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Ransmayr 1

Von ehemaliges Mitglied Montag 06.02.2017, 21:01

Phantastischer Ransmayr

Die Zitate wurden dem Buch von Christoph Ransmayr, Die letzte Welt, Aufbau-Verlag, 1988, entnommen. Hinweise auf Ovid in Ovid, Metamorphoses / Verwandlungen, dtv 9180, zweisprachig

Laut gackert viel buntes Federvieh im Gehege des deutschen Buchmarkts und schlägt kräftig mit den Flügeln wenn es eines seiner dürftigen Eierchen gelegt hat. Zu den wenigen rühmenswerten Ausnahmen zählt meiner Meinung nach Christoph Ransmayr. Gleich nach den ersten Sätzen des Buchs begeistert mich die Sprache Ransmayrs.
„Ein Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näher kam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang. Ein Orkan, das war das Schreien und das Weinen im Dunkel unter Deck und der saure Gestank des Erbrochenen. Das war ein Hund, der in den Sturzseen toll wurde und einem Matronen die Sehnen zerriß. Über der Wunde schloß sich die Gischt. Ein Orkan, das war die Reise nach Tomi.“ (a.a.O. S. 7) Mit der Schilderung von diesem Chaos zu Beginn des Buchs lehnt sich Ransmayr eng an Ovid (a.a.O., S. 22 ff) an; auch dieser beginnt seine metamorphoses mit der Schilderung des Chaos, der sich in den Kosmos verwandelt.

Ransmayr lässt es schon in diesem Anfang seines Buchs offen, ob er die Reise des Publius Ovidius Naso (Naso wird Ovid von Ransmayr immer genannt) in die Verbannung nach Tomi am Schwarzen Meer („das Ende der Welt“ a.a.O. S. 72) gemäß den Metamorphosen nacherzählt (eine Erzählebene), die Reiseerlebnisse des Forschungsreisenden auf den Spuren Ovids (eine zweite Erzählebene) oder eine frühere Begebenheit phantasiert (die dritte Erzählebene des Buchs).

Gleich zu Beginn des Buchs, schon nach er Lektüre der ersten Seite schien es mir ratsam, zuerst Ovids Metamorphosen nochmals zu lesen, um die Welten, die Ovid und Ransmayr schildern, besser zu kennen. Die zumal er einen großen Teil der Personen in seinem Buch den metamorphoses entnimmt. Ein Rat, den ich den künftigen Lesern dringend empfehle.

Ransmayr schildert in seiner Sprache zahlreiche Episoden, die Ovid erzählt. So beispielsweise die Geschichte der Aleone (a.a.O. S. 27 ff.). Auch die Liebe zu Echo. Das sind keine Nacherzählungen sondern Steinbruch, Basismaterial, aus dem Ransmayr mit seiner unbändigen Phantasie seinen Roman entwickelt. Und immer wieder beeindruckt mich die hohe Sprachkunst. „In diesem Gebirge verhallte die Welt, und Cotta erinnerte sich an sie. Wie die Luftblasen aus der Wassertiefe nach oben torkeln uns steigen, so stiegen aus seinem Inneren Bilder auf, aus der Vergessenheit, und wurden, endlich oben, wieder zu nichts; Bilder, die im Torkeln und Aufsteigen eine Schärfe annahmen, als habe er erst in der Kälte dieses Gebirges der Ruinen von Trachila und der Gegenwart eines verrückten Alten bedurft, um sich an sie zu erinnern. Was Cotta dem Knecht noch vor Stunden erzählt und redend beschworen hatte, wurde nun auch ohne ein Wort und lautlos Geschichte.“ (a.a.O. S. 41) Derart werden durch die Sprache zwanglos die verschiedenen Erzählebenen miteinander verbunden und ineinander verschränkt.

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