Arbeiten wie die Soldaten
Von Elsa Koester, der Freitag 30.4.2025
Na, wieviel haben Sie diese Woche schon gearbeitet? 40 Stunden? 50? 60? Da geht noch was! Los, unsere braven Unternehmer brauchen Sie, unser Herr Merz braucht Sie, unser Deutschland braucht Sie! Oder wollen Sie, dass Putin gewinnt? Trump?? Xi Jinping!?? Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Nehmen Sie sich doch mal ein Beispiel an Winfried Kretschmann. Der gute Mann ist 76 Jahre alt und hat noch immer 12-Stunden-Tage, wie der baden-württembergische Ministerpräsident dem Stern verriet, um anhand dieses intimen Einblicks ganz unintim eine Ausweitung der Arbeitszeit für alle zu fordern. „Dass wir ausgerechnet in einer Krise weniger arbeiten wollen, ist völlig aus der Zeit gefallen“, sagt er: „Wir müssen mehr arbeiten“.
„Wir müssen alle wieder mehr arbeiten“, sagt auch der Telekom-Chef Tim Höttges. „Meiner Erfahrung nach sind etwa 60-Stunden pro Woche der Sweet Spot der Produktivität“, schreibt Google-Gründer Sergey Brin an die Mitarbeiter des KI-Tools Gemini. Das hält der Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer in Deutschland wohl für eine christliche Zeit: Die gesetzliche Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen von elf Stunden ist nicht mehr zeitgemäß, sagt Martin Nebeling.
Der Tag der Arbeit: Er muss länger werden! Unser baldiger Unternehmerkanzler Friedrich Merz hat diese klagenden Stimmen gehört. Die Flexibilisierung der der Arbeitszeit wurde im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben: Die Höchstarbeitszeit wird nicht mehr täglich auf acht Stunden begrenzt, sondern auf eine wöchentliche Arbeitszeit. Das wird es den Unternehmern möglich machen, die Arbeitnehmer bei Bedarf – Unternehmensbedarf natürlich, gemeint ist nicht die Bedürftigkeit des kranken Kindes zuhause – auch mal zwölf Stunden einzubehalten. Wie die Stundenregelung genau aussehen wird, ist noch unklar: „Zur konkreten Ausgestaltung werden wir einen Dialog mit den Sozialpartnern durchführen.“
Sozialpartner, aufgepasst, ich habe da eine Frage. Wenn Winfried Kretschmann morgens um 7 Uhr aus dem Haus geht, um 8 Uhr anfängt zu arbeiten, das Büro um 20 Uhr verlässt und gegen 21 Uhr zuhause ankommt: Wer wäscht dann Winfried Kretschmanns Waschlappen? Duschen, das hat der Ministerpräsident ja in einer der letzten Krisen verlauten lassen, das sollen wir lassen, dafür gäbe es Waschlappen.
Nun müssen Waschlappen ja gewaschen werden, alle zwei bis drei Tage, nicht wahr? Was sagen Sie, liebe Sozialpartner: Soll der Kretschmann seine Waschlappen um 21 Uhr also noch in die Waschmaschine schmeißen? Elf Stunden Pause hat er ja nicht, wenn es nach den katholischen Unternehmern geht, aber zwei Stunden waschen und fünf Stunden Schlaf sind bestimmt noh drin. Nein, im 21 Uhr wollen die Nachbarn kein Schleudern mehr hören? Und wer wäscht die Waschlappen dann, tagsüber? Denn Herr Kretschmann ließ ja auch verlauten: „Solange wir gesund sind, keine Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, müssen wir mehr arbeiten.“ Daraus schließe ich, dass von der Partnerin eines zwölf Stunden arbeitenden Mannes mit erwachsenen Kindern ebenfalls erwartet wird, zwölf Stunden zu arbeiten und erst um 21 Uhr nach Hause zu kommen und sie also nicht für seine Waschlappen zuständig ist.
Ich finde die Welt von Grünen-Kretschmann, Telekom-Höttges und Google-Brin deshalb so fürchterlich schön, weil sie magisch ist. Es ereignen sich täglich Wunder: Sie öffnen ihren Wäscheschrank, und egal, wie viele Waschlappen sie am Vortag dreckig machten mit ihrer ungeduschten Haut, sie liegen einfach wieder gewaschen im Fach, sauber, duftend und gefaltet!
Aber ich schweife ab. Ich wollte Sie ja nicht ermutigen, zu waschen, sondern Ihre Hände dreckig zu machen: Spucken Sie rein! Wir müssen den Blick von den Waschlappen erheben und das große Ganze sehen. Sehen Sie das große Ganze? Russland steht in der Ukraine! Trump lässt uns alleine! Und China macht so tolle Autos! Und dann kommen solche Luschen von Sozialpartnern und wollen die 4-Tage-Woche?
Es wird ernst. Es stellt sich niemand plötzlich hin und sagt: Diese Menschen da, die sind nichts wert. Sondern es entwickelt sich aus einer spezifischen wirtschaftlichen (E-Autos! KI!), geopolitischen (Putin! Trump! Xi Jinping!) und gesellschaftlichen (Corona! Klima! Gender!) Situation heraus eine Stimmung, die das menschliche Leben der Stärke eines Volkskörpers unterwirft.
Wir spüren diesen Wind. An dem Wunsch nach Massenabschiebung, der Regierungshandeln wird; an der Endlos-Aufrüstung und Militarisierung; an dem Register für psychisch Kranke, das CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann forderte; an der lustvollen Hetze gegen Bürgergeld-Empfänger, gefolgt von ihre Sanktionierung; und eben an der Lust, Menschen zu mehr Arbeit zu zwingen.
Rechtsruck ist die Ablehnung des Lebens außerhalb von Konkurrenz. Rechtsruck ist die Ablehnung des schönen, zärtlichen, solidarischen Lebens, das, als Faulheit gefühlt, Ekel erzeugt. In einer rechten Gesellschaft regiert der als Leistung missverstandene Kampf um Stärke. Was die Wehrpflicht für das Militär, das ist Googles 60-Stunden-Woche in der KI-Wirtschaft. Es geht um Wehrhaftigkeit.
………………………
Der 1. Mai, werden die Gewerkschaften wieder der SPD die Stange halten?
Die macht doch mit. Die anderen, außer der Linken, sind doch mit Wonne dabei.
Und die Bürger? Das habe ich nicht gewusst.
Arbeiten wie die Soldaten
Von Elsa Koester, der Freitag 30.4.2025
Na, wieviel haben Sie diese Woche schon gearbeitet? 40 Stunden? 50? 60? Da geht noch was! Los, unsere braven Unternehmer brauchen Sie, unser Herr Merz braucht Sie, unser Deutschland braucht Sie! Oder wollen Sie, dass Putin gewinnt? Trump?? Xi Jinping!?? Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Nehmen Sie sich doch mal ein Beispiel an Winfried Kretschmann. Der gute Mann ist 76 Jahre alt und hat noch immer 12-Stunden-Tage, wie der baden-württembergische Ministerpräsident dem Stern verriet, um anhand dieses intimen Einblicks ganz unintim eine Ausweitung der Arbeitszeit für alle zu fordern. „Dass wir ausgerechnet in einer Krise weniger arbeiten wollen, ist völlig aus der Zeit gefallen“, sagt er: „Wir müssen mehr arbeiten“.
„Wir müssen alle wieder mehr arbeiten“, sagt auch der Telekom-Chef Tim Höttges. „Meiner Erfahrung nach sind etwa 60-Stunden pro Woche der Sweet Spot der Produktivität“, schreibt Google-Gründer Sergey Brin an die Mitarbeiter des KI-Tools Gemini. Das hält der Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer in Deutschland wohl für eine christliche Zeit: Die gesetzliche Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen von elf Stunden ist nicht mehr zeitgemäß, sagt Martin Nebeling.
Der Tag der Arbeit: Er muss länger werden! Unser baldiger Unternehmerkanzler Friedrich Merz hat diese klagenden Stimmen gehört. Die Flexibilisierung der der Arbeitszeit wurde im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben: Die Höchstarbeitszeit wird nicht mehr täglich auf acht Stunden begrenzt, sondern auf eine wöchentliche Arbeitszeit. Das wird es den Unternehmern möglich machen, die Arbeitnehmer bei Bedarf – Unternehmensbedarf natürlich, gemeint ist nicht die Bedürftigkeit des kranken Kindes zuhause – auch mal zwölf Stunden einzubehalten. Wie die Stundenregelung genau aussehen wird, ist noch unklar: „Zur konkreten Ausgestaltung werden wir einen Dialog mit den Sozialpartnern durchführen.“
Sozialpartner, aufgepasst, ich habe da eine Frage. Wenn Winfried Kretschmann morgens um 7 Uhr aus dem Haus geht, um 8 Uhr anfängt zu arbeiten, das Büro um 20 Uhr verlässt und gegen 21 Uhr zuhause ankommt: Wer wäscht dann Winfried Kretschmanns Waschlappen? Duschen, das hat der Ministerpräsident ja in einer der letzten Krisen verlauten lassen, das sollen wir lassen, dafür gäbe es Waschlappen.
Nun müssen Waschlappen ja gewaschen werden, alle zwei bis drei Tage, nicht wahr? Was sagen Sie, liebe Sozialpartner: Soll der Kretschmann seine Waschlappen um 21 Uhr also noch in die Waschmaschine schmeißen? Elf Stunden Pause hat er ja nicht, wenn es nach den katholischen Unternehmern geht, aber zwei Stunden waschen und fünf Stunden Schlaf sind bestimmt noh drin. Nein, im 21 Uhr wollen die Nachbarn kein Schleudern mehr hören? Und wer wäscht die Waschlappen dann, tagsüber? Denn Herr Kretschmann ließ ja auch verlauten: „Solange wir gesund sind, keine Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, müssen wir mehr arbeiten.“ Daraus schließe ich, dass von der Partnerin eines zwölf Stunden arbeitenden Mannes mit erwachsenen Kindern ebenfalls erwartet wird, zwölf Stunden zu arbeiten und erst um 21 Uhr nach Hause zu kommen und sie also nicht für seine Waschlappen zuständig ist.
Ich finde die Welt von Grünen-Kretschmann, Telekom-Höttges und Google-Brin deshalb so fürchterlich schön, weil sie magisch ist. Es ereignen sich täglich Wunder: Sie öffnen ihren Wäscheschrank, und egal, wie viele Waschlappen sie am Vortag dreckig machten mit ihrer ungeduschten Haut, sie liegen einfach wieder gewaschen im Fach, sauber, duftend und gefaltet!
Aber ich schweife ab. Ich wollte Sie ja nicht ermutigen, zu waschen, sondern Ihre Hände dreckig zu machen: Spucken Sie rein! Wir müssen den Blick von den Waschlappen erheben und das große Ganze sehen. Sehen Sie das große Ganze? Russland steht in der Ukraine! Trump lässt uns alleine! Und China macht so tolle Autos! Und dann kommen solche Luschen von Sozialpartnern und wollen die 4-Tage-Woche?
Es wird ernst. Es stellt sich niemand plötzlich hin und sagt: Diese Menschen da, die sind nichts wert. Sondern es entwickelt sich aus einer spezifischen wirtschaftlichen (E-Autos! KI!), geopolitischen (Putin! Trump! Xi Jinping!) und gesellschaftlichen (Corona! Klima! Gender!) Situation heraus eine Stimmung, die das menschliche Leben der Stärke eines Volkskörpers unterwirft.
Wir spüren diesen Wind. An dem Wunsch nach Massenabschiebung, der Regierungshandeln wird; an der Endlos-Aufrüstung und Militarisierung; an dem Register für psychisch Kranke, das CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann forderte; an der lustvollen Hetze gegen Bürgergeld-Empfänger, gefolgt von ihre Sanktionierung; und eben an der Lust, Menschen zu mehr Arbeit zu zwingen.
Rechtsruck ist die Ablehnung des Lebens außerhalb von Konkurrenz. Rechtsruck ist die Ablehnung des schönen, zärtlichen, solidarischen Lebens, das, als Faulheit gefühlt, Ekel erzeugt. In einer rechten Gesellschaft regiert der als Leistung missverstandene Kampf um Stärke. Was die Wehrpflicht für das Militär, das ist Googles 60-Stunden-Woche in der KI-Wirtschaft. Es geht um Wehrhaftigkeit.
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Der 1. Mai, werden die Gewerkschaften wieder der SPD die Stange halten?
Die macht doch mit. Die anderen, außer der Linken, sind doch mit Wonne dabei.
Und die Bürger? Das habe ich nicht gewusst.