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Das Amulett

Von ehemaliges Mitglied Freitag 01.05.2020, 15:54 – geändert Freitag 01.05.2020, 16:49

Die plötzliche Stille im Kreißsaal war unerträglich. Ich starrte auf die ernsten Gesichter um mich und spürte, dass etwas mit dem Baby nicht stimmte. Schaute fragend meinen Mann an. Paul senkte seinen Blick. In seinen Augen sah ich Verachtung und Wut. Meinen fragenden Blicken wich er aus, dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Seltsam, aber ich hörte das Kind nicht schreien, wie üblich. Das machte mir ein wenig Sorgen. Ich war selbst zu erschöpft und wahrscheinlich stand ich noch unter dem Schock, um die ganze Situation zu begreifen.

Die Hebamme kümmerte sich wortlos um meinen Erstgeborenen. Wog und wusch das kleine Etwas langsam, mit Bedacht, wie in einer Zeitlupe. Wickelte in eine weiche Babydecke und legte mir auf die Brust.

Mein Baby, mein Sohn Anton. Stolz drückte ich den Kleinen an mich fest und wickelte es ab.
Erst dann begriff ich. Das kann nicht sein. Ist das wirklich mein Baby? Tausend Gedanken schwirrten in meinem Kopf. Warum, wie ist das möglich?
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Wir waren schon lange ein Paar und seit drei Jahren verheiratet. Beide wollten wir eine Familie mit Kindern. Ich war ein Einzelkind. Paul hatte noch einen älteren Bruder und eine drei Jahre jüngere Schwester. Sein Bruder führte ein Familienunternehmen, sogar sehr erfolgreich. An eine Familie dachte er nicht. Seine immer wechselnde Beziehungen machten meinen Schwiegereltern Sorgen. Sie haben sich aus dem Unternehmen zurückgezogen und sehnten sich nach Enkelkindern. Seine Schwester war nach einem Reitunfall und vielen Operationen auf den Rollstuhl angewiesen. Eine liebenswürdige junge Frau. Wir alle verstanden uns gut, aber mit Lilo habe ich bis heute eine besondere Verbindung.

Meine Mutter war schon lange pensioniert. Vaters plötzlicher Tod hat sie aus dem Leben herauskatapultiert. Sie hatten noch so viele Pläne. Seitdem hat sich bei uns alles geändert. Mutters depressive Phasen haben unseres Leben bestimmt. Ich litt sehr darunter und Paul war derjenige, der mich damals aufgefangen und auf die richtige Spur gebracht hat.
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Und nun, nach drei Jahren Bemühungen war ich endlich schwanger. Seit Monaten drehte sich alles nur um das Kind. So viele Hoffnungen, so viele Freude...

Die Hebamme kam zurück und teilte mir mit, dass Pauls Familie die Klinik verlassen hat. Meine Mutter möchte mich und das Baby sehen.

So habe ich meine Ma schon lange nicht erlebt. Sie wirkte sehr besorgt. Machte mir aber keine Vorwürfe. Ich spürte, dass sie die einzige Person war, die mir geglaubt hat, dass ich meinen Mann nicht betrogen habe. Wir haben lange gesprochen. Sie hat mich psychisch aufgebaut. Liebevoll streichelte sie und wiegte ihren ersten Enkel. Sie tröstete mich, dass alles wieder gut wird, dass eine Hautfarbe nicht relevant sein kann, ob man geliebt wird oder nicht.
Ihre Depression war wie verflogen. Ich habe wieder in ihr eine starke Frau erkannt, wie früher, noch vor Papas Herzinfarkt.

Am nächsten Morgen hat sich Paul mit der Familie angekündigt. Ich wollte sie alle nicht sehen. Wieder die vorwurfvolle Blicke begegnen, vielleicht auch unerwünschte Worte hören? Ich hatte das Gefühl, mich erklären zu müssen.
Was soll ich denn noch tun? Ich war selbst ganz durcheinander. Auf diese Konfrontation wollte ich mich nicht einlassen. Ich hätte mir gewünscht, zuerst nur mit dem Paul zu sprechen.
In meiner Verzweiflung bat ich meine Mutter mir beizustehen.

Die Schwiegereltern mit Paul waren schon eine Weile da, als meine Mutter das Zimmer betrat. Es herrschte eisiges Schweigen. Alle starrten auf die Babywiege. Das hat sie nicht gestört. Sie begrüßte alle Anwesenden, aber den kleinen Anton besonders herzlich. Wieder streichelte sie das kleine Gesicht, spielte mit den winzigen Fingerchen. Man sah, wie glücklich sie war.

Mir kam die ganze Situation grotesk vor. Eine Oma spielt verrückt, die anderen Großeltern beobachteten sie verwundert und mein Ehemann und Vater des Kindes kehrt allen den Rücken zu und schaut desinteressiert durch Fenster.

Ich dachte intensiv nach, wie ich die alle los werden kann. Bevor ich mein Baby stille, wollte ich mich zuerst beruhigen. So aufgewühlt kann ich nicht den Kleinen im Arm halten.

Dann verkündete meine Mutter ganz feierlich, sie schuldet uns eine Erklärung.

Und sie begann ...

Ich habe deinen Vater geheiratet, obwohl ich wusste, dass er keine Kinder zeugen kann. Ich war damals total verliebt und es war mir auch so recht. Mit Jahren habe ich erkannt, dass ich mich geirrt habe. Ich sehnte mich nach den eigenen Kindern. Ich denke, dein Vater spürte, was in mich vorging.
Wir haben nicht geschafft darüber zu reden, weil ich ein Angebot bekam eine internationale Expedition nach Peru, Bolivien und Brasilien zu begleiten. Wir sollten über 6 Monate bei Amazonas Indianer verbringen. Meine Aufgabe war, als Botanikerin, die Pflanzen zu erkunden und auch ihre Wirkung. In einem Dschungeldorf, wo wir unsere Forschungsstation aufgebaut haben, freundete ich mich mit einem jungen Schamanen an. Sein Wissen, Lebenseinstellung faszinierte mich. Ich habe mich in ihn verliebt. Bevor ich nach Deutschland flog, war ich 6 Wochen schwanger. Zum Abschied gab mir dein leibliche Vater diesen Silberamulett. Das sollte dir Glück bringen und dich beschützen. Das habe ich sorgfältig für dich aufbewahrt. Das ist ein traditioneller Schmuck der Aymara Indianer.

Ich muss dir nicht klar machen, wie glücklich der Georg, dein Vater, war. Das hast du die alle Jahre gespürt. Du warst Papas Kind.
Deine Abstammung, die Genen haben die Verwirrung verursacht. Jetzt ist die Zeit, dass du die ganze Wahrheit erfährst.

Endlich hat auch mein Mann reagiert und bat alle uns die Möglichkeit zu geben unter vier Augen zu sprechen. Er ist bis spät abends in der Klinik geblieben.

Paul kümmert sich liebevoll um seinen Sohn. Unseres Zusammenleben ist eigentlich sehr harmonisch, eigentlich. Ein kleiner Riss ist bei mir doch spürbar. Auch nach 5 Jahren. Er hat mir damals nicht vertraut und das hat wehgetan.
Jetzt planen wir eine Reise nach Südamerika. Anton sollte seinen Großvater kennenlernen, bevor er schulpflichtig wird. Das habe ich meiner Mutter versprochen. Sie kann uns nicht begleiten. Vor zwei Jahren hat sie uns verlassen. Für ihren Enkel hat sie ihre unglaubliche Geschichte aufgeschrieben, für später und sich für die drei wundervolle Jahre mit ihm bedankt.
Wir haben schon Kontakt aufgenommen. Seit 2 Jahren besuchen wir eine Fremdsprachenschule und lernen Spanisch. Eine wunderbare Sprache.
Anton musiziert mit Begeisterung auf seiner Kinderpanflöte, wie sein Opa und trägt stolz das Amulett.
Karola

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