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Grenzen der Menschheit

Von Seherin Freitag 24.07.2020, 21:05

Wenn der uralte heilige Vater
mit gelassener Hand aus rollenden Wolken
segnende Blitze über die Erde sät,
küß ich den letzten Saum seines Kleides,
kindliche Schauer treu in der Brust.

Denn mit Göttern soll sich nicht messen irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne,
nirgends haften dann die unsichern Sohlen,
und mit ihm spielen Wolken und Winde.

Steht er mit festen, markigen Knochen
auf der wohlgegründeten dauernden Erde,
reicht er nicht auf, nur mit der Eiche
oder der Rebe sich zu vergleichen.

Was unterscheidet Götter von Menschen?
Daß viele Wellen vor jenen wandeln,
ein ewiger Strom: uns hebt die Welle, verschlingt die Welle,
und wir versinken.

Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben,
und viele Geschlechter reihen sich dauernd
an ihres Daseins unendliche Kette.


Johann Wolfgang von Goethe

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