Honigmond
Von
Fiddigeigei
Mittwoch 01.09.2021, 07:13
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Fiddigeigei
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Honigmond und Heublume
Gestern wars, als ich über eine Wiese ging, die vor kurzem gemäht wurde. Das Gras lag in breiten Schwaden zum trocknen ausgebreitet und in der Luft herrschte ein Duft, ein unnachahmlicher Duft, gegen den kein Parfüm der Welt anriechen konnte.
Ich sog alles in mich auf und im Weitergehen erinnerte ich mich an meine Zeit als Jüngling.
An die Zeit des Honigmondes und an eine Heublume.
Und in mir stiegen Erinnerungen hoch, wie in Sommernächten, der Honigmond am Himmel stand und an die vielen Verliebten dieser Welt, die gerade über eine frisch gemähte Wiese Hand in Hand schritten ; und sich ein weiches Plätzchen auf einem Heuhaufen suchten.
Um sie herum war ein betörendes Duften und Glühwürmchen schwirrten mit gedimmtem Licht, damit die Liebenden nicht erschraken.
Man sah im Liegen, engumarmt hinauf in die Welt der Sterne und des Honigmondes und wenn es eine Sternschnuppe gab und die gabs ganz gewiss, dann drückte man sich die Hände und wünschte sich etwas, was niemand wissen oder hören durfte.
Man schwor sich ewige Treue und der Jüngling holte jeden Stern vom Himmel, den sich sein Mädchen wünschte.
Bevor man zurück in das reale Leben gehen musste, nahm man seiner Liebsten die verräterischen Heublumen aus dem Haar, denn niemand sollte von ihrem kleinen Glück im weichen duftenden Heu erfahren.
Sommerlied
O Sommerfrühe blau und hold!
Es trieft der Wald von Sonnengold,
In Blumen steht die Wiese;
Die Rosen blühen rot und weiß
Und durch die Felder wandelt leis'
Ein Hauch vom Paradiese.
Die ganze Welt ist Glanz und Freud,
Und bist du jung, so liebe heut
Und Rosen brich mit Wonnen!
Und wardst du alt, vergiß der Pein
Und lerne dich am Wiederschein
Des Glücks der Jugendsonnen.
Franz Emanuel August Geibel 1815 – 1884
Wie ich eine Stunde später wieder zu der Wiese kam erschrak ich.
Die Technik hat den heutigen Liebenden jene einmalige, natürliche, duftende und romantische Liegestatt genommen.
Ein Mensch, der nie erlebt hat, wie schön es sich anfühlt vom Heu umhüllt zu träumen, hat die Heuballenpresse erfunden. Heuballen sind hart gepresst und unfähig ein vom Honigmond beschienenes Pärchen glücklich zu machen.
Die Welt der Liebenden ist um das himmlischste Bett der Welt gebracht, das Bett aus Heu.
Au lieu de rêver d'une lune de miel toute sa vie, il vaut mieux mettre un peu de miel dans chaque lune de la vie
Anstatt ein Leben lang von Flitterwochen (wörtlich Honigmond) zu träumen, ist es besser, etwas Honig in jeden Mond seines Lebens zu bringen.
Renée Massip (1907-2002), französische Romanautorin