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100 Milliarden für Aufrüstung?

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 12.06.2025, 22:51

"Zweifel hatte ich schon länger.
Inzwischen sind sie laut. Denn Zeitenwende hin, Aufrüstung her, die Pläne der Bundesregierung für immense militärische Investitionen überzeugen mich nicht.

Das hat folgenden Grund: Der jüngste Großangriff der Ukraine auf russische Flughäfen kostete nahezu nichts. Zum Einsatz kamen eine niedrige dreistellige Zahl handelsüblicher Drohnen, einige manipulierte Container, etwas Sprengstoff und ein paar Lastwagen – nicht einmal gekauft, sondern dem Anschein nach einfach gemietet. Die Materialkosten der Aktion lagen wahrscheinlich unter einer Million Euro. Selbst wenn es das Zehnfache gewesen wäre, es wäre immer noch ein Bruchteil der Kosten, die ein vergleichbarer Angriff mit teuren Raketen verursacht hätte.

Auch an der Front sind Veränderungen offensichtlich. Panzerbilder sieht man kaum noch. Soldaten steigen ungern ein. Der Panzer ist zu verwundbar. Auch von den gepriesenen deutschen Haubitzen hört man nicht mehr – sie sind teuer, wartungsintensiv, schwerfällig.

Stattdessen dominiert ein hochentwickelter Drohnenkrieg den Luftraum. Es ist eine Frage der Zeit, bis ferngesteuerte Technologien auch am Boden ähnlich effektiv werden. Auf dem Wasser ist das bereits Realität. Die russische Flotte ist weitgehend außer Gefecht gesetzt. Teure Schiffe wurden versenkt oder verstecken sich abseits des Geschehens, in Schach gehalten von Geräten, die vor diesem Krieg noch Spielzeuge waren.

Fischkutter genügen
Das führt zu der Frage: Was will Boris Pistorius mit seinem neuen Milliardenbudget eigentlich kaufen?
Für welchen Zweck will die Meyer Werft am liebsten Fregatten bauen?
Was wollen die Amerikaner mit ihren Flugzeugträgern anfangen, die Drohnen aus der Luft und dem Wasser zugleich Angriffsfläche bieten?
Drohnen können zudem von jedem Fischkutter aufsteigen.
Und was will Rheinmetall in seinen neuen Werken zusammenschweißen?


Vielleicht ist es also geboten, die Notwendigkeit von Panzern und Schlachtschiffen grundsätzlich zu hinterfragen. Drohnen lassen sich aus sicherer Entfernung steuern – und schon bald werden mit Künstlicher Intelligenz ganze Schwärme unterschiedlichster Drohnen koordiniert angreifen können.

Man mag sich die Folgen gar nicht ausmalen, auch durch nichtstaatliche Akteure, auch in ganz anderen Konflikten als dem Krieg in der Ukraine.
Dass Panzer & Co eine große Bedeutung behalten, möchte ich jedenfalls in Frage stellen. In einer widerstandsfähigen Infrastruktur, in IT-Fertigkeiten und in Drohnen und deren Abwehr wäre das Geld besser investiert – und noch besser in Vorhaben, die einer Eskalation vorbeugen.

Dabei sollte die Frage gestellt werden, ob der Einsatz von Drohnen ähnlich geächtet gehört wie der von chemischen und biologischen Waffen.
Drohnen erleichtern das anonyme Töten.

Sie haben die Hemmschwelle, auch verwundete oder sich offenkundig ergeben habende Soldaten zu töten augenscheinlich gesenkt.
Das Internet ist voll von verabscheuungswürdigen Videos, in denen Granaten auf wehrlose Menschen geworfen werden.

Drohnen sind anonyme Mordwerkzeuge, die einer wirksamen Rüstungskontrolle unterworfen gehören.

Wer von einer neuen Verantwortung Deutschlands in Europa und der Welt spricht, könnte sich auch Ziele der globalen Abrüstung statt der Aufrüstung setzen, zum Beispiel im Rahmen der UN-Generalversammlung.

Ich hielte das für eine würdige Initiative. Aber wer bin ich schon, der vom Rest der Replik aus auf die Dinge blickt und sich manchmal wundert.

Aus einer Kolumne von
Burkhard Ewert,
Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie Chefredakteur für Politik & Gesellschaft von NOZ Medien und Medienholding Nord.

erschienen am 12.06.2025 in der noz

Mit dieser Sichtweise kann ich mich anfreunden.


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