BISSIGER KOMMENTAR VON SPIEGEL-AUTOR
Vernichtende Kritik
an Impf-Trödelei
„Wie konnte man bitteschön bei diesem Thema sparen?“
Der Biontech-Impfstoff in der EU ist knapp – doch Anlass zu Selbstkritik sieht man offenbar weiterhin weder in Brüssel noch in Berlin
Der Biontech-Impfstoff in der EU ist knapp – doch Anlass zu Selbstkritik sieht man offenbar weiterhin weder in Brüssel noch in Berlin
Die Trödelei in der deutschen Impf-Kampagne sorgt weiter für Empörung: Zu wenig Impfstoff verfügbar, zu langsam die Verteilung – im Kontrast etwa zu Großbritannien, das bis Ostern alle über 50-jährigen geimpft haben will.
Im Bundestag verteidigte Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) am Mittwoch die Beschaffungs- und Impf-Strategie der Bundesregierung. Von Selbstkritik keine Spur.
Markus Feldenkirchen (45), Buchautor, Redakteur beim „Spiegel“ und gefragter Gast in TV-Talkshows, ist darüber empört. In einem Kommentar bei „radioeins“ rechnet er mit der Impfstoffbeschaffung von EU und Bundesregierung ab. Anlass der Kritik: Der Gesundheitsminister und seine Regierungserklärung!
„Jens Spahn hat sich da gegen allerhand Vorwürfe verteidigt, die nie ernsthaft erhoben wurden“, beginnt Feldenkirchen. Vertreter von Bundesregierung und EU wollten demnach einen „Impfnationalismus“ verhindern, damit kein EU-Land bei der Beschaffung leer ausginge.
„Aber nur, weil man keinen Impfnationalismus betrieben hat, bedeutet das nicht, dass man es gut hinbekommen hat, dass die EU es mit der Bestellung richtig gemacht hat. Nein, sie hat das sogar ziemlich mies gemacht.“
Dass die EU inzwischen genügend Impfstoff für alle Bürger bestellt hat, ist Feldenkirchen nicht genug: „Ja hat sie, wenn einem egal ist, ob die bestellten Impfstoffe qualitativ gut sind, ob sie überhaupt zugelassen werden, und wenn ja, wann sie verimpft werden können. Ein Impfstoff, der in einem Jahr vielleicht mal zugelassen wird – wie der französische Sanofi Impfstoff – den braucht in Wahrheit kein Mensch.“
Impfstoffbeschaffung „zaghaft und knausrig“
Stattdessen hätte „mutiger, ambitionierter und weniger geizig“ bestellt werden sollen.
„Es macht nämlich einen Riesen-Unterschied, ob wir im ersten Quartal fünf Millionen Bürger impfen können, oder, sagen wir, 15 oder 20 Millionen. Dann würden beträchtlich weniger Menschen sterben, Lockdowns müssten weniger lange dauern, deren schlimme wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen würden weniger dramatisch ausfallen“, kommentierte Feldenkirchen.
Als Beispiel dafür, wie man es hätte besser machen können, nennt er die USA. Für 12 Mrd. Dollar habe man dort Impfstoff bestellt, und zwar bei allen Anbietern, und viel früher. „Dass sie ihre Millionen Dosen nur schleppend verimpft bekommen ist ein anderes Problem. Aber: Die Dosen sind wenigstens da, und zwar schon jetzt, nicht erst im Sommer.“
Der Vergleich mit der EU wirke dagegen geradezu beschämend.
„Dass bei der Impfstoffbeschaffung so zaghaft und knausrig vorgegangen wurde war ein schwerer, folgenreicher Fehler. Und ich meine tatsächlich knausrig. 2 oder 2,7 Mrd. standen für die EU für die Verhandlung mit den Herstellern zur Verfügung.“
Unverständnis beim Spiegel-Redakteur: „Wie konnte man bitteschön bei diesem Thema sparen, wo jede Woche früher einen riesigen Unterschied macht?“
„Wer diesen Unterschied weglässt, will täuschen“
Am meisten störte sich Feldenkirchen über Spahns Behaptung, dass nicht die Bestellpolitik der Regierung für den Impfstoff-Mangel verantwortlich sei, sondern die knappen Produktionskapazitäten.
„Das ist aber ehrlich gesagt dreist. Denn die Bestellpolitik hängt natürlich mit den Produktionskapazitäten zusammen. Welcher Hersteller baut denn bitteschön die Produktion für Europa auf oder aus, wenn er keinerlei Garantien und Aufträge von der EU in der Hand hat?“, wettert Feldenkirchen.
„Natürlich hätten z.B. Biontech oder Moderna, die Hersteller der bislang besten und einzigen schon zugelassenen Impfstoffe, die Produktion rechtzeitig ausgebaut, wenn sie von der EU schon im Sommer einen verbindlichen Auftrag bekommen hätte. “
Die USA hätten bereits im Juli verbindlich Impfstoff von Biontech/Pfizer bestellt, die EU dagegen erst Mitte November, als die Ergebnisse der Studien auf dem Tisch lagen. „Wer diesen Unterschied weglässt, will nicht informieren, sondern täuschen.“
Das Fazit Feldenkirchens ist vernichtend: „Die Fahrlässigkeit und Trägheit beim Bestellen wird nun durch besonderes Engagement und Kreativität beim Schönreden kompensiert. Für mich ist das eine äußerst unglückliche Mischung.“
wer das nicht verträgt - bitte was anderes lesen
BISSIGER KOMMENTAR VON SPIEGEL-AUTOR
Vernichtende Kritik
an Impf-Trödelei
„Wie konnte man bitteschön bei diesem Thema sparen?“
Der Biontech-Impfstoff in der EU ist knapp – doch Anlass zu Selbstkritik sieht man offenbar weiterhin weder in Brüssel noch in Berlin
Der Biontech-Impfstoff in der EU ist knapp – doch Anlass zu Selbstkritik sieht man offenbar weiterhin weder in Brüssel noch in Berlin
Die Trödelei in der deutschen Impf-Kampagne sorgt weiter für Empörung: Zu wenig Impfstoff verfügbar, zu langsam die Verteilung – im Kontrast etwa zu Großbritannien, das bis Ostern alle über 50-jährigen geimpft haben will.
Im Bundestag verteidigte Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) am Mittwoch die Beschaffungs- und Impf-Strategie der Bundesregierung. Von Selbstkritik keine Spur.
Markus Feldenkirchen (45), Buchautor, Redakteur beim „Spiegel“ und gefragter Gast in TV-Talkshows, ist darüber empört. In einem Kommentar bei „radioeins“ rechnet er mit der Impfstoffbeschaffung von EU und Bundesregierung ab. Anlass der Kritik: Der Gesundheitsminister und seine Regierungserklärung!
„Jens Spahn hat sich da gegen allerhand Vorwürfe verteidigt, die nie ernsthaft erhoben wurden“, beginnt Feldenkirchen. Vertreter von Bundesregierung und EU wollten demnach einen „Impfnationalismus“ verhindern, damit kein EU-Land bei der Beschaffung leer ausginge.
„Aber nur, weil man keinen Impfnationalismus betrieben hat, bedeutet das nicht, dass man es gut hinbekommen hat, dass die EU es mit der Bestellung richtig gemacht hat. Nein, sie hat das sogar ziemlich mies gemacht.“
Dass die EU inzwischen genügend Impfstoff für alle Bürger bestellt hat, ist Feldenkirchen nicht genug: „Ja hat sie, wenn einem egal ist, ob die bestellten Impfstoffe qualitativ gut sind, ob sie überhaupt zugelassen werden, und wenn ja, wann sie verimpft werden können. Ein Impfstoff, der in einem Jahr vielleicht mal zugelassen wird – wie der französische Sanofi Impfstoff – den braucht in Wahrheit kein Mensch.“
Impfstoffbeschaffung „zaghaft und knausrig“
Stattdessen hätte „mutiger, ambitionierter und weniger geizig“ bestellt werden sollen.
„Es macht nämlich einen Riesen-Unterschied, ob wir im ersten Quartal fünf Millionen Bürger impfen können, oder, sagen wir, 15 oder 20 Millionen. Dann würden beträchtlich weniger Menschen sterben, Lockdowns müssten weniger lange dauern, deren schlimme wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen würden weniger dramatisch ausfallen“, kommentierte Feldenkirchen.
Als Beispiel dafür, wie man es hätte besser machen können, nennt er die USA. Für 12 Mrd. Dollar habe man dort Impfstoff bestellt, und zwar bei allen Anbietern, und viel früher. „Dass sie ihre Millionen Dosen nur schleppend verimpft bekommen ist ein anderes Problem. Aber: Die Dosen sind wenigstens da, und zwar schon jetzt, nicht erst im Sommer.“
Der Vergleich mit der EU wirke dagegen geradezu beschämend.
„Dass bei der Impfstoffbeschaffung so zaghaft und knausrig vorgegangen wurde war ein schwerer, folgenreicher Fehler. Und ich meine tatsächlich knausrig. 2 oder 2,7 Mrd. standen für die EU für die Verhandlung mit den Herstellern zur Verfügung.“
Unverständnis beim Spiegel-Redakteur: „Wie konnte man bitteschön bei diesem Thema sparen, wo jede Woche früher einen riesigen Unterschied macht?“
„Wer diesen Unterschied weglässt, will täuschen“
Am meisten störte sich Feldenkirchen über Spahns Behaptung, dass nicht die Bestellpolitik der Regierung für den Impfstoff-Mangel verantwortlich sei, sondern die knappen Produktionskapazitäten.
„Das ist aber ehrlich gesagt dreist. Denn die Bestellpolitik hängt natürlich mit den Produktionskapazitäten zusammen. Welcher Hersteller baut denn bitteschön die Produktion für Europa auf oder aus, wenn er keinerlei Garantien und Aufträge von der EU in der Hand hat?“, wettert Feldenkirchen.
„Natürlich hätten z.B. Biontech oder Moderna, die Hersteller der bislang besten und einzigen schon zugelassenen Impfstoffe, die Produktion rechtzeitig ausgebaut, wenn sie von der EU schon im Sommer einen verbindlichen Auftrag bekommen hätte. “
Die USA hätten bereits im Juli verbindlich Impfstoff von Biontech/Pfizer bestellt, die EU dagegen erst Mitte November, als die Ergebnisse der Studien auf dem Tisch lagen. „Wer diesen Unterschied weglässt, will nicht informieren, sondern täuschen.“
Das Fazit Feldenkirchens ist vernichtend: „Die Fahrlässigkeit und Trägheit beim Bestellen wird nun durch besonderes Engagement und Kreativität beim Schönreden kompensiert. Für mich ist das eine äußerst unglückliche Mischung.“