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LUSTMORD

Von Feierabend-Mitglied Montag 27.07.2020, 21:58

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Ich hatte es gestern schon mal unter Alltagsfragen eingestellt, aber jetzt nochmals hier, denn irgendwie fand das nette Gedicht- dort keinen Anklang.

Also:

Sie stänkerte. Dennoch habe ich sie –
weil sie käuflich war -gekauft.
Und habe, vielleicht aus Ironie,
Sie „Mucker“ getauft.

Ich riss ihr gierig mit rauer Hand
die einzelnen Kleider herunter;
Zunächst ein leichtes Flittergewand,
dann anderen, gröberen Plunder.

Und Rock und Röckchen nach Röckchen fiel
herab. Ich riss und zerfetzte
mit Wollust. Ich wollte, -das war mein Ziel-
das Nackte, das Wahre, das Letzte.

Doch immer, wenn ich das rosige Glück
der Nacktheit zu schauen vermeinte,
kam wieder noch irgend ein Kleidungsstück.
Ich wütete weiter, ich weinte.

Doch als ich sie völlig enthemdet
hatte, blieb nichts, restlos nichts.
Und in dieses Nichts bohrt befremdet
der Stachel meines Gedichts.

Jedoch erübrigt sich jede Kritik,
jeder Kommentar,
weil Die, von der ich hier rede,
eine Zwiebel war.


Wünsche Allen eine schöne Woche und natürlich gesundheitlich alles Guute, auch wenn wir -zumindest ab und zu mal- in der Küche weinen müssen!



PS: Übrigens: Meine Oma nannte früher auch Frauen/Mädchen, die "durchtrieben" waren, ... eine Zwiebel!

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