Von Harvey11
19.05.2024, 11:39 – geändert 19.05.2024, 11:45
Man bemerkt es wohl, macht sich aber keine Gedanken darüber.
Was helfen könnte, sich einfach nicht den Mund verbieten lassen. Auch nicht von sich selber.
Wie sage ich Palästina?
Wir sind in Deutschland nicht in der Lage, über den Krieg in Gaza zu sprechen. Das ist keine Frage der Meinungsfreiheit: die gibt es. Nur kann sie nicht genutzt werden. Zumindest nicht, um Protest gegen Krieg, Vertreibung und Ungleichheit in Israel und Palästina zu äußern. Uns fehlen schlicht: die Worte. Es gibt gibt nur Unsagbares.
„Palästina-Kongress“ etwa bezeichnet nicht länger einen Kongress, der sich mit der Situation in den palästinensischen Gebieten befasst. Wer Palästina-Kongress sagt, kommuniziert in Deutschland offenbar: „Israel-Hasser-Veranstaltung“. Ein studentisches Protestcamp gegen den Gazakrieg wird zum „Israel-Hass an Berliner Universitäten“, und wie lautet die Bezeichnung für Dozenten, die Meinungsfreiheit auf ihrem Campus verteidigen? Sie werden „UniversiTÄTER“. So nennt die Springerpresse jene Lehrenden, die sich gegen die Räumung eines Protestcamps an der Freien Universität aussprachen. Begleitet wird der Hetzartikel von einem an die RAF-Fahndung erinnernden Abdruck von Fotos ausgewählter Dozenten, die das Statement für Meinungsfreiheit unterschrieben haben – die Springer übersetzt mit „Juden-Hass“.
Da ist etwas schief im Sprechen über Palästina, und das Problem liegt nicht in der Boulevardzeitung, sondern in der deutschen Sprachpolitik. In historischer Verantwortung stehend achtet diese sehr genau auf Begrifflichkeiten: Werden sie genutzt, um Jüdinnen und Juden zu verunglimpfen? Zu verteufeln? So werden Begriffe wie „Apartheid“, „Genozid“ oder der von der Hamas übernommene Slogan „From the river to the sea“ als antisemitisch eingestuft und teils strafrechtlich verfolgt. Manche Kritik an diesen Begriffen ist nicht von der Hand zu weisen, und dennoch entsteht hier ein Problem: ihre Unterdrückung hinterlässt eine Un-sagbarkeit. Lücken in der Sprache.
So sprach der Filmer Yuval Abraham auf der Berlinale von Apartheid, um den Umstand zu bezeichnen, dass er alle Bürgerrechte im Staate Israel besitzt, während sein palästinensischer Co-Filmer Basel Adra nur 30 Minuten entfernt unter Militärrecht lebt, kein israelisches Wahlrecht besitzt und sich in Israel nicht frei bewegen kann. Abrahams Rede wurde als antisemitisch kritisiert. Aber welchen Begriff schlagen wir dann für den Umstand vor, dass Palästinenser im Westjordanland manche Straßen nicht benutzen dürfen, Israelis aber schon? Dass Palästinenser von Straßensperren aufgehalten werden, Israelis aber nicht? Dass unterschiedliche Rechtssysteme und Verwaltungen gelten? Israel stellt keinen Apartheidstaat wie Südafrika dar. Aber wie wäre es, von Strukturen der Apartheid zu sprechen? Oder welcher Begriff wäre sonst angemessen? Wie be-zeichnen wir diese Situation der ungleichen Lebensverwaltungen?
Auch der völkerrechtliche Begriff „Genozid an Palästinensern“ ist zum Synonym für Israel-Hass geworden – obwohl der Internationale Gerichtshof diesen Vorwurf sehr genau prüft. Was der Begriff nicht zu bezeichnen vermag, ist die Tatsache, dass die Tötung von immens vielen Zivilisten in diesem Krieg mit dem Umstand in Verbindung steht, dass die Hamas Schutz in der Zivilbevölkerung sucht – und Israel sich gegen die Hamas verteidigen muss. Welchen Begriff aber schlagen wir stattdessen vor, um die Tötung von 34.000 Angehörigen einer Bevölkerungsgruppe innerhalb kürzester Zeit auf kleinstem Raum zu bezeichnen? Und wenn auch die Kurdinnen und Kurden die Angriffe durch Syrien und die Türkei als Genozid beschreiben, wieso sind wir uns dann so sicher, dass die Motivation für die Nutzung des Begriffs für Gaza antisemitisch ist – und nicht der Versuch, eine unfassbare Welle von Tötungen größtmöglich zu skandalisieren?
Den Slogan „From the river to the sea – Palstine will be free“ rufen Palästinenser seit den 1960er-Jahren. Manche heute Rufenden werden darunter die Befreiung aller Palästinenser von Besatzung und Bewegungseinschränkung verstehen, und andere, zusammen mit der Hamas, die Absage an das Existenzrecht Israels. Der Protestforscher Peter Ullrich bemängelt die Offenheit in Zeiten, in denen Klarheit nötig wäre. Wie be-rufen wir aber dann die Utopie freien palästinensischen Lebens auf dem Gebiet zwischen Fluss und Meer, die dem freien israelischen Leben auf eben jenem Gebiet nicht widerspricht?
Wir haben sie verloren, die Sprache dafür. Das hat Folgen, auch für den Journalismus, der mit Sprache arbeitet. Wenn schon „Palästina-Solidarität“ in den Ohren der Empfänger als „Israel-Hass“ ankommt, dann haben wir ein Problem. Dann ist „Palästina“ nicht mehr sagbar ohne die in diesem Begriff mit-bezeichnete Feindschaft gegen Israel – und: nicht mehr denkbar.
Palästinensisches Leid skandalisieren, ohne antisemitisch zu werden, doch, das kann Sprache, sie kann so vieles mehr. Wenn die Sprechenden und die Hörenden des Gesprochenen diese Möglichkeiten suchen. Das tun sie aber nicht: Während die einen das Be-schweigen palästinensischen Sprechens bevorzugen, weil Schweigen zumindest das Verstummen antisemitischen Sprechens sichert, bleibt anderen nur noch ein Brüllen: „Fuck you, Israel“. Schweigen und Gebrüll, das ist die Sprache des Krieges. Wer gegen ihn vorgehen will, muss wohl um Worte ringen.
Man bemerkt es wohl, macht sich aber keine Gedanken darüber.
Was helfen könnte, sich einfach nicht den Mund verbieten lassen. Auch nicht von sich selber.
Wie sage ich Palästina?
Wir sind in Deutschland nicht in der Lage, über den Krieg in Gaza zu sprechen. Das ist keine Frage der Meinungsfreiheit: die gibt es. Nur kann sie nicht genutzt werden. Zumindest nicht, um Protest gegen Krieg, Vertreibung und Ungleichheit in Israel und Palästina zu äußern. Uns fehlen schlicht: die Worte. Es gibt gibt nur Unsagbares.
„Palästina-Kongress“ etwa bezeichnet nicht länger einen Kongress, der sich mit der Situation in den palästinensischen Gebieten befasst. Wer Palästina-Kongress sagt, kommuniziert in Deutschland offenbar: „Israel-Hasser-Veranstaltung“. Ein studentisches Protestcamp gegen den Gazakrieg wird zum „Israel-Hass an Berliner Universitäten“, und wie lautet die Bezeichnung für Dozenten, die Meinungsfreiheit auf ihrem Campus verteidigen? Sie werden „UniversiTÄTER“. So nennt die Springerpresse jene Lehrenden, die sich gegen die Räumung eines Protestcamps an der Freien Universität aussprachen. Begleitet wird der Hetzartikel von einem an die RAF-Fahndung erinnernden Abdruck von Fotos ausgewählter Dozenten, die das Statement für Meinungsfreiheit unterschrieben haben – die Springer übersetzt mit „Juden-Hass“.
Da ist etwas schief im Sprechen über Palästina, und das Problem liegt nicht in der Boulevardzeitung, sondern in der deutschen Sprachpolitik. In historischer Verantwortung stehend achtet diese sehr genau auf Begrifflichkeiten: Werden sie genutzt, um Jüdinnen und Juden zu verunglimpfen? Zu verteufeln? So werden Begriffe wie „Apartheid“, „Genozid“ oder der von der Hamas übernommene Slogan „From the river to the sea“ als antisemitisch eingestuft und teils strafrechtlich verfolgt. Manche Kritik an diesen Begriffen ist nicht von der Hand zu weisen, und dennoch entsteht hier ein Problem: ihre Unterdrückung hinterlässt eine Un-sagbarkeit. Lücken in der Sprache.
So sprach der Filmer Yuval Abraham auf der Berlinale von Apartheid, um den Umstand zu bezeichnen, dass er alle Bürgerrechte im Staate Israel besitzt, während sein palästinensischer Co-Filmer Basel Adra nur 30 Minuten entfernt unter Militärrecht lebt, kein israelisches Wahlrecht besitzt und sich in Israel nicht frei bewegen kann. Abrahams Rede wurde als antisemitisch kritisiert. Aber welchen Begriff schlagen wir dann für den Umstand vor, dass Palästinenser im Westjordanland manche Straßen nicht benutzen dürfen, Israelis aber schon? Dass Palästinenser von Straßensperren aufgehalten werden, Israelis aber nicht? Dass unterschiedliche Rechtssysteme und Verwaltungen gelten? Israel stellt keinen Apartheidstaat wie Südafrika dar. Aber wie wäre es, von Strukturen der Apartheid zu sprechen? Oder welcher Begriff wäre sonst angemessen? Wie be-zeichnen wir diese Situation der ungleichen Lebensverwaltungen?
Auch der völkerrechtliche Begriff „Genozid an Palästinensern“ ist zum Synonym für Israel-Hass geworden – obwohl der Internationale Gerichtshof diesen Vorwurf sehr genau prüft. Was der Begriff nicht zu bezeichnen vermag, ist die Tatsache, dass die Tötung von immens vielen Zivilisten in diesem Krieg mit dem Umstand in Verbindung steht, dass die Hamas Schutz in der Zivilbevölkerung sucht – und Israel sich gegen die Hamas verteidigen muss. Welchen Begriff aber schlagen wir stattdessen vor, um die Tötung von 34.000 Angehörigen einer Bevölkerungsgruppe innerhalb kürzester Zeit auf kleinstem Raum zu bezeichnen? Und wenn auch die Kurdinnen und Kurden die Angriffe durch Syrien und die Türkei als Genozid beschreiben, wieso sind wir uns dann so sicher, dass die Motivation für die Nutzung des Begriffs für Gaza antisemitisch ist – und nicht der Versuch, eine unfassbare Welle von Tötungen größtmöglich zu skandalisieren?
Den Slogan „From the river to the sea – Palstine will be free“ rufen Palästinenser seit den 1960er-Jahren. Manche heute Rufenden werden darunter die Befreiung aller Palästinenser von Besatzung und Bewegungseinschränkung verstehen, und andere, zusammen mit der Hamas, die Absage an das Existenzrecht Israels. Der Protestforscher Peter Ullrich bemängelt die Offenheit in Zeiten, in denen Klarheit nötig wäre. Wie be-rufen wir aber dann die Utopie freien palästinensischen Lebens auf dem Gebiet zwischen Fluss und Meer, die dem freien israelischen Leben auf eben jenem Gebiet nicht widerspricht?
Wir haben sie verloren, die Sprache dafür. Das hat Folgen, auch für den Journalismus, der mit Sprache arbeitet. Wenn schon „Palästina-Solidarität“ in den Ohren der Empfänger als „Israel-Hass“ ankommt, dann haben wir ein Problem. Dann ist „Palästina“ nicht mehr sagbar ohne die in diesem Begriff mit-bezeichnete Feindschaft gegen Israel – und: nicht mehr denkbar.
Palästinensisches Leid skandalisieren, ohne antisemitisch zu werden, doch, das kann Sprache, sie kann so vieles mehr. Wenn die Sprechenden und die Hörenden des Gesprochenen diese Möglichkeiten suchen. Das tun sie aber nicht: Während die einen das Be-schweigen palästinensischen Sprechens bevorzugen, weil Schweigen zumindest das Verstummen antisemitischen Sprechens sichert, bleibt anderen nur noch ein Brüllen: „Fuck you, Israel“. Schweigen und Gebrüll, das ist die Sprache des Krieges. Wer gegen ihn vorgehen will, muss wohl um Worte ringen.
Elsa Koester, der Freitag vom 16.5.24