Von Harvey11
Freitag 07.11.2025, 09:47 – geändert Freitag 07.11.2025, 10:09
Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung legt offen: Das Sagbare verschiebt sich und wir gewöhnen uns an den rechten Hass.
Es fängt nicht mit dem Donner an, sondern mit dem einzelnen Tropfen. Ein Satz hier, eine Beschimpfung da, eine Grenzüberschreitung, die „man ja noch sagen darf“.
Wir haben uns an vieles gewöhnt. An Schlagzeilen über Menschen, die aus dem Stadtbild verschwinden sollen. An Hetze in Kommentarspalten und Todesdrohungen auf Social Media. An Politiker, die von „Remigration“ sprechen, als ginge es um Verkehrsplanung.
Früher war Empörung, heute wird abgenickt. Das menschenfeindliche Rauschen rückt in den Hintergrund und geht unter im Strom der Normalisierung.
Wo verläuft die Grenze zwischen Voreingenommenheit und rassistischem Ressentiment? Wo zwischen Demokratiekritik und Rechtsstaatsverachtung? Der Rechtsextremismus verbindet beides, stellt die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest: „Den Hass auf das demokratische System und den Hass auf Menschen.“
Alle zwei Jahre gibt die Studie repräsentativ Auskunft über die Verbreitung und Entwicklung rechtsextremer und antidemokratischer Einstellungen. Die diesjährige Untersuchung wurde am Donnerstag veröffentlicht und stellt zweifelsfrei fest: Wir gewöhnen uns an den Hass.
Immer mehr Menschen gleiten in eine Grauzone ab, reagieren mit Ambivalenz oder Ignoranz auf rechtsextremistisches Gedankengut und verbuchen das als normal. Die Parole, die zunächst schockiert, wird beim dritten Mal zur Meinung. Das einst verbotene Symbol wird zur Provokation und schließlich zur Pose. Wir werden nicht über Nacht extrem, sondern in kleinen Schritten.
Die Strategie der Rechtsextremisten und Rechtsextremistinnen ist simpel: Sag’s oft genug, bis keiner mehr zuckt. Man nennt das heute „Verschiebung des Sagbaren“. Das klingt harmlos, fast technokratisch. Doch tatsächlich geht es dabei um einen Angriff auf unsere Empfindung und unser Gewissen.
Der russische Forscher Iwan Pawlow hat einst gezeigt, wie Reize ihre Wirkung verlieren, wenn sie sich ständig wiederholen – und nichts darauf folgt. Der Rechtsextremismus testet den Pawlow-Effekt des Hasses. Was wir nicht mehr spüren, dagegen wehren wir uns auch nicht. Die Rechtsextremen haben verstanden, wie man die Gesellschaft desensibilisiert. Nicht in erster Linie mit Gewalt, sondern mit Gewöhnung.
Die Demokratie stirbt nicht mit großem Knall. Sie stirbt leise – an zu vielen Momenten, in denen wir nicht widersprechen.
Frankfurter Rundschau 7.11.2025
Was soll ich dazu noch viel sagen? Wer mit offenen Augen durchs Leben geht sieht das.
Viele demokratischen Grundrechte werden uns mit unserer Zustimmung für immer genommen, "weil wir uns dann sicherer fühlen."
Der Großangriff begann zu Zeiten von Bader-Meinhof.
Heute beobachten uns sogar Kameras. Und wir haben nichts dagegen.
Denn wie sagt man so gerne: Wer nichts zu verbergen hat, der kann nichts dagegen haben. So wird Werbung für Demokratieabbau gemacht. Gezielt oder aus Dummheit, das spielt keine Rolle.
Dazu passt ein kleiner Artikel aus der Gießener Allgemeine von heute:
Debatte über AfD-Anfragen
Die Debatte über den Umgang mit sich häufenden parlamentarischen Anfragen der AfD zur kritischen Infrastruktur in Deutschland hält an. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) erneuerte am Donnerstag seine Spionagevorwürfe gegen die Partei und warnte, die AfD nutze die Anfragen, „um die Demokratie von innen anzugreifen“.
Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) forderte unterdessen, die Antworten auf parlamentarische Anfragen der Partei als Verschlusssache einzustufen. Es sei „auffällig“, dass sehr viele Fragen zur kritischen Infrastruktur gestellt würden. Die entscheidende Frage sei, ob diese alle öffentlich zugänglich sein müssten.
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Nun sind parlamentarische Anfragen ein wichtiges Instrument, mit dem auch Oppositionsparteien den Scheinwerfer auf Themen richten können, die die Regierung lieber nicht so hoch hängen würde.
Und weil ja der Russe kommt, morgen, nächste Woche oder in 50 Jahren sucht man unsere Hilfe, damit der Opposition ein Grundrecht genommen wird. Aber so plump, weil man es uns als Bekämpfung der AfD und Schutz vor Russland andrehen will.
Das passt in die heutige Zeit und danach könne wir uns noch sicherer fühlen. Oder unsere Regierung? Die Zeiten werden ja stürmischer.
Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung legt offen: Das Sagbare verschiebt sich und wir gewöhnen uns an den rechten Hass.
Es fängt nicht mit dem Donner an, sondern mit dem einzelnen Tropfen. Ein Satz hier, eine Beschimpfung da, eine Grenzüberschreitung, die „man ja noch sagen darf“.
Wir haben uns an vieles gewöhnt. An Schlagzeilen über Menschen, die aus dem Stadtbild verschwinden sollen. An Hetze in Kommentarspalten und Todesdrohungen auf Social Media. An Politiker, die von „Remigration“ sprechen, als ginge es um Verkehrsplanung.
Früher war Empörung, heute wird abgenickt. Das menschenfeindliche Rauschen rückt in den Hintergrund und geht unter im Strom der Normalisierung.
Wo verläuft die Grenze zwischen Voreingenommenheit und rassistischem Ressentiment? Wo zwischen Demokratiekritik und Rechtsstaatsverachtung? Der Rechtsextremismus verbindet beides, stellt die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest: „Den Hass auf das demokratische System und den Hass auf Menschen.“
Alle zwei Jahre gibt die Studie repräsentativ Auskunft über die Verbreitung und Entwicklung rechtsextremer und antidemokratischer Einstellungen. Die diesjährige Untersuchung wurde am Donnerstag veröffentlicht und stellt zweifelsfrei fest: Wir gewöhnen uns an den Hass.
Immer mehr Menschen gleiten in eine Grauzone ab, reagieren mit Ambivalenz oder Ignoranz auf rechtsextremistisches Gedankengut und verbuchen das als normal. Die Parole, die zunächst schockiert, wird beim dritten Mal zur Meinung. Das einst verbotene Symbol wird zur Provokation und schließlich zur Pose. Wir werden nicht über Nacht extrem, sondern in kleinen Schritten.
Die Strategie der Rechtsextremisten und Rechtsextremistinnen ist simpel: Sag’s oft genug, bis keiner mehr zuckt. Man nennt das heute „Verschiebung des Sagbaren“. Das klingt harmlos, fast technokratisch. Doch tatsächlich geht es dabei um einen Angriff auf unsere Empfindung und unser Gewissen.
Der russische Forscher Iwan Pawlow hat einst gezeigt, wie Reize ihre Wirkung verlieren, wenn sie sich ständig wiederholen – und nichts darauf folgt. Der Rechtsextremismus testet den Pawlow-Effekt des Hasses. Was wir nicht mehr spüren, dagegen wehren wir uns auch nicht. Die Rechtsextremen haben verstanden, wie man die Gesellschaft desensibilisiert. Nicht in erster Linie mit Gewalt, sondern mit Gewöhnung.
Die Demokratie stirbt nicht mit großem Knall. Sie stirbt leise – an zu vielen Momenten, in denen wir nicht widersprechen.
Frankfurter Rundschau 7.11.2025
Was soll ich dazu noch viel sagen? Wer mit offenen Augen durchs Leben geht sieht das.
Viele demokratischen Grundrechte werden uns mit unserer Zustimmung für immer genommen, "weil wir uns dann sicherer fühlen."
Der Großangriff begann zu Zeiten von Bader-Meinhof.
Heute beobachten uns sogar Kameras. Und wir haben nichts dagegen.
Denn wie sagt man so gerne: Wer nichts zu verbergen hat, der kann nichts dagegen haben. So wird Werbung für Demokratieabbau gemacht. Gezielt oder aus Dummheit, das spielt keine Rolle.
Dazu passt ein kleiner Artikel aus der Gießener Allgemeine von heute:
Debatte über AfD-Anfragen
Die Debatte über den Umgang mit sich häufenden parlamentarischen Anfragen der AfD zur kritischen Infrastruktur in Deutschland hält an. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) erneuerte am Donnerstag seine Spionagevorwürfe gegen die Partei und warnte, die AfD nutze die Anfragen, „um die Demokratie von innen anzugreifen“.
Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) forderte unterdessen, die Antworten auf parlamentarische Anfragen der Partei als Verschlusssache einzustufen. Es sei „auffällig“, dass sehr viele Fragen zur kritischen Infrastruktur gestellt würden. Die entscheidende Frage sei, ob diese alle öffentlich zugänglich sein müssten.
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Nun sind parlamentarische Anfragen ein wichtiges Instrument, mit dem auch Oppositionsparteien den Scheinwerfer auf Themen richten können, die die Regierung lieber nicht so hoch hängen würde.
Und weil ja der Russe kommt, morgen, nächste Woche oder in 50 Jahren sucht man unsere Hilfe, damit der Opposition ein Grundrecht genommen wird. Aber so plump, weil man es uns als Bekämpfung der AfD und Schutz vor Russland andrehen will.
Das passt in die heutige Zeit und danach könne wir uns noch sicherer fühlen. Oder unsere Regierung? Die Zeiten werden ja stürmischer.