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Bürgerkinder als Schimpfwort

Von Harvey11 Donnerstag 03.08.2023, 13:02

Ich weiß, copy und paste. Von mir aus darf er sich wieder aufregen. ist ja nicht mehr so heiß, also ungefährlich.
Aber das hier hat mich heute doch gejuckt.

Zu den vielen prominenten Obsessionen des bürgerlichen Publizisten und Welt-Chefredakteurs Ulf Poschardt gehört die Beschäftigung mit »„Bürgerkindern«. Überall da, wo der Mann irgendwie linken Protest, Klimastreik oder allgemeinjugendliche Aufsässigkeit wittert, kanzelt er die Demonstrierenden als »Bürgerkinder« ab. Was er damit sagen möchte: Das sind die Kinder reicher Leute, ohne Klassenstandpunkt, sie leben Protest als Folklore, sind letztlich nicht ernst zu nehmen, lächerlich.
Das ist auf gleich mehrere Weisen amüsant. Das Lehrerkind Poschardt, Vater zweier Kinder und Chef einer bürgerlichen Zeitung voller Redakteure, von denen einige wahrscheinlich ebenfalls Kinder haben, hat natürlich nichts gegen Bürgerkinder, jedenfalls nichts, was hilft. Aber er mag seine Bürgerkinder fleißig, folgsam und in der kompletten Ödnis ihrer Karrieren verschwindend.
Oder als Bewundernde: Poschardt, ein 56-Jähriger, der gern in Teenager-Klamotten und mit Sportwagen posiert, hat sich ursprünglich als Pop-Literat hochgeschrieben und will auch heute noch in Sachen Jugendkultur mitreden. In jedem Fall will er bestimmen, was jung, was ein Kind ist. Obsessiv arbeitete er sich an der minderjährigen Greta Thunberg ab, verglich 2019 die damals 16-jährige mit »alten, bösen Lehrern«, stellte die Klimabewegung als die eigentlich Alten dar. Die Enttäuschung, dass sein eigener Lebensentwurf mit der Jugendkultur von „Fridays for Future“ inkompatibel war, schimmerte sichtbar durch.
Aber in dem Vorwurf der »Bürgerkinder« steckt natürlich mehr; es geht ihm auch um die Frage, wer überhaupt sprechen darf – sei es zum Klima und zu sozialen Missständen. Poschardt versteht sich nämlich nicht nur als der bessere Jugendliche, sondern insgeheim auch als der bessere Linke, webt immer wieder Bildungsrudimente von Kritischer Theorie in seine Artikel ein.
Menschen, die es sich leisten können, auf die Straße zu gehen, sind in seiner Welt schon per se ungeeignet, für die Unterdrückten zu sprechen. Einen anderen Rechten hörte ich mal über Diskriminierung sagen: »Sehen Sie, wenn es jemand schafft, im Fernsehen über Rassismus zu sprechen, ist er schon kein Opfer mehr.«
Demnach wären alle, die ihrem Anliegen Gehör verschaffen, schon durch Erfolg disqualifiziert; man hört auf, echter Repräsentant zu sein, sobald man ein Publikum erreicht. Die echten Repräsentanten sind in Poschardts Welt diejenigen, die man nicht hört. Ein Protest, der Gehör verdiente, müsste für ihn schon aus malaysischen Sweatshop-Arbeiterinnen bestehen. Aber seltsam, wenn die es dann schaffen, inmitten ihrer Entrechtung einen Protest anzufangen, liest man auch in Poschardts Welt grundsätzlich nichts davon.
Wahrscheinlich sind das dann auch keine echten Repräsentanten mehr, sind auch sie schon durch Öffentlichkeit korrumpiert. Immerhin: Ihr Nichterscheinen in der Tageszeitung Die Welt kann dann sogar als ihre besondere Würdigung, als Zeugnis für Authentizität genommen werden.
Aber dass die neueste Chiffre für das, was bei Springer früher »langhaarige Chaoten« hieß, heute wahrhaftig »Bürgerkinder« ist, das ist schon eine wirklich amüsante Volte der Geschichte. Axel Springer würde sich jedenfalls in der Hölle umdrehen, wenn er wüsste, dass in seinem Haus jetzt gegen die eigene Klientel gehetzt wird! (Leo Fischer)

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