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So habe ich Geschichte noch nicht gelesen.

Von ehemaliges Mitglied 20.05.2018, 18:24

"Wie Bodo Ossi wurde", das ist der hinweisgebende Untertitel der Erzählung "Werden und Sein."
Die einzelnen Artikel des Buches haben mich, wie an einer Perlenschnur, durch die Zeit der frühen Jahre des vorigen Jahrhunderts, über die Zeit der Naziherrschaft und ihrem Ende, bis in die Gegenwart geleitet. Da ich, und die Hauptfigur Bodo Klann, der gleichen Generation angehöre, sind Erinnerungen geweckt worden an Heldentum, Fliegeralarm, Luftschutzkeller, Angst vor den Russen, Kriegsende und die Zeit danach.
Berlin, eine Stadt mit zwei unterschiedlichen politischen Systemen und Währungen war einmalig in Deutschland und wohl auch in der Welt. Die bevorzugte Währung war "Westmark" und im Laufe der Zeit bewirkte das, quer durch die Familien und Freundschaften, das man Ost- oder Westberliner war. Doch das trennte nicht, sondern es entstand ein Miteinander gegenseitiger Vorteilsnahme, auch für Bodo und seinen Freund Jürgen die im Osten wohnten und im Westen, auch wegen der D-Mark, arbeiteten. Ich kann mich erinnern, dass diese sog. "Grenzgänger", keinen guten Ruf in der Bevölke-rung hatten. Neid auf der einen und Arbeitsplatzwegnahme auf der anderen Seite.
Mit dem Bau der Mauer begann für die Grenzgänger, sofern sie nicht nach Westberlin geflüchtet waren, nun wieder eine Zeit der Anpassung an sozialistische Lebens- und Arbeitsverhältnisse und dieser Weg wurde ihnen, verständlicher Weise, nicht einfach gemacht.
In der totalitären DDR gab zwei Wege für sich und seine Familie das Beste zu erreichen. Entweder man tat alles aus Überzeugung oder aus Opportunismus und ich weiß, wovon ich rede. Manchmal musste ich schmunzeln, wenn ich daran erinnert wurde, mit welchem Einfallsreichtum man sich an die Bedingungen einer Mangelwirtschaft angepasst hat. Rückblickend ist es schon erstaunlich, wie man die staatlichen Reglementierungen und die allgegenwärtige Bespitzelung durch die Stasi, besonders im privaten Lebensbereich, hingenommen und ertragen hat.
Die sich stetig weiter entwickelnden Unterschiede im Lebensstandard zwischen Ost- und Westberliner konnte man am Inhalt der Geschenkpakete aus dem Westen erkennen, wenn man wollte. Als Bodo das erste Mal nach fast 20 Jahren, den Westteil seiner Heimatstadt wiedersieht, erlebt er das als Kultur-schock. Mir ist es ebenso ergangen.
Nach der Wiedervereinigung ist die Euphorie bei Einführung der D-Mark riesengroß und wird später nur durch die hoffnungslose Enttäuschung beim Verlust des Arbeitsplatzes übertroffen. In den Jahrzehnten der Trennung haben sich naturgemäß unterschiedliche Sichtweisen auf allen Ebenen des täglichen Lebens herausgebildet. Im wiedervereinigten Berlin prallen diese Gegensätze im Denken und Handeln ungleich härter aufeinander, als in den anderen Teilen Deutschlands. Mit einer Ausnahme, denn nicht nur in West-Berlin, sondern in allen alten Bundesländern werden die Lebensbiografien ehemaliger DDR-Bürger in gleicher Weise abwertend angesehen. Nicht nur Bodo und viele andere, sondern auch ich fühlte mich herabgesetzt. Wir waren eben Ossi's, undankbare und jammernde.
Der letzte Teil ist geprägt durch Pflege und Tod innerhalb der Familie und hat mich nachdenklich gemacht, weil die Frage nach der Möglichkeit selbstbestimmten Sterbens aufgeworfen wird.
Mit dem 80sten Geburtstag von Bodo, endet die Erzählung.
Man merkt dem Buch vielleicht an, dass es nicht durch ein professionelles Lektorat gegangen ist, sondern im Self-Publishing hergestellt wurde. Die kleinen Mängel, sofern sie denn bemerkt werden, nehmen dem Buch nicht den Charme, durch seine unkomplizierte Sprache lesenswert und zugleich lehrreich zu sein. Dabei fehlt es auch nicht an Humor und Berliner Dialekt, was das Lesen kurzweilig macht.
Ich kann das Buch Lesern aller Altersgruppen empfehlen. Es lohnt sich!

Paperback
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-7407-3588-3
Verlag: TWENTYSIX

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