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Russland erleben, Teil2

Von Techniker2 20.05.2018, 08:37

Unsere Fahrt endete, wie kann es anders sein, am Roten Platz, es waren auch noch die Absperrgitter zu erkennen und man räumte gerade die ganzen Schmuckelemente weg, als ich merkte, dass es wegen meiner Gelenke dem Rundgang nicht mehr folgen konnte. So informierte ich meine Frau, sie solle mich auf dem Rückweg dort abholen und setzte mich auf eine Bank zu zwei Frauen und einem jungen Mann. Natürlich wollte ich meine doch etwas zweifelhaften Russischkenntnisse nicht einrosten lassen und begann ein Gespräch, erst mit dem jungen Mann, aber bald auch mit den beiden Frauen, die sich politisch sehr interessiert zeigten und absolute Putin-Fans waren. Der junge Mann entpuppte sich als Offiziersschüler, der am Vortag noch mit seinen Kameraden an der Parade teilgenommen hatte und sich als interessanter Gesprächspartner erwies. Ich musste manchmal nachfragen, aber insgesamt konnte ich mich doch ganz gut unterhalten. Dann holte meine Frau mich ab, wir stießen wieder zur Gruppe und heimwärts gings. Auf die Kreml-Besichtigung haben wir verzichtet, ich hatte eh Probleme beim Laufen und hatte den schon vor 25 Jahren mal gesehen.
Also blieben wir faul an Deck und sahen dem Treiben am Ufer zu. Das Bier (0,5 l drei Euro), was an Deck gereicht wurde, schmeckte übrigens nicht schlecht, insgesamt musste allerdings alles bezahlt werden, Flasche Wasser 1,5 l kostete an Bord ebenfalls 3 Euro, im Geschäft bekam ich die gleiche Flasche für 40 Rubel, wobei ich dort, weil als Ausländer erkennbar, vermutlich auch einen Aufpreis zahlen musste.
Nun pfeif drauf, man soll ja eh nicht so am Geld hängen, also nahmen wirs locker und genossen das herrliche Wetter. Es war richtig warm, manchmal schon zu sehr, weil meine Gattin nur wenig kurze Kleidung eingepackt hat. Wie mans auch macht, letztlich kommts doch anders. Das schöne Wetter hielt übrigens die ganze Zeit an, nur einmal hatten wir Regen und das war gerade bei der Stadtrundfahrt in St. Petersburg.
Dann ging es los, die Leinen wurden eingeholt und die Anton Tschechow machte sich auf den Weg nach Uglitsch, wo die Besichtigung mehrerer Kirchen auf dem Programm stand. Nun ja, ich bin nicht so der grosse Fan, allerdings gestaltete man in einer der Kirchen einen Gesangsvortrag, der wirklich beeindruckend war.
In Goritsy nutzten wir die Gelegenheit, uns bei den Händlern dort was leichteres zum Anziehen zu kaufen, dort befinden sich ebenfalls mehrere Sakralbauten, darunter ein Kloster, in welchem Iwan der Schreckliche seine Frau verbannte. Diese hatte sich gegen ihn verschworen und er ließ sie deshalb ins Kloster bringen. Da sie ihn ständig anflehte, ihr zu gestatten, zurück an den Hof zu kommen, liess er sie in der Scheksna, das ist der Fluss in der Nähe des Klosters, ertränken.
Kein unbedingt sympathischer Zug.
Weiter gings nach Kishi, eine Insel im Onega See. Ob wir dorthin konnten, entschied sich erst unmittelbar vorher, denn dort trieb noch eine Menge Eis auf dem Wasser.
In Kishi waren mehrere, man ahnt es, Kirchen zu besichtigen, alle aus Holz gefertigt, auch die Kuppeln in der bekannten Zwiebelform und ohne einen einzigen Nagel zu verwenden. Eine dieser Kirchen wurde gerade in Stand gesetzt, ein mächtiges Baugerüst, auch aus Holz, rahmte diese ein, allerdings (es war Montags) war kein einziger Arbeiter sichtbar. Vermutlich waren sie alle in ihren heimischen Tischlereien mit der Herstellung von Einzelteilen beschäftigt, grins.
Weiter ging die Fahrt nach Mandrogi, einer Insel am Fluss Swir, wo sich eine Künstlerkolonie befindet. Man kann den Leuten bei ihrer Arbeit zuschauen und, man ahnt es, auch gleich ihre Erzeugnisse erwerben. Da wir immer schon ein Herz für die Kunst hatten, haben wir auch einiges erworben.
Weiter gings den Swir abwärts und bald erreichten wir den Ladoga See. Man hat als Mitteleuropäer keine rechte Vorstellung von den gewaltigen Ausmassen dieses Landes. Man befährt diesen See und nirgendwo ist ein Ufer zu sehen. Aus dem Ladoga mündet die Newa, die uns dann nach Petersburg führte. Dort Stadtrundfahrt, übrigens der einzige Regentag, jedenfalls bis zum Mittag.
Lag es am Regen, oder war es wirklich so, gegen Moskau fällt Petersburg doch ziemlich ab. Natürlich auch wieder Kirchen, Kathedralen, Klöster, mir wurde das alles langsam zu viel.
Kein Wort zur Belagerung Leningrads, zur Rolle des Ladoga Sees, nichts. Vermutlich wollte man unsere empfindsamen Seelen nicht mit solche Grausamkeiten belasten.
Ich hab dann am Nachmittag auf eigene Faust einen Ausflug zur Peter- und Paul Festung unternommen, nicht ahnend, dass die Ausstellungen, die mich interessierten, alle Schliesstag hatten.
Was ich allerdings erlebte, war die absolute Zuwendung zum Fremden, der allein in der Stadt nach dem Weg fragt. Eine Oma brachte mich bis zur Metro, wo ich dann weiter kam, auf dem Rückweg wusste ich nicht, wo der Bus fährt- eine Gruppe Jugendlicher brachte mich bis zur Haltestelle, ich war schon sehr beeindruckt. Allerdings war auch sehr weit zu laufen, was sich am nächsten Tag als sehr schlecht herausstellte. Dann besuchten wir nämlich Zarskoje Selo, und dort das Katharinenpalais mit dem berühmten Bernsteinzimmer. Diese Pracht, diese Ausstattung, unglaublich, wenn man sich die Bilder anschaut, wie dieses Schloss nach dem Kriege aussah.
Für mich war es aber nicht möglich, weiter den Park zu besichtigen, ich schleppte mich mit Müh und Not und grossen Schmerzen zum Bus und war froh, mich wieder setzen zu können.
Das hielt bis zum nächsten Tag an, wir mussten von Pulkowo erst nach Moskau, weil nur von Moskau eine Direktverbindung nach Dresden geht. Es war wieder eine Suchoi, wir holten das Auto aus dem Parkhaus und konnten dann noch die Riesenfreude erleben, mit welcher unser Hund uns begrüßte. Rührend, diese Anhänglichkeit zu spüren.

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