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Neo, ein Neufundländer

Von speedygonzalez Samstag 05.08.2023, 14:29

Manche Dinge entwickeln sich langsam, werden dann aber immer besser. Die Idee kam mir bei einem Besuch in Landberg, am Lech und den Wehrstufen dort:
"Es war an einem dieser schönen sonnigen Nachmittage am Wochenende im April, der die Menschen hinaus lockte. Ein paar Tage war es schon warm ge-wesen und so konnte man davon ausgehen, dass in den Bergen droben die Schneeschmelze richtig heftig eingesetzt hatte. Somit würde es am Wehr wie-der einiges zu sehen geben. Engelbert gedachte, sich das jetzt nach dem Mittagessen auch anzusehen. Er zog seinen leichten Mantel drüber und ging die paar Schritte um die Ecke zum Wehr.
Eigentlich waren es zwei Staustufen mit circa dreißig Metern Abstand von ein-ander. Beide an die fünf Meter hoch und dazwischen nur das Tosbecken, jede Menge Treibholz wirbelte bei dieser Wasserflut darin herum.
Es waren schon einige Leute da und es würden noch mehr werden im Laufe des Nachmittages. Engelbert lehnte an der schmalen Mauer Brüstung und sah dem Treiben zu. Bis er durch Bewegung neben sich abgelenkt wurde.
Heran trat eine junge Dame, brünett, auf den ersten Blick wohlgeformt, nein sehr wohlgeformt, was ihm als Physiotherapeut nicht so leicht entging. Die kurzen lockigen Haare flogen um ihren Kopf, so sah es aus. Ihre Kleidung, schien für das heutige Wetter vielleicht etwas dünn zu sein. Sie trug einen sei-denweichen hellgrauen Body mit eingearbeiteten Drahtbügeln als Hebe und recht harten Spitzen, die sich echt vordrängten, eben doch noch nicht warm genug, als wollten sie auch etwas sehen. Dazu einen langen Rock, der schlicht durch Gummizug gehalten wurde. In der Hand eine massive Hundeleine. Engelbert sah an ihr hinunter und dann erkannte er, warum dieses Lederband so fest sein mußte - einen Neufundländer, schwarz und riesig. Der legte sich mit einem tiefen Grunzen neben ihr nieder. Engelbert hob seine Augen wieder zu dieser weiblichen Augenweide. Zu verlockend, diese zwei harten Spitzen, sie taten seinen Gefühlen sehr wohl.
Was dann geschah, ging so schnell, dass alle sich erst im Nachhinein erklären konnten, wie es abgelaufen war.

Vom oberen Wehr ertönte ein spitzer Schrei, eine junge Mutter schrie entsetzt aus Leibeskräften, Engelbert sah einen kleinen Jungen von der Brüstung in das schießende Wasser fallen. Er wurde sofort über die Kante gespült, sein grünes Jäckchen wirkte so deplatziert dort und alle Zuschauer, teils erstarrt vor Entset-zen, aber gemeinsam in ihrem Schreckensschrei, sahen ihn untergehen. Der Junge tauchte kurz wieder auf, wurde aber in dem Tosbecken unterhalb des Wehres gleich wieder unter Wasser gezogen.
Die Dame neben ihm riss sich den Rock herunter, schrie: „NEO HOOPP!“, und sprang in das strudelnde Wasser. Der Hund, so faul er auch ausgesehen hatte, kaum hörte er ihre Stimme, war er hoch, mit einem Satz auf der Mauer und hinterher. Beide tauchten auf, das Kind auch. „DA!“, schrie sie, zeigte hin und der Hund paddelte los.
Das kann nicht gut gehen, blitzte es Engelbert durch den Kopf. Das Wasser, erst recht dieses Schmelzwasser, ist zu kalt, das halten die nicht durch. Fast von alleine flog sein Mantel weg und er schwang sich über die Mauer, wo, wie er vorher gesehen hatte, breite Krampen als Steigeisen in die Wand einge-mauert waren. Er flog mehr hinunter, als er stieg. Sie sah ihn, drehte sich aber wieder nach dem Hund um, der nach dem Kind getaucht war. Hilflos sah das alles aus.
„Holt die Feuerwehr!“, brüllte er hinauf, doch das Volk war derart gebannt, dass sich niemand rührte. Die entsetzt schreiende Mutter war inzwischen auch oben angekommen. Engelbert sah sich wieder um, als oben das Volk rief. Der Hund hatte das Kind an einem Arm im Maul und kam näher. Die Frau hatte selber zu kämpfen, Engelbert sah, wie ihre Bewegungen langsamer wurden.
„Holt die Feuerwehr, verdammt noch mal!“, brüllte er entsetzt und wütend wie-der hinauf. Jetzt endlich löste sich jemand und nahm sein Handy. Die Frau kam näher. Engelbert hakte ein Bein in die Sprossen der Eisenleiter und lehnte sich weit hinaus, soweit, wie es ging. Mein Gott, lass sie durchhalten!
„Neo!“, brüllte er und der Hund kam näher, die Frau auch. Engelbert lehnte sich noch weiter hinaus, seine Kniekehle, seine Wade schrie vor Schmerz. Ein auf-und abtanzendes Stück Baumstamm, schlug ihr an den Kopf.
„KOMM!“, schrie er und winkte ihr zu. Da half ein Schwall Wasser aus der Un-terströmung und schwemmte sie heran. Er knirschte mit den Zähnen, sein Bein schrie, aber er bekam sie an den Haaren und zog sie näher. Fast hätte er ge-schluchzt vor Freude. Sie griff nach seiner Hand in ihren Haaren und er zog sie noch näher. Dann konnte er sie umfassen, durchsichtig der Body, hart die Spitzen, nahm er im Unterbewußten wahr. Doch sie drehte sich um und rief nach dem Hund. Der hatte auch seine Mühe, das Wasser tobte um beide her-um und er wurde immer wieder abgetrieben.
„Neo!“, schrie sie verzweifelt, der Hund kam – er schaffte es. Von der Mauer-krone hörte er erleichtertes Jubelgeschrei. Doch noch waren sie alle im Was-ser. Engelbert hatte die zitternde Frau noch im Arm, sein Bein schrie vor Schmerz, sie lehnte sich weit hinaus und bekam das Kind zu fassen. Sie zog es zu sich heran und gab es an ihn weiter. Da kam - endlich - Hilfe von oben. Ein weiterer Mann war über die Mauer geklettert und die Leiter herabgekom-men, eine hilfreiche Hand reichte zu ihm herunter.
„Gib mir das Kind!“ Engelbert sah nur kurz hin und gab ihm den stillen Jungen. Dann drehte er sich wieder und fasste nach der zitternden Frau. Doch die hielt den Neufundländer am Halsband fest. Beides zusammen enorm schwer.
„Warte.“, schrie er ihr zu, löste sein Bein aus der Leiter und kam noch einen Tritt tiefer.
„Zieh!“, sie bibberte am ganzen Körper, die Hände flogen, doch sie zog am Halsband der Hund kam näher. Engelbert erreichte das Halsband und beide zogen den Hund, ein verdammt schweres Biest, so voller Wasser, zu sich heran. Der Mann über ihn hatte das Kind schon nach oben abgegeben und wartete.
„Fass ihn unter!“, rief Engelbert, sie folgte und bekam den Hund unter den Vorderbeinen zu fassen.
„Hoou“, und er kam höher. Wenn er doch stillhalten würde statt sich zu schüt-teln! Wasserkaskaden schossen aus seinem Fell. Engelbert war genauso nass, wie sie. Ihr Griff an seinem Bein, wo sie sich festhielt wurde flacher. Verzweifelt sah Engelbert zu dem Manne hinauf. Da hatte der aber auch schon sein Bein eingehakt und kam mit beiden Händen herab und fasste nach dem Hund. Welch ein Gewicht! Dann entschwand das schwarze Ungeheuer nach oben, Kaskaden von Wasser trieften herab. Mit klappernden Zähnen fasste Engelbert wieder hinunter. Keinen Moment zu spät, wie er am Geschrei von oben hören konnte, sie wäre ihm fast noch entglitten. Er packte sie wieder am Arm und zog sie höher.
„Komm, wir schaffen es, komm.“ Er zog sie höher und sie legte ihm völlig entkräftet die Arme um den Hals. Jubel von oben.
„Festhalten – nur festhalten.“ Stufe um Stufe kam er vorwärts, als sie nachließ und fast wäre sie ihm, nass, wie sie war, noch einmal entglitten. Er fasste nach und bekam sie wieder zufassen. Sie hatte sich dabei gedreht. Impulsiv griff er nach ihr und er hatte sie, von hinten um die Brust, eine auch noch in der Hand, doch das interessierte nicht. Mühsam kletterte er Sprosse um Sprosse weiter höher. Die Arme und Beine zitterten ihm, als er an der Krone oben ankam.
„Meinen Mantel!“ Der wurde ihm gereicht, nein, eine helfende Hand legte ihn um die Frau, die ganz still in seinem Arm hing. Er setzte sich auf die Krone.
„Komm, wir haben es.“ Jubelnder Applaus ertönte rundum. Er nahm seinen Arm um den Mantel herum und versuchte über die Krone zu kommen. Schwierig aber es ging und er hob sie sanft herüber.

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