Rotröckchen und der Wilde Wolf
Von
Petronia
10.05.2020, 00:25
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Petronia
10.05.2020, 00:25
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Es war einmal eine süße und Dralle Krankenschwester, die hatte jedermann lieb, der sie ansah. Allerdings hatte sie auch fast jeden Mann lieb, der sie ansah -was ihr nicht gerade einen guten Ruf , dafür ein erfülltes Liebesleben garantierte.
🏼 Petronia
Nun wollte ihr die weiße Tracht ihres Berufes gar nicht gefallen. Sie glaubte fest, dass ihre elfenbeinblasse Haut und das sonnenblonde Haar nach einem Kontrast in rot verlangten, der zu ihren vollen, rubinroten Lippen passte : nach einem Kleidchen, das ihre wohlgerundeten Formen sanft umspielte, oberhalb der halterlosen Strümpfe etwas Haut durchblitzen ließ und auf manche Leute den Eindruck machte, als wolle es im oberen Bereich jeden Moment platzen. Weil sie alle Tage solch ein Kleidungsstück trug ( sie hatte sieben Stück davon ) , wurde sie Rotröckchen genannt.
Eines wunderschönen Sommertages war sie auf dem Weg zu einem Hausbesuch. Eine alte Großmutter, die ganz alleine tief im Wald wohnte, war krank und unser Rotröckchen sollte ihr Speis und Trank bringen. Wie sie nun durch den Wald spazierte, stand plötzlich ein strammer, junger Geselle vor ihr. "Guten Tag, Rotröckchen ", sprach er sie an, " Lust auf einen Tanz mit dem Wolf ?". Das Mädchen betrachtete ihn von oben bis unten und lächelte spöttisch: "Dass Du der Wolf bist, glaub ich nimmermehr. Du siehst mir doch eher wie ein Jäger aus. Aber eine hübsche Flinte hast du da ....". "Das will ich meinen ", prahlte er. "Ich bin der beste Schütze im Wald und habe mit meinem langen Schießgewehr schon so manches Häs'chen erlegt !" "Ohne Widerstand ?" "Es hat sich noch keines beschwert!"
Die leichtfertige Krankenschwester war beeindruckt und wollte seine Schiesskünste kennenlernen. Er legte an, doch als sie neugierig den Lauf berührte, da löste sich der Schusszu früh und verfehlte sein Ziel. " Ein schneller Schütze magst du sein", lachte sie ihn aus, "aber kein guter ! Aus der Hüfte schießen ist nicht alles. Um mich beim Schützenfest als Preis zu gewinnen, musst du wohl noch etwas üben !" Und noch bevor der Jäger nachladen könnte, um einen zweiten Versuch zu wagen, war sie schon davongegangen. Er war schwer getroffen.
In jenem Wald lebte einst auch ein echter Wolf, der war berühmt für seine Jagdkünste, seine rauchige Stimme und seine männlich-großen, schwarzen Füße. Er führte ein freies lustvolles Leben, bis eine kleine Geisha und ihre Weise alte Madame ihm übel mitspielten. Es hieß, der Wolf sei tot, er sei beim versuchten Liebesspiel im Brunnen ertrunken. Aber er hatte überlebt. Er hatte sich von diesem Schlag nie richtig erholt und lebte jetzt, leidend an Körper und Seele, zurückgezogen und unter falschem Namen. Er bewohnte eine Hütte im Wald und nannte sich "Großmutter ".
Eben jene Großmutter war es, an deren Tür jetzt Rotröckchen mit ihrem Speisekorb klopfte. Sie hörte ein jammervolles Grunzen und trat ein. Der Raum war dunkel und alles war schmutzig und in großer Unordnung. "Guten Morgen ", sprach sie, bekam aber keine Antwort. Darauf ging zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter, hatte die Haube tief ins Gesicht gezogen und sah recht wunderlich aus. "Ei Großmutter, was hast du für große Augen ?". "Keine Ahnung, ich will nix mehr von der Welt." ."Ei Großmutter, was hast du für einen großen Mund ?". "Was fragst du mich, mir ist der Appetit vergangen." "Ei, Großmutter, was hast für eine rauche, nun ja, rauchige Stimme und was für schwarze, große...äh...kräftige Füße! Irgendwie wahnsinnig männlich! Du bist der Wolf !" " Lass mich in Ruhe !" sagte er, "ich hab genug vom Leben im allgemeinen und der Liebe im speziellen. Ich will nur noch hier liegen und trinken. Gib mir meine Medizin !" So einfach ließ sich Rotröckchen aber nicht entmutigen. Sie hatte viel von den Liebeskünsten des Wolfs gehört und war nun neugierig geworden. Also zo sie ihm die Nachthaube vom Kopf, damit er sieben der ganzen Pracht ihres roten Kleides betrachten konnte. Entsetzt schlug er die Hände vor die Augen. "Was hast du für ein enges ,rotes, kurzes Kleidchen!" "Damit du mich besser sehen kannst!" "Was hast du für sonnengelbes langes Haar !"
"Damit du dich besser darin festkrallen kannst !" "Und was hast du für volle rote Lippen!" "Damit du mich besser küssen kannst!" rief sie und stürzte sich auf ihn. Und da wusste sie, dass es die Mühe und all die scheinheiligen Fragen wert gewesen war : der Wolf war weiß Gott immer noch ein Wolf, mit seinem struppigen Fell, seinen großen schwarzen Füßen und seinem langen buschigen Schwanz.
Doch die heilsame Behandlung der fürsorglichen Krankenschwester begann gerade richtig Wirkung zu zeigen, da flog mit einem Mal die Tür auf und im Zimmer stand der Jägersmann. "Find ich dich endlich, alter Grauköpfig", rief er, bebend vor Eifersucht " ich habe dich lange gesucht !". Zwar kam der Schuss aus der Flinte wieder zu schnell, diesmal aber traf er sogar. Der Wolf lag regungslos in seinem Blut. Rotröckchen war unbeschreiblich sauer. "Zweimal an einem Tag geht mein Wunsch nicht in Erfüllung " schöpfte sie, "wenn das heute noch einmal passiert, glaube ich nicht mehr an Märchen !"
Sie ließ den verdutzten Jäger stehen und trottete äußerst schlecht gelaunt davon.....
Wird sie einen Prinzen finden, dessen Ausdauer ihr gewachsen ist ?
Wird der Jäger eine Therapie machen und seine voreiligen Schüsse unter Kontrolle bringen ?
Ist der Wolf diesmal wirklich tot ?
Das war der letzte grimmige Ausflug. Mit Grüßen von Christian Moser .