nur gut mit uns allen, und zwar ohne Ausnahme.
Und die anderen? Die haben es auch nicht verdient sagt man uns. Und die werden schon wissen was sie uns so alles erzählen.
Die immer weniger werdenden kritischen Stimmen sollen uns nicht stören. Die halten endlich ihre Klappen. Die ziehen sich zurück, geben auf. Wie in der DDR. Die hat man endlich mit Hilfe unserer Qualitätsmedien so schön kriminalisiert, gejagt und endlich besiegt.
Demokratie retten? Das braucht man hier doch nicht. Die ist in guten Händen.
Sagt man uns.