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Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
ich schreibe Ihnen heute als biodeutsche Akademikerin, Steuerzahlerin und früheres langjähriges CDU-Mitglied – eine Premiere für mich. Bisher habe ich es noch nie für nötig gehalten, einen amtierenden Bundeskanzler mit direkten Anfragen zu behelligen. Was Sie sich jedoch gestern bei Ihrem Auftritt in Potsdam leisteten, ist von solch ungeheuerlicher Tragweite, dass ich mich zum Handeln genötigt sehe.
Ich komme aus einer „alten CDU-Familie“; Teile meiner Verwandtschaft waren auf Kommunal- und Landesebene politisch aktiv. Ich selbst habe die Partei lange unterstützt. Zweifel an der Vereinbarkeit meiner Werte mit der CDU kamen bereits vor zehn Jahren auf, nach dem Weggang von Frau Dr. Merkel konnte ich mich endgültig nicht mehr mit ihr identifizieren. Dennoch trug ich ein unbewusstes Urvertrauen in die etablierten Parteien in mir. Ich hoffte, ein Stück Humanität à la Norbert Blüm oder Rita Süßmuth sei – erkennbar an Lichtblicken wie Daniel Günther – in der Union noch vorhanden.
Mit wachsender Besorgnis stelle ich jedoch seit Längerem fest, dass sich führende Politiker Ihrer Partei, allen voran Sie selbst, in der Migrationsdebatte auf erschreckende Weise radikalisieren. Bereits Ihr Hamburger Parteikollege Christoph Ploß raunte verschwörerisch warnend auf dem Hamburger Jungfernstieg vor einer ominösen Gefahr, die ihm wohl nicht „weiß genug“ ist.
Damit Sie sich versichert fühlen, betone ich es nochmals: Ich bin BIODEUTSCH. Ich bin Akademikerin, war nie arbeitslos und habe mein Leben
lang lückenlos Steuern und Sozialabgaben geleistet. Das Gleiche gilt für meine gesamte Familie.
Mein Mann ist seit 2015 in Deutschland, er stammt aus Syrien. Er nahm eine Arbeit auf, sobald es ihm erlaubt war, und war seither nicht einen Tag arbeitslos. Er hat in Syrien studiert und gehört zu jenen, die sich – mit Teilen seiner Familie und seines Freundeskreises – im Krieg auf den Weg machten, weil er an die „Willkommenskultur“ und die guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt glaubte.
Diese Willkommenskultur haben Sie gestern endgültig zerstört.
Meine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet waren „bunt“, bevor dieses Wort politisch instrumentalisiert wurde. Damals war es schlicht normal, dass eine meiner besten Freundinnen Halbaraberin war und ist. Mein Mann und ich haben damals sehr schnell geheiratet, weil ich trotz aller Hoffnung ahnte, dass es in diesem Land immer noch Kräfte gibt, die die Stimmung im Land schnell umschlagen lassen können. 2015 dachte ich dabei noch ausschließlich an die AfD. Heute bin ich um die bittere Erfahrung reicher, dass diese Haltung bis in das Kanzleramt reicht.
Ihre Aussage von gestern – „…wenn dieses Thema [das Problem im Stadtbild] weg ist…“ – hat für mich eine rote Linie überschritten. Die Dehumanisierung von Menschen zu einem „Problem“, das man „wegschaffen“ muss, ist zutiefst verstörend und erfüllt mich mit Ekel. Ich weigere mich, in einem Land zu leben, in dem der Bundeskanzler mich und meinen Mann zu einem Teil eines „Problems“ erklärt
Seien Sie versichert, Herr Merz: Mein Mann und ich werden mittelfristig freiwillig dafür sorgen, dass „Ihr Problem“ gelöst wird. Wir werden dieses Land dann in absehbarer Zeit verlassen. Denn wir sind nicht bereit, die täglichen Demütigungen länger hinzunehmen. Spätestens dann, wenn die Politik Ihrer Partei zu einer Koalition unter einer Kanzlerin Weidel führt und Lichtblicke wie Daniel Günther in die letzte Reihe verwiesen werden, spätestens dann ist in diesem Land kein Platz mehr für uns.
Dann wird das Land vielleicht „weiß“ genug sein. Sie werden dann mit einer Kanzlerin Weidel, Ihrer neuen Wählerklientel und dem Wutbürgertum allein sein.
Ich weiß, dass diese Botschaft Sie vermutlich nicht erreichen wird. Aber es hilft meinem Seelenfrieden, sie an Sie gerichtet zu haben.
Mit tiefster Enttäuschung und freundlichen Grüßen,
Susanne Mattner
Quelle
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Ich komme aus einer „alten CDU-Familie“; Teile meiner Verwandtschaft waren auf Kommunal- und Landesebene politisch aktiv. Ich selbst habe die Partei lange unterstützt. Zweifel an der Vereinbarkeit meiner Werte mit der CDU kamen bereits vor zehn Jahren auf, nach dem Weggang von Frau Dr. Merkel konnte ich mich endgültig nicht mehr mit ihr identifizieren. Dennoch trug ich ein unbewusstes Urvertrauen in die etablierten Parteien in mir. Ich hoffte, ein Stück Humanität à la Norbert Blüm oder Rita Süßmuth sei – erkennbar an Lichtblicken wie Daniel Günther – in der Union noch vorhanden.
Mit wachsender Besorgnis stelle ich jedoch seit Längerem fest, dass sich führende Politiker Ihrer Partei, allen voran Sie selbst, in der Migrationsdebatte auf erschreckende Weise radikalisieren. Bereits Ihr Hamburger Parteikollege Christoph Ploß raunte verschwörerisch warnend auf dem Hamburger Jungfernstieg vor einer ominösen Gefahr, die ihm wohl nicht „weiß genug“ ist.
Damit Sie sich versichert fühlen, betone ich es nochmals: Ich bin BIODEUTSCH. Ich bin Akademikerin, war nie arbeitslos und habe mein Leben
lang lückenlos Steuern und Sozialabgaben geleistet. Das Gleiche gilt für meine gesamte Familie.
Mein Mann ist seit 2015 in Deutschland, er stammt aus Syrien. Er nahm eine Arbeit auf, sobald es ihm erlaubt war, und war seither nicht einen Tag arbeitslos. Er hat in Syrien studiert und gehört zu jenen, die sich – mit Teilen seiner Familie und seines Freundeskreises – im Krieg auf den Weg machten, weil er an die „Willkommenskultur“ und die guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt glaubte.
Diese Willkommenskultur haben Sie gestern endgültig zerstört.
Meine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet waren „bunt“, bevor dieses Wort politisch instrumentalisiert wurde. Damals war es schlicht normal, dass eine meiner besten Freundinnen Halbaraberin war und ist. Mein Mann und ich haben damals sehr schnell geheiratet, weil ich trotz aller Hoffnung ahnte, dass es in diesem Land immer noch Kräfte gibt, die die Stimmung im Land schnell umschlagen lassen können. 2015 dachte ich dabei noch ausschließlich an die AfD. Heute bin ich um die bittere Erfahrung reicher, dass diese Haltung bis in das Kanzleramt reicht.
Ihre Aussage von gestern – „…wenn dieses Thema [das Problem im Stadtbild] weg ist…“ – hat für mich eine rote Linie überschritten. Die Dehumanisierung von Menschen zu einem „Problem“, das man „wegschaffen“ muss, ist zutiefst verstörend und erfüllt mich mit Ekel. Ich weigere mich, in einem Land zu leben, in dem der Bundeskanzler mich und meinen Mann zu einem Teil eines „Problems“ erklärt
Seien Sie versichert, Herr Merz: Mein Mann und ich werden mittelfristig freiwillig dafür sorgen, dass „Ihr Problem“ gelöst wird. Wir werden dieses Land dann in absehbarer Zeit verlassen. Denn wir sind nicht bereit, die täglichen Demütigungen länger hinzunehmen. Spätestens dann, wenn die Politik Ihrer Partei zu einer Koalition unter einer Kanzlerin Weidel führt und Lichtblicke wie Daniel Günther in die letzte Reihe verwiesen werden, spätestens dann ist in diesem Land kein Platz mehr für uns.
Dann wird das Land vielleicht „weiß“ genug sein. Sie werden dann mit einer Kanzlerin Weidel, Ihrer neuen Wählerklientel und dem Wutbürgertum allein sein.
Ich weiß, dass diese Botschaft Sie vermutlich nicht erreichen wird. Aber es hilft meinem Seelenfrieden, sie an Sie gerichtet zu haben.
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