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Der Wolf und die sieben Geishas

Von Feierabend.de Mitglied Petronia Montag 20.04.2020, 01:48

Am Rande des großen, dunklen Waldes stand einst ein Haus, das war weit und breit für die Freude bekannt, die dort herrschte. Eine Weise alte Madame führte dieses Haus. Mit ihr lebten dort sieben junge Geishas, und sie hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Naja, fast so lieb...
Die Geishas waren berühmt für ihre bezaubernden kleinen Füße. Und wer sich mit Geishas auskennt, der weiß kleine Füße zu schätzen! Das Haus sah viele Besucher, und sie alle brachten Geschenke und gingen mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen davon.
Im großen dunklen Wald lebte auch ein zwielichtiger Geselle namens Wolf. Er war faul und besaß keinen roten Heller, doch das bekümmerte ihn nicht. Er nahm das Leben, wie es kam, und die Liebe ebenso: Keine Frau war vor ihm sicher, und war er auch ein zügelloser Geselle mit rauer Stimme und schwarzen Füßen, so erlagen sie doch alle seinem männlichen Charme.
Die Madame wusste das wohl, und als sie eines Tages ausging, um neue Lackschühchen für die bezaubernden kleinen Füße der Geishas zu kaufen, sprach sie: "Solange ich weg bin, seid auf der Hut vor Herrn Wolf ! Wenn er hereinkommt, frisst er euch mit Haut und Haaren. Er wird auch vor euren Füßen nicht halt machen! Und er wird euch keine Geschenke dafür geben ! Der Bösewicht verstellt sich oft, doch an seiner rauen Stimme und seinen schwarzen Füßen könnt ihr ihn erkennen."
Die Geishas versprachen sich in acht zu nehmen und die Madame ging beruhigt von dannen. Kaum war sie gegangen, da erschien auch schon Herr Wolf zwischen den Tannen. Er hatte von den zarten kleinen Füßen gehört und wollte sich den Leckerbissen auf keinen Fall entgehen lassen. Selbstverständlich dachte er gar nicht an's Bezahlen ! Er klopfte zweimal an die Tür und sagte, er sei der Postmannund bringe ein sehr persönliches Einschreiben. Die schlauen Geishas aber durchschauten die List sofort:
"Wir machen nicht auf, wir machen nicht auf ", riefen sie, " unser Postbote lispelt in einem seltenen osthessischen Dialekt, du aber hast eine raue, nun ja rauchige Stimme. Irgendwie wahnsinnig männlich. Vielleicht sollten wir ja doch...." Als die Geishas- zu allem bereit- die Tür öffneten, war der Wolf schon verschwunden. Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein würde.
Herr Wolf frass nun zwei Stück Kreide, spülte sie mit drei weißen Tequilas hinunter und inhalierte zur Sicherheit noch mit etwas Helium. Mit seiner solchermaßen aufgehellten Stimme sprach er alsbald wieder an der Tür des freudenvollen Hauses vor. " Ich habe die Kleinanzeige in der Zeitung gelesen und möchte mich als neue Mitarbeiterin vorstellen. Ich habe ganz bezaubernde kleine Füße!" Die Geishas waren nicht sonderlich erfreut über Konkurrenz im eigenen Haus und so sahen sie erst einmal unter der Tür hindurch, ob die Füße auch bestimmt nicht kleiner und bezaubernder waren als ihre eigenen. "Wir machen nicht auf " riefen sie, "unsere Gäste schätzen zarte weiße Füße mit Schuhgröße 32. Deine Füße aber sind schwarz, groß , kräftig und irgendwie unglaublich männlich! Komm rein! Kommen !" Herr Wolf jedoch hatte wieder zu schnell aufgegeben und war bereits weg. Die Geishas wurden langsam nervös.
Der Schurke quälte sich derweil in lächerlich kleine knallrote Schnürstiefelchenmit 10cm hohen Pfennigabsätzen, die er im besten Reizwäschegeschäftdes Waldes besorgt hatte. Sie hatten ihn nicht mehr als ein Viertelstündchen mit der Verkäuferin gekostet, die allerdings ziemlich große Plattfüße mit Hühneraugen hatte. Kein Vergleich zu den Geishas. So ausgestattet klopfte er nun ein drittes Mal an die Tür des inzwischen gar nicht mehr so freudigen Hauses. Die Geishas nämlich waren mit ihren Nerven am Ende, weil sie befürchteten, den netten Herrn Wolf endgültig verjagt zu haben. " Ich bin es, die Reinemachefrau! Ich komme, um eure Bettchen frisch zu beziehen und die Whirlpools zu schrubben!"
Sehr gelangweilt und mittlerweile höchst unvorsichtig, öffneten die Geishas die Tür und trauten ihren Augen nicht: Vor ihnen stand nicht die missgelaunte alte Putzfrau, sondern der nichtsnutzige, leichtlebige, zahlungsunfähige Herr Wolf mit seinen struppigen Haaren und seinem langen, buschigen Schwanz. Und er war wirklich unwiderstehlich männlich! Sie versuchten nicht einmal sich zu verstecken.
Der Wolf machte kein langes Federlesen und nahm sie alle: eine im Bett, eine auf dem Boden, eine in der Badewanne, eine im Schrank, eine auf dem Tisch und eine im Kasten der großen Wanduhr. Dann aber ging ihm die Luft aus . Und die Lust. Sechs Geishas sind auch für den größten und stärksten Wolf genug. So bezaubernd ihre kleinen Füße auch sein mögen. Als er seinen Spaß gehabt hatte, trollte er sich. Ohne Geschenke, ohne Dankeschön und ohne zum Frühstück zu bleiben. Er legte sich unter den nächsten Baum auf die grüne Wiese, zündete sich eine Zigarette an und schlief ein.
Nicht lange danach kam die Madame zurück. Ach, was musste sie erblicken ! Die Haustür offen, Stühle und Tische waren umgeworfen, Decken und Kissen aus den Betten gezogen, der Whirlpool übergelaufen. Sechs ihrer kleinen Geishas lagen erschöpft, aber glücklich herum und rauchten Zigaretten, die siebte kochte vor Wut. Sie könnte es nicht fassen, dass der ungebetene Besucher sie als einzige verschmäht hatte und neidete ihren Kolleginnen das Vergnügen, das es so offensichtlich gewesen war. So verriet sie alles der Madame. Da könnt ihr euch vorstellen, wie die gute Alte über den großen Verdienstausfall geweint hat. Dann aber ging sie hinaus und fand Herrn Wolf, wie er unter dem Baum schlief und schnarchte, dass die Äste wackelten.

Und morgen schreibe ich weiter....
Geborgt für Euch bei Christian Moser. Von Petronia

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