Bringt dieser Frühling den Frieden? Wer den staatsnahen russischen Medien folgt, kann diese Frage noch immer kaum bejahen. Stereotyp melden Zeitungen und Fernsehsender den Fortgang der „Militärischen Spezialoperation“, die Einnahme oft zerstörter und entvölkerter Dörfer im Donbass und die Auszeichnung neuer „Helden Russlands“.
Wer hingegen das etwas unabhängigere, imperial ausgerichtete Wochenblatt Sawrea (Der morgige Tag) aufmerksam liest, bemerkt einen neuen Ton beim Herausgeber Alexander Prochanow. Der hochbetagte Mann, der im Vorjahr bei einem Auftritt mit Wladmir Putin vom Staatschef den Titel „Held der Arbeit“ verliehen bekam, war einst Kriegskorrespondent der Literaturnaja Gaseta in Afghanistan, zudem Autor von Kolportageromanen.
Sein persönliches Gewicht und sein Ansehen im Kreml hat Prochanow jetzt dazu genutzt, in einem Leitartikel einige unbequeme Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen: Der Sieg in der Ukraine sei auch nach vier Jahren „nicht nähergerückt“, die Front habe sich „nur millimeterweise vorwärts bewegt“. Russland sei in eine „geopolitische Fallem geraten“ und habe letztlich nicht mit der Ukraine, sondern „mit der gigantischen Maschinerie der NATO gekämpft. Daher sei Russland nicht in der Lage gewesen, „die Ukraine zu zerschlagen“. Die Verhandlungen, die Moskau und Kiew jetzt „unter der Patronage Amerikas“ begonnen hätten, seien das Ergebnis „eines quälenden, blutigen Kampfes, den Russland, sein Volk, die Armee und Rüstungsindustrie vier Jahre lang führten“. Bemerkenswert ist hier die Vergangenheitsform.
Auch gibt Prochanow dem militärischen Konflikt schon einen abschließenden Namen. Er nennt ihn „Donbass-Krieg“ – offenbar getragen von der Annahme, dass dieser Krieg nicht mit der vollständigen Bedrohung der Ukraine endet. Der eigentlich als Hardliner bekannte Sawtra-Herausgeber, dessen Blatt das Wohlwollen von Sergej Kirijenko genießt, dem stellvertretenden Leiter der Präsidentenverwaltung, hat offenkundig die Aufgabe übernommen, seine Leser im „patriotischen Lager“ auf die Notwendigkeit eines Friedensschlusses vorzubereiten, der aus solcher Sicht enttäuschend werden könnte.
Dazu passt, was ein Diplomat aus dem russischen Außenministerium sagt, mit dem der Freitag über die Moskauer Perspektive auf den Krieg sprechen konnte: „Russlands Führung ist die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung bewusst, ebenso wie der Umstand, dass sie diplomatische Chancen nutzen muss, die sich durch Donald Trump bieten.“
Die Russische Regierung, so der Diplomat weiter, sei nicht geneigt, sich politische Optionen von „Turbopatrioten“ ausreden zu lassen, die Weitsicht durch Emotionen ersetzen. Auch seien die “Turbopatrioten“ schlecht organisiert und verfügten über keine Strategie. Eher stimme sich der Kreml derzeit mit der chinesischen Führung ab, die seit Jahren für eine „friedliche Lösung des Ukraine-Konfliktes“ plädiert. Putin hatte am 4. Februar in einem Videogespräch mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping das gesamte Spektrum außenpolitischer Themen erörtert, darunter auch die Verhandlungen mit der Ukraine.
In einer für Moskauer Verhältnisse ungewohnt vorsichtig-abwägenden Kolumne erörterte jüngst der außenpolitische Kommentator der populären Tageszeitung Moskowskij Komsomelez, Michail Rostoswkij, die Aussichten für die Gespräche in Abu Dhabi. Rostowskij gilt in Moskau als einer der am besten mit der politischen Elite vernetzte Journalisten.
Wolodymyr Selenskyj, den Rostowskij nicht als Präsidenten sondern als „Kiewer Chef“ bezeichnete, sei offensichtlich „der Realität des Verhandlungsprozesses entrückt“, so der Autor. Die ukrainische Führung beginne sich während der Verhandlungen und durch sie zu „fragmentieren“. Hinzu komme noch ein sich vertiefender Riss zwischen der Kiewer Führung und ihren europäischen Unterstützern. Diese seien nicht bereit, der Ukraine Sicherheitsgarantien nach dem Vorbild des Artikel 5 der NATO zu geben.
Selenskyj, glaubt Rostowskij, habe „faktisch die Unterstützung der USA verloren“. Dies könnte dazu führen, „dass er gezwungen ist, eine schwere Entscheidung zu treffen- teilweise den Forderungen Russlands nachzugeben“, zumal Russland den Druck auf die Ukraine erhöhe. Daher, so der Kolumnist, sei in den kommenden Wochen ein „Durchbruch“ denkbar, von der Art, „wie sie manchmal unvorhergesehen kommen“.
Dazu passt auch der dosierte Optimismus, den Kiril Dmitrijew derzeit mit knappen Wortmeldungen in sozialen Medien verbreitet. Der in Kiew geborene Beauftragte des russischen Präsidenten für die Verhandlungen mit den USA kennt die Vereinigten Staaten seit einem Austausch-Schuljahr 1989. Die Gespräche mit den Amerikanern vor allem über Wirtschaftsbeziehungen bezeichnet er immer wieder als „konstruktiv“ und „positiv“, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.
Dmitrijew setzt Putins Strategie um, die USA für bessere Beziehungen zu gewinnen – auf Basis wirtschaftlicher Interessen. In dem Maße, in dem dies gelinge, wachse der Druck auf das von Washington mehr und mehr isolierte Kiew. Dies, so das offensichtliche Moskauer Kalkül, könnte die Ukraine-Führung in Zugzwang bringen, sich mit Russland durch Kompromisse auf ein Kriegsende zu einigen. (der Freitag, 19.2.2026)
Da hat man in Moskau vieles richtig erkannt.
Und die Europäer? Die streiten sich mit Selenskyj herum. Denn jetzt sollen die ihm endlos weiterhelfen Russland wirtschaftlich zu ruinieren.
Dort gibt man eine Kriegsmüdigkeit zu, während hier die Zahlungsmüdigkeit wächst.
Hier melden die Zeitungen stereotyp, dass 2030 der Überfall auf uns erfolgt. Vermutlich aber erst, nachdem sich die Russen das Baltikum einverleibt haben.
Denn die wollen die Ersten sein.
Schon in Büttenreden hat man sich über die Kriegsverkünder lustig gemacht.
Wer soll das noch glauben?
Bringt dieser Frühling den Frieden? Wer den staatsnahen russischen Medien folgt, kann diese Frage noch immer kaum bejahen. Stereotyp melden Zeitungen und Fernsehsender den Fortgang der „Militärischen Spezialoperation“, die Einnahme oft zerstörter und entvölkerter Dörfer im Donbass und die Auszeichnung neuer „Helden Russlands“.
Wer hingegen das etwas unabhängigere, imperial ausgerichtete Wochenblatt Sawrea (Der morgige Tag) aufmerksam liest, bemerkt einen neuen Ton beim Herausgeber Alexander Prochanow. Der hochbetagte Mann, der im Vorjahr bei einem Auftritt mit Wladmir Putin vom Staatschef den Titel „Held der Arbeit“ verliehen bekam, war einst Kriegskorrespondent der Literaturnaja Gaseta in Afghanistan, zudem Autor von Kolportageromanen.
Sein persönliches Gewicht und sein Ansehen im Kreml hat Prochanow jetzt dazu genutzt, in einem Leitartikel einige unbequeme Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen: Der Sieg in der Ukraine sei auch nach vier Jahren „nicht nähergerückt“, die Front habe sich „nur millimeterweise vorwärts bewegt“. Russland sei in eine „geopolitische Fallem geraten“ und habe letztlich nicht mit der Ukraine, sondern „mit der gigantischen Maschinerie der NATO gekämpft. Daher sei Russland nicht in der Lage gewesen, „die Ukraine zu zerschlagen“. Die Verhandlungen, die Moskau und Kiew jetzt „unter der Patronage Amerikas“ begonnen hätten, seien das Ergebnis „eines quälenden, blutigen Kampfes, den Russland, sein Volk, die Armee und Rüstungsindustrie vier Jahre lang führten“. Bemerkenswert ist hier die Vergangenheitsform.
Auch gibt Prochanow dem militärischen Konflikt schon einen abschließenden Namen. Er nennt ihn „Donbass-Krieg“ – offenbar getragen von der Annahme, dass dieser Krieg nicht mit der vollständigen Bedrohung der Ukraine endet. Der eigentlich als Hardliner bekannte Sawtra-Herausgeber, dessen Blatt das Wohlwollen von Sergej Kirijenko genießt, dem stellvertretenden Leiter der Präsidentenverwaltung, hat offenkundig die Aufgabe übernommen, seine Leser im „patriotischen Lager“ auf die Notwendigkeit eines Friedensschlusses vorzubereiten, der aus solcher Sicht enttäuschend werden könnte.
Dazu passt, was ein Diplomat aus dem russischen Außenministerium sagt, mit dem der Freitag über die Moskauer Perspektive auf den Krieg sprechen konnte: „Russlands Führung ist die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung bewusst, ebenso wie der Umstand, dass sie diplomatische Chancen nutzen muss, die sich durch Donald Trump bieten.“
Die Russische Regierung, so der Diplomat weiter, sei nicht geneigt, sich politische Optionen von „Turbopatrioten“ ausreden zu lassen, die Weitsicht durch Emotionen ersetzen. Auch seien die “Turbopatrioten“ schlecht organisiert und verfügten über keine Strategie. Eher stimme sich der Kreml derzeit mit der chinesischen Führung ab, die seit Jahren für eine „friedliche Lösung des Ukraine-Konfliktes“ plädiert. Putin hatte am 4. Februar in einem Videogespräch mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping das gesamte Spektrum außenpolitischer Themen erörtert, darunter auch die Verhandlungen mit der Ukraine.
In einer für Moskauer Verhältnisse ungewohnt vorsichtig-abwägenden Kolumne erörterte jüngst der außenpolitische Kommentator der populären Tageszeitung Moskowskij Komsomelez, Michail Rostoswkij, die Aussichten für die Gespräche in Abu Dhabi. Rostowskij gilt in Moskau als einer der am besten mit der politischen Elite vernetzte Journalisten.
Wolodymyr Selenskyj, den Rostowskij nicht als Präsidenten sondern als „Kiewer Chef“ bezeichnete, sei offensichtlich „der Realität des Verhandlungsprozesses entrückt“, so der Autor. Die ukrainische Führung beginne sich während der Verhandlungen und durch sie zu „fragmentieren“. Hinzu komme noch ein sich vertiefender Riss zwischen der Kiewer Führung und ihren europäischen Unterstützern. Diese seien nicht bereit, der Ukraine Sicherheitsgarantien nach dem Vorbild des Artikel 5 der NATO zu geben.
Selenskyj, glaubt Rostowskij, habe „faktisch die Unterstützung der USA verloren“. Dies könnte dazu führen, „dass er gezwungen ist, eine schwere Entscheidung zu treffen- teilweise den Forderungen Russlands nachzugeben“, zumal Russland den Druck auf die Ukraine erhöhe. Daher, so der Kolumnist, sei in den kommenden Wochen ein „Durchbruch“ denkbar, von der Art, „wie sie manchmal unvorhergesehen kommen“.
Dazu passt auch der dosierte Optimismus, den Kiril Dmitrijew derzeit mit knappen Wortmeldungen in sozialen Medien verbreitet. Der in Kiew geborene Beauftragte des russischen Präsidenten für die Verhandlungen mit den USA kennt die Vereinigten Staaten seit einem Austausch-Schuljahr 1989. Die Gespräche mit den Amerikanern vor allem über Wirtschaftsbeziehungen bezeichnet er immer wieder als „konstruktiv“ und „positiv“, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.
Dmitrijew setzt Putins Strategie um, die USA für bessere Beziehungen zu gewinnen – auf Basis wirtschaftlicher Interessen. In dem Maße, in dem dies gelinge, wachse der Druck auf das von Washington mehr und mehr isolierte Kiew. Dies, so das offensichtliche Moskauer Kalkül, könnte die Ukraine-Führung in Zugzwang bringen, sich mit Russland durch Kompromisse auf ein Kriegsende zu einigen. (der Freitag, 19.2.2026)
Da hat man in Moskau vieles richtig erkannt.
Und die Europäer? Die streiten sich mit Selenskyj herum. Denn jetzt sollen die ihm endlos weiterhelfen Russland wirtschaftlich zu ruinieren.
Dort gibt man eine Kriegsmüdigkeit zu, während hier die Zahlungsmüdigkeit wächst.
Hier melden die Zeitungen stereotyp, dass 2030 der Überfall auf uns erfolgt. Vermutlich aber erst, nachdem sich die Russen das Baltikum einverleibt haben.
Denn die wollen die Ersten sein.
Schon in Büttenreden hat man sich über die Kriegsverkünder lustig gemacht.
Wer soll das noch glauben?