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Lust ohne Ende, Von Susanne Billig und Petra Geist

Von Feierabend-Mitglied 09.08.2020, 19:34

Auszug aus Deutschlandfunk Kultur
Deutschlandfunk Kultur spiegelt wichtige Kulturdebatten und Alltagsthemen mit Qualitätsjournalismus, vielfältigen Perspektiven und künstlerischer Exzellenz.www.deutschlandfunkkultur.de


Alte Menschen haben keine Lust auf Sex – ein längst überholtes Vorurteil: Studien haben ergeben, dass nicht wenige Senioren sexuell sogar aktiver sind als die junge Generation. Die Pflege reagiert mit neuen, sexpositiven Konzepten.

Sexualität mit sechzig, siebzig, achtzig Jahren plus ist zunächst einfach das: Sexualität – in all ihrer Vielschichtigkeit. Dazu gehört die Dimension der Lust: Es wollen, sich danach sehnen, intim und erregt sein, die aufregende Nähe und Konzentration des anderen Menschen spüren, sich von der Welle zum Orgasmus tragen lassen.

Dazu gehört die Dimension der Fortpflanzung, denn die Genitalien und ihre Erregungsfähigkeit sind nun einmal das Rohmaterial, aus dem die Evolution den Sex hervorgebracht hat, auch wenn es in den meisten Fällen, auch bei Zwanzig- und Dreißigjährigen, nicht auf Nachwuchs hinausläuft, wenn Menschen zu- und ineinander drängen.

Und schließlich gehört die Beziehungsdimension zum Sex: Du und ich, wir beide, eng und nah, umarmt, gewollt, geliebt, erkannt.

Knieprobleme? Stellungswechsel!
„Es ist schon Jahre her, dass wir das letzte Mal Sex hatten“, erzählt Anna, 88 Jahre alt. „Ich war wohl um die 70. Es war irgendein Familienfest, wir tranken eine Menge Rotwein. Wir schliefen damals schon seit langem in getrennten Schlafzimmern und nachdem alle Gäste abgereist waren, hatten wir innigen Sex. Ich hatte zu der Zeit ja schon diese Knieprobleme, ich glaube, darum lag ich auf dem Rücken, nicht auf den Knien, Po in die Luft, so wie ich es früher gerne hatte. Hinterher sagte ich: ‚Jetzt hast du mit einer zahnlosen alten Frau geschlafen!‘ Und er antwortete: ‚Und du mit einem blasenkranken alten Mann.‘

Claudia Gehrke hat Anna für das Buch „Lange Lieben“ interviewt. Auch Karl-Heinz, 78 Jahre alt, berichtet darin von sich:

„Meine Frau und ich, wir haben viele andere Lieben miteinander geteilt. Wir haben uns immer detailliert davon erzählt und wir haben auch die ganze Zeit über miteinander geschlafen. Dass es gewöhnlich wurde, dass sich ‚Liebe‘ oder das liebevolle erotische Begehren verabschiedet hat – das passierte zwischen meiner Frau und mir nie!“

Eine Haut, die sich nach viel gelebtem Leben anfühlt
Verlegerin und Publizistin Claudia Gehrke ist eine Pionierin des tabufreien Sprechens über Sex in Deutschland – auch und gerade wenn es um ältere Menschen als sexuelle Wesen geht.

In „Lange Lieben“ protokolliert sie die Wandlungen der körperlichen Liebe in langen Beziehungen, handfeste Praktiken und den Reiz einer Haut, die sich nach viel gelebtem Leben anfühlt: „Die Masse der Bilder suggeriert, dass glatte, straffe Haut das Wichtigste an der Erotik sei. Und uns war es von Anfang an wichtig, alle Altersgruppen sowohl in der Bilderwelt wie auch in Texten vorzustellen, so dass eine multisexuelle Vielfalt sichtbar wird.“

Für Lust und Liebe gibt es keine Altersgrenze, doch das zuzugeben, fällt Menschen jenseits der 70 oft nicht leicht – auch weil sie im Umgang mit Sex erlebt haben: In den 1950er-Jahren, je nach Region weit bis in die 1970er-Jahre galt er als sündig und schmutzig. Aufklärung und Verhütungsmittel fehlten. Das änderte sich mit der „Flower Power“-Bewegung, der Pille und der sexuellen Revolution langsam und grundlegend.

Manchmal muss man sich animieren
Dennoch haben nicht alle älteren Paare Freude am Sex über Jahrzehnte hinweg. Viele ziehen irgendwann in getrennte Schlafzimmer, hat Claudia Gehrke in den Interviews für ihr Buch erfahren. Andere wollen das nicht.

„Ich hatte sehr viele, für die das sehr wichtig ist, diese körperliche Nähe, die sie brauchen, um sich aufgehoben zu fühlen. Und da gibt es eben auch immer mal noch Sex, manchmal muss das dann auch sein, für sich selber sagen: ‚Es wäre wieder ganz schön, ich muss es jetzt animieren, dass man dazu nicht zu faul wird, und dann ist es auch schön.‘“

Manche Ältere sind sexuell aktiver als Jüngere
Die wissenschaftliche Forschung hat den Sex im Alter bislang wenig bearbeitet. Studien unterscheiden sich in Befragungsmethoden und Altersdefinitionen so stark, dass sie miteinander kaum vergleichbar sind. Hier betritt Karolina Kolodziejczak zusammen mit anderen Forschern wissenschaftliches Neuland. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Berliner Humboldt-Universität.

Im Rahmen der breit angelegten „Berliner Altersstudie II“ wurden 1500 Menschen zwischen 60 und 80 zu ihrem Beziehungs- und Sexualleben befragt. Zum Vergleich standen Daten einer Kontrollgruppe aus jüngeren Erwachsenen zwischen 20 und Mitte 30 zur Verfügung.

„Wir konnten belegen, dass 30 Prozent der älteren Erwachsenen häufiger sexuell aktiv waren als der Durchschnitt der jüngeren“, erklärt Karolina Kolodziejczak. „27 Prozent der Älteren haben von mehr sexuellen Gedanken berichtet als der Durchschnitt der jüngeren.“

Zwar sind junge Menschen im Durchschnitt sexuell deutlich aktiver. Doch ein Drittel der älteren wird noch immer einmal in der Woche intim, während der Sex-Durchschnitt der jungen nur einmal pro Monat beträgt. Je nach Studie masturbieren zwischen 12 und 47 Prozent der Frauen über 60 Jahren regelmäßig: manche ein- bis zweimal im Monat, andere einmal im Jahr. Ältere Männer machen das sehr viel häufiger – zwischen 60 und 75 Prozent von ihnen. Sie berichteten in der Berliner Altersstudie auch insgesamt von mehr sexuellen Aktivitäten als Frauen. Und Männer denken auch sehr viel häufiger an Sex.

Mit der Studie konnte belegt werden, so Karolina Kolodziejczak, „dass eine feste Partnerschaft für die weibliche Sexualität im Alter mehr ausmacht als für die männliche Sexualität. Im Durchschnitt sind allein lebende Frauen viel seltener sexuell aktiv als Frauen, die einen Partner haben. Und dieser Unterschied ist bei Männern wesentlich kleiner.“

Wenn der Körper seine Jugend verliert
So haben ältere Single-Männer noch viel öfter Sex, während ältere Single-Frauen eher ganz auf Sex verzichten. Und weil Männer im Durchschnitt eher sterben als Frauen, hören Frauen im Durchschnitt auch früher auf mit einem aktiven Sexleben. Interessanterweise nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf – sie denken nicht mehr daran.

Bilderfluten überschwemmen Menschen heutzutage mit dem Anblick junger, gesunder, digital optimierter Körper, mit denen das eigene Spiegelbild ab spätestens 40 Jahren nicht mehr mithalten kann. So stehen älter werdende Menschen vor der großen Aufgabe, nicht nur den Schmerz über ihre verschwundene Jugend zu überwinden, sondern ihren Körper in Bezug auf Erotik und Sex auch neu zu bewerten.

Dazu gehört auch die abnehmende Erektionsfähigkeit älterer Männer. Frauen erleben mit der Menopause eine hormonell bedingte Veränderung der Schleimhäute in der Vagina. Die Scheide wird trockener und weniger elastisch, was den Sex sogar schmerzhaft machen kann. Auch Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, Krebs, Depressionen, Diabetes, die alle im Alter zunehmen – und die vielen Medikamente, die dagegen helfen sollen –, können die sexuelle Lust mindern.

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