Unterm weißen Bäume
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 08.04.2021, 13:52
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Unterm weißen Baume sitzend,
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst, wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;
Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren; -
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.
Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon, mit Schneegestöber
Hab der Baum dich übergossen.
Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freudgem Schrecken;
Duftge Frühlingsblüten sind es,
Die dich necken und bedecken.
Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maie,
Schnee verwandelt sich in Blüten,
Und dein Herz es liebt aufs neue.
Heinrich Heine 1797-1856
Als junger Mann steht Heinrich Heine vor der Frage: Heimat oder Freiheit? Frustriert von Zensur und Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts, zieht er nach Paris - und sehnt sich doch stets nach Deutschland zurück.
Der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte Heine einmal "den bedeutendsten Journalisten unter den deutschen Dichtern und den berühmtesten Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt."