Wenn ich heute lese wie Politiker jammern, dass die „gigantischen“ Rückbaukosten alter Windräder den kommenden Generationen aufgebürdet würden, frage ich mich, wo waren die Schreihälse in den 70er Jahren? Damals bejubelten sie den Start vieler Flugzeuge trotz dem Wissen, dass es noch keine Landebahn dafür gab. Ihnen wurden die Augen verklebt mit den Märchen von angeblich billiger Energie.
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Das Atom-Desaster (Joachim Wille, FR vom 8.8.2024)
Die Atomkraft sollte eine Jahrhundert-Technologie werden. Die Elektrizität so billig, dass man keinen Stromzähler brauchen würde. Gigantische Energiemengen aus wenig Rohstoff. Antrieb für ein neues Zeitalter des wirtschaftlichen Überflusses.
Breit eingeführt wurde die Atomkraft hierzulande in den 1970er Jahren. Nun zeigt sich, dass es sich um eine „Jahrhundert-Technologie“ in einem ganz anderen Sinne handelt als erhofft. Es könnte hierzulande volle 100 Jahre dauern, bis überhaupt ein Endlager-Standort für den Strahlenmüll gefunden sein wird. Erst 2075, so ein Gutachten des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), dürfte es so weit sein – im besten Fall. Das bedeutet eine neue schwere Hypothek für die hierzulande ohnehin verkorkste Entsorgung der Hinterlassenschaft des Atomzeitalters.
Der Ursprung des Problems liegt darin, dass die neue Energietechnologie vor nun 60 Jahren, die zur Hochzeit ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms lieferte, etabliert wurde, ohne dass die Endlagerung auch nur ansatzweise gelöst war. Fahrlässiger als die Atomfans der damaligen Unions- und SPD-geführten Regierungen hätte man nicht vorgehen können. Das rächt sich bis heute.
Sie wählten das alte, löcherige Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel aus, um dort schwach- und mittelradioaktiven Strahlenmüll unterzubringen. Das endete im Fiasko. Das dortige Atomlager, das als Muster für die Endlagerung gepriesen wurde, droht abzusaufen. Die Sanierung, wenn überhaupt möglich, wird die Steuerzahler mehrere Milliarden kosten.
Noch schwerwiegender war die Vorfestlegung auf den Salzstock Gorleben im Wendland nahe der innerdeutschen Grenze für den ganz heißen Abfall, obwohl große Zweifel an dessen Eignung bestanden. Hier verbaute der Bund, der diese Lösung blindlings durchdrücken wollte, zwei Milliarden Euro, angeblich für ein „Erkundungsbergwerk“, tatsächlich aber schon für ein Endlager. Er erzeugte damit einen der größten gesellschaftlichen Konflikte, die die alte Bundesrepublik erlebte.
Die fatale Folge: Ein halbes Jahrhundert wurde mit Pseudo-Politik vertan, die eine „Entsorgung“ nur vorspiegelte, um die Atomkraftwerke weiter betreiben zu können. Erst der Beschluss für den Atomausstieg, gefasst 2011 nach nach dem Fukushima-Super-GAU, legte die Basis für eine neue, an wissenschaftlichen Kriterien orientierte Endlagersuche.
Die wurde vom Bundestag dann 2017 mit großer Mehrheit parteiübergreifend beschlossen, seither läuft sie. Damals wurde kalkuliert, ein Endlagerstandort könne bis 2032 gefunden werden. Doch nun der Schock. Es wird laut dem BASE-Gutachten wohl mehr als vier Jahrzehnte länger dauern, weil bei der alten Kalkulation offenbar wichtige Verfahrensschritte ausgeklammert worden waren. Man wird das wohl als bittere Wahrheit anerkennen müssen, auch wenn es natürlich hanebüchen ist. Denn es bedeutet, dass der Bundestagsbeschluss von 2017 in Unkenntnis der tatsächlichen Lage gefasst wurde.
Die sich nun abzeichnende Verzögerung bringt mehr als den Zeitplan durcheinander – es geht auch um Sicherheit und Geld. So muss eine Lösung für die weitere Verwahrung des heißen Strahlenmülls gefunden werden, der derzeit in Hallen in Gorleben und an den alten AKW-Standorten geparkt ist. Die Castor-Zwischenlager dort sind nur für 40 Jahre genehmigt, und die Genehmigungen laufen weit vor 2074 aus. Eventuell braucht es hier Nachtregelungen, zum Beispiel wegen Gefahrenlagen wie Kriegs- oder Terrorismus-Gefahr.
Klar ist aber auch, dass die um Jahrzehnte verlängerte Endlagersuche deutlich mehr Finanzmittel braucht. Bisher wird das Verfahren aus einem Staatsfonds, „Kenfo“ genannt, finanziert, in den die Stromkonzerne anno 2017 rund 24 Milliarden Euro eingezahlt haben. Die Summe war damals für die Zeit bis 2031 und den nachfolgenden Endlagerbau kalkuliert. Sie dürfte nun kaum mehr reichen. Die AKW-Betreiber sind fein raus. Wer bluten muss, sind die künftigen Steuerzahler.
Die Frage ist nun: Kann die Bundesrepublik es sich wirklich leisten, dass die Endlagerung erst im nächsten Jahrhundert komplett abgeschlossen sein wird? So lange würde es tatsächlich dauern, bis, beginnend ab 2074, das Lager gebaut und alle Castoren untergebracht sind. Die Bundesregierung sollte sich dazu entscheiden, das ganze Verfahren auf den Prüfstand zu stellen und mit dem Vorgehen anderer Staaten abzugleichen, die in der Endlagersuche weiter fortgeschritten sind – wie die Schweiz.
Allerdings darf bei Beschleunigungsschritten, die dann vielleicht ergriffen werden können, keinesfalls die Beteiligung der betroffenen Bürger beschnitten werden. Der Versuch früherer Bundesregierungen und ihren Behörden, sie hinters Licht zu führen, hat ja die ganze Misere ausgelöst. Noch einmal darf das nicht passieren.
Wenn ich heute lese wie Politiker jammern, dass die „gigantischen“ Rückbaukosten alter Windräder den kommenden Generationen aufgebürdet würden, frage ich mich, wo waren die Schreihälse in den 70er Jahren? Damals bejubelten sie den Start vieler Flugzeuge trotz dem Wissen, dass es noch keine Landebahn dafür gab. Ihnen wurden die Augen verklebt mit den Märchen von angeblich billiger Energie.
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Das Atom-Desaster (Joachim Wille, FR vom 8.8.2024)
Die Atomkraft sollte eine Jahrhundert-Technologie werden. Die Elektrizität so billig, dass man keinen Stromzähler brauchen würde. Gigantische Energiemengen aus wenig Rohstoff. Antrieb für ein neues Zeitalter des wirtschaftlichen Überflusses.
Breit eingeführt wurde die Atomkraft hierzulande in den 1970er Jahren. Nun zeigt sich, dass es sich um eine „Jahrhundert-Technologie“ in einem ganz anderen Sinne handelt als erhofft. Es könnte hierzulande volle 100 Jahre dauern, bis überhaupt ein Endlager-Standort für den Strahlenmüll gefunden sein wird. Erst 2075, so ein Gutachten des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), dürfte es so weit sein – im besten Fall. Das bedeutet eine neue schwere Hypothek für die hierzulande ohnehin verkorkste Entsorgung der Hinterlassenschaft des Atomzeitalters.
Der Ursprung des Problems liegt darin, dass die neue Energietechnologie vor nun 60 Jahren, die zur Hochzeit ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms lieferte, etabliert wurde, ohne dass die Endlagerung auch nur ansatzweise gelöst war. Fahrlässiger als die Atomfans der damaligen Unions- und SPD-geführten Regierungen hätte man nicht vorgehen können. Das rächt sich bis heute.
Sie wählten das alte, löcherige Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel aus, um dort schwach- und mittelradioaktiven Strahlenmüll unterzubringen. Das endete im Fiasko. Das dortige Atomlager, das als Muster für die Endlagerung gepriesen wurde, droht abzusaufen. Die Sanierung, wenn überhaupt möglich, wird die Steuerzahler mehrere Milliarden kosten.
Noch schwerwiegender war die Vorfestlegung auf den Salzstock Gorleben im Wendland nahe der innerdeutschen Grenze für den ganz heißen Abfall, obwohl große Zweifel an dessen Eignung bestanden. Hier verbaute der Bund, der diese Lösung blindlings durchdrücken wollte, zwei Milliarden Euro, angeblich für ein „Erkundungsbergwerk“, tatsächlich aber schon für ein Endlager. Er erzeugte damit einen der größten gesellschaftlichen Konflikte, die die alte Bundesrepublik erlebte.
Die fatale Folge: Ein halbes Jahrhundert wurde mit Pseudo-Politik vertan, die eine „Entsorgung“ nur vorspiegelte, um die Atomkraftwerke weiter betreiben zu können. Erst der Beschluss für den Atomausstieg, gefasst 2011 nach nach dem Fukushima-Super-GAU, legte die Basis für eine neue, an wissenschaftlichen Kriterien orientierte Endlagersuche.
Die wurde vom Bundestag dann 2017 mit großer Mehrheit parteiübergreifend beschlossen, seither läuft sie. Damals wurde kalkuliert, ein Endlagerstandort könne bis 2032 gefunden werden. Doch nun der Schock. Es wird laut dem BASE-Gutachten wohl mehr als vier Jahrzehnte länger dauern, weil bei der alten Kalkulation offenbar wichtige Verfahrensschritte ausgeklammert worden waren. Man wird das wohl als bittere Wahrheit anerkennen müssen, auch wenn es natürlich hanebüchen ist. Denn es bedeutet, dass der Bundestagsbeschluss von 2017 in Unkenntnis der tatsächlichen Lage gefasst wurde.
Die sich nun abzeichnende Verzögerung bringt mehr als den Zeitplan durcheinander – es geht auch um Sicherheit und Geld. So muss eine Lösung für die weitere Verwahrung des heißen Strahlenmülls gefunden werden, der derzeit in Hallen in Gorleben und an den alten AKW-Standorten geparkt ist. Die Castor-Zwischenlager dort sind nur für 40 Jahre genehmigt, und die Genehmigungen laufen weit vor 2074 aus. Eventuell braucht es hier Nachtregelungen, zum Beispiel wegen Gefahrenlagen wie Kriegs- oder Terrorismus-Gefahr.
Klar ist aber auch, dass die um Jahrzehnte verlängerte Endlagersuche deutlich mehr Finanzmittel braucht. Bisher wird das Verfahren aus einem Staatsfonds, „Kenfo“ genannt, finanziert, in den die Stromkonzerne anno 2017 rund 24 Milliarden Euro eingezahlt haben. Die Summe war damals für die Zeit bis 2031 und den nachfolgenden Endlagerbau kalkuliert. Sie dürfte nun kaum mehr reichen. Die AKW-Betreiber sind fein raus. Wer bluten muss, sind die künftigen Steuerzahler.
Die Frage ist nun: Kann die Bundesrepublik es sich wirklich leisten, dass die Endlagerung erst im nächsten Jahrhundert komplett abgeschlossen sein wird? So lange würde es tatsächlich dauern, bis, beginnend ab 2074, das Lager gebaut und alle Castoren untergebracht sind. Die Bundesregierung sollte sich dazu entscheiden, das ganze Verfahren auf den Prüfstand zu stellen und mit dem Vorgehen anderer Staaten abzugleichen, die in der Endlagersuche weiter fortgeschritten sind – wie die Schweiz.
Allerdings darf bei Beschleunigungsschritten, die dann vielleicht ergriffen werden können, keinesfalls die Beteiligung der betroffenen Bürger beschnitten werden. Der Versuch früherer Bundesregierungen und ihren Behörden, sie hinters Licht zu führen, hat ja die ganze Misere ausgelöst. Noch einmal darf das nicht passieren.