Aussöhnung ist keine leichte Sache: Das hat die deutsche Politik offenbar vergessen
von Lutz Herden, der Freitag 24.4.2025
Dann sollte man doch die Geschichte gleich ganz aus dem Bundestag verbannen. Es gäbe kein deutsches Parlament in dieser Form und an diesem Ort, hätte vor 80 Jahren die Rote Armee Barbarei und Krieg kein Ende gesetzt. Sie war daran maßgeblicher beteiligt als andere Armeen der Anti-Hitler-Koalition. Wird russischen und belarussischen Nachfahren – und seien es Diplomaten – am 8. Mai das gemeinsame Gedenken an die im Endkampf um Berlin wie auf den Schlachtfeldern im Osten Gefallenen verweigert, ist das beschämend. Geschichtsvergessenheit wird zum Gesichtsverlust. Das Auswärtige Amt unter einer abwählten Ministerin bringt es fertig, eine „Handreichung“ zu verbreiten, die Kommunen und Landkreisen nahelegt, gegenüber Russen und Belarussen vom „Hausrecht“ Gebrauch zu machen, sprich: sie hinauszuwerfen.
Man muss kein Freund Russlands sein und kann den Krieg in der Ukraine verurteilen, ohne Toten den nötigen Respekt zu verweigern. Bei den Kämpfen um Berlin fielen bis zum 2.Mai 1945 78.300 Sowjet - und 2.800 polnische Soldaten – den Sieg, das Überleben, die Heimkehr vor Augen.
Wie heute damit umgegangen wird, steht für eine Tradition, wie sie der Bundesrepublik von Anfang an zur identitätsstiftenden Verhaltensnorm wurde. Ihre Mehrheitsgesellschaft wie ihr politischer Überbau wollten die östliche Siegermacht nie als Befreier anerkennen. Darin spiegelten sich Erkenntnisverweigerung wie ein antisowjetischer Reflex, der nachhalf, Täter und Mittäter des NS-Regimes in den neuen (demokratischen) Staat hinüberzuretten. Personelle Kontinuität verhieß ideologische Stabilität. Der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano nannte das „die zweite deutsche Schuld“.
Warum das so war und blieb? Die Macht im Osten Europas verantwortete aus Sicht vieler Westdeutschen die Niederlage von 1945, sie stand für die permanente Erinnerung an unglaubliche Verbrechen, die in der Sowjetunion begangen wurden, an das Schicksal deutscher Kriegsgefangener und eine Besatzungszone in Deutschland, aus der ein zweiter deutscher Staat wurde. Gegenüber diesem Teil eigener Geschichte nicht in Gewissensnot zu geraten, wurde zur Gesellschaftsräson, die sich durch Westbindung und Kalten Krieg legitimiert fühlte. Das schloss den Irrglauben ein, für 27 Millionen tote Sowjetbürger nicht zuständig zu sein. Für Befreiung stand weniger der 8. Mai 1945 als die Befreiung von dieser Schuld. Es war keine Gewissens-, sondern eine Gesinnungsfrage, sich auf diesen Wegfall einer historischen Haftpflicht einzulassen. Es wurde damit viel vorgearbeitet, um „den Russen“ jetzt diesen Platzverweis zu erteilen. Der Ukraine-Krieg bedient denn Glauben an ein moralisches Hochamt, das die Verstrickung in dessen Vorgeschichte ausblendet.
An den Wänden des Berliner Reichstags waren jahrzehntelang Inschriften sowjetischer Soldaten vom Mai 1945 zu lesen. Eine lautete: „Deutschland, wir sind zu dir gekommen, damit du nicht mehr zu uns kommst.“ Sie hätte auch heißen können: „Deutschland, wir sind gekommen, damit unsere Völker nicht länger ausbluten.“ Als Russen noch im Bundestag reden durften, zitierte der Schriftsteller Daniel Grani, Überlebender der Blockade Leningrads (1941-1944), im Januar 2014 jenen Satz und fügte an: „Aussöhnung war für mich keine leichte Sache. Aber mir war klar, dass Hass in eine Sackgasse führt … Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber nichts vergessen darf.“
Mal sehen, wie viele Amtsträger am 8. Mai zeigen, wes Geistes Kind sie sind.
Von der Platzhalterin im Außenministerium darf man nicht zu viel erwarten.
Sie wäre damit total überfordert. Hass predigen fällt ihr leichter.
Aussöhnung ist keine leichte Sache: Das hat die deutsche Politik offenbar vergessen
von Lutz Herden, der Freitag 24.4.2025
Dann sollte man doch die Geschichte gleich ganz aus dem Bundestag verbannen. Es gäbe kein deutsches Parlament in dieser Form und an diesem Ort, hätte vor 80 Jahren die Rote Armee Barbarei und Krieg kein Ende gesetzt. Sie war daran maßgeblicher beteiligt als andere Armeen der Anti-Hitler-Koalition. Wird russischen und belarussischen Nachfahren – und seien es Diplomaten – am 8. Mai das gemeinsame Gedenken an die im Endkampf um Berlin wie auf den Schlachtfeldern im Osten Gefallenen verweigert, ist das beschämend. Geschichtsvergessenheit wird zum Gesichtsverlust. Das Auswärtige Amt unter einer abwählten Ministerin bringt es fertig, eine „Handreichung“ zu verbreiten, die Kommunen und Landkreisen nahelegt, gegenüber Russen und Belarussen vom „Hausrecht“ Gebrauch zu machen, sprich: sie hinauszuwerfen.
Man muss kein Freund Russlands sein und kann den Krieg in der Ukraine verurteilen, ohne Toten den nötigen Respekt zu verweigern. Bei den Kämpfen um Berlin fielen bis zum 2.Mai 1945 78.300 Sowjet - und 2.800 polnische Soldaten – den Sieg, das Überleben, die Heimkehr vor Augen.
Wie heute damit umgegangen wird, steht für eine Tradition, wie sie der Bundesrepublik von Anfang an zur identitätsstiftenden Verhaltensnorm wurde. Ihre Mehrheitsgesellschaft wie ihr politischer Überbau wollten die östliche Siegermacht nie als Befreier anerkennen. Darin spiegelten sich Erkenntnisverweigerung wie ein antisowjetischer Reflex, der nachhalf, Täter und Mittäter des NS-Regimes in den neuen (demokratischen) Staat hinüberzuretten. Personelle Kontinuität verhieß ideologische Stabilität. Der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano nannte das „die zweite deutsche Schuld“.
Warum das so war und blieb? Die Macht im Osten Europas verantwortete aus Sicht vieler Westdeutschen die Niederlage von 1945, sie stand für die permanente Erinnerung an unglaubliche Verbrechen, die in der Sowjetunion begangen wurden, an das Schicksal deutscher Kriegsgefangener und eine Besatzungszone in Deutschland, aus der ein zweiter deutscher Staat wurde. Gegenüber diesem Teil eigener Geschichte nicht in Gewissensnot zu geraten, wurde zur Gesellschaftsräson, die sich durch Westbindung und Kalten Krieg legitimiert fühlte. Das schloss den Irrglauben ein, für 27 Millionen tote Sowjetbürger nicht zuständig zu sein. Für Befreiung stand weniger der 8. Mai 1945 als die Befreiung von dieser Schuld. Es war keine Gewissens-, sondern eine Gesinnungsfrage, sich auf diesen Wegfall einer historischen Haftpflicht einzulassen. Es wurde damit viel vorgearbeitet, um „den Russen“ jetzt diesen Platzverweis zu erteilen. Der Ukraine-Krieg bedient denn Glauben an ein moralisches Hochamt, das die Verstrickung in dessen Vorgeschichte ausblendet.
An den Wänden des Berliner Reichstags waren jahrzehntelang Inschriften sowjetischer Soldaten vom Mai 1945 zu lesen. Eine lautete: „Deutschland, wir sind zu dir gekommen, damit du nicht mehr zu uns kommst.“ Sie hätte auch heißen können: „Deutschland, wir sind gekommen, damit unsere Völker nicht länger ausbluten.“ Als Russen noch im Bundestag reden durften, zitierte der Schriftsteller Daniel Grani, Überlebender der Blockade Leningrads (1941-1944), im Januar 2014 jenen Satz und fügte an: „Aussöhnung war für mich keine leichte Sache. Aber mir war klar, dass Hass in eine Sackgasse führt … Mir war klar, dass man vergeben können muss, aber nichts vergessen darf.“
Mal sehen, wie viele Amtsträger am 8. Mai zeigen, wes Geistes Kind sie sind.
Von der Platzhalterin im Außenministerium darf man nicht zu viel erwarten.
Sie wäre damit total überfordert. Hass predigen fällt ihr leichter.