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Das Märchen vom verordneten Lächeln

Von Feierabend-Mitglied Samstag 15.08.2026, 15:03


Es war einmal ein Tal, das tief im Schatten gewaltiger Berge lag.
In diesem Tal herrschte der Große Führer.
Er hatte ein Gesetz erlassen,
das über allen anderen stand: „Das Denken bringt den Zweifel, und
der Zweifel bringt den Schmerz.
Nur im Gehorsam liegt das wahre Glück.“


Um dieses Glück zu sichern, ließ der Führer im ganzen Land die Schulen schließen. Die Lehrer wurden fortgeschickt die Tische zerschlagen und die Bücher auf den Marktplätzen zu Asche verbrannt. Fortan lernte kein Kind mehr das Lesen oder Schreiben. Das Wissen wurde auf ein Minimum beschränkt – gerade genug, um Befehle zu verstehen und die Arbeit auszuführen. Die Menschen vergaßen die Welt jenseits der Berge, und schon bald gab es niemanden mehr, der unbequeme Fragen stellte.

Kurz darauf verkündete der Führer die Rückkehr zur alten, gottgegebenen Ordnung: der Leibeigenschaft. Er sprach zu den Bauern, dass die Freiheit eine Last sei, die ihre Schultern nur beuge. Also wurden die Menschen wieder an die Scholle gebunden. Sie durften das Land nicht mehr verlassen, arbeiteten vom Morgengrauen bis zur Geisterstunde auf den herrschaftlichen Feldern und gaben den Großteil ihrer Ernte ab. Und die Menschen spürten eine seltsame Erleichterung, denn sie mussten keine eigenen Entscheidungen mehr über ihr Leben treffen.

Für die Frauen des Tales brach eine Zeit der klaren Bestimmung an. Der Führer erklärte, ihre einzige Pflicht und Ehre sei das Gebären neuer Untertanen. Sie wurden von den Feldern und aus den Handwerken zurück in die Stuben geholt. Ihre Tage verbrachten sie fortan zwischen Wiegen und Spinnrädern, verurteilt dazu, dem Reich jedes Jahr ein neues Kind zu schenken.

Jeden Abend, wenn die Glocken des Palastes läuteten, versammelten sich alle Bewohner auf den Dorfplätzen. Sie blickten hinauf zu den steinernen Statuen des Führers, hielten sich an den Händen und riefen im Chor: „Wir danken dem Führer für unsere Arbeit, wir danken für unsere Kinder, wir sind glücklich!“
Und da sie kein anderes Leben mehr kannten, keine Bücher besaßen, die von Freiheit erzählten, und der Verstand selig schlief, lächelten sie alle.
Es war ein perfektes,
unerschütterliches Glück – weil der Führer es so befohlen hatte.

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